Teilen hat Zukunft

Wir teilen gern. Meistens. Kommt drauf an, was es ist. Die Zahnbürste behalte ich doch gern für mich. Tisch und Bett … naja, Sie wissen schon. Unsere Jungs ziehen gelegentlich mal ein Hemd von mir an, aber die Bohrmaschine würde ich auch Bekannten leihen, die damit umgehen können (nach meiner Einschätzung). Genauso würde ich es machen mit unserem Auto, dem Toaster und dem Rasenmäher und noch ein paar Dingen. Ein Papier-Taschentuch oder was zu essen und immer wieder Zeit würde ich sogar verschenken! Auch kleinere Geldspenden. Dann finde ich mich großzügig.

In weltweitem Maßstab haben wir schon begonnen, unser Land zu teilen mit denen, die später gekommen sind als wir, weil sie in ihrem Land gerade nicht wohnen können. Seit je her teilen wir Luft und Wetter, nur Öl, Tropenholz und ein paar Seltene Erden hätten wir bevorzugt für uns und bezahlen darum lieber genau so viel mehr dafür, wie die anderen gerade nicht bezahlen können. Also nicht wirklich wir. Die Konzerne machen das sozusagen in unserem Namen. Alle wissen, dass es nicht mehr lange so gehen kann, aber so lange es geht, kann man es ja noch machen.

In der Evangelischen Kirche hat der morgige Sonntag einen Namen: Rogate, betet! Mit Gott reden ist teilen. Ich teile Sorgen und Freude, ich kann Angst bei Gott abladen und ihn bitten, sie zu verwandeln. Ich teile mich mit und hoffe, erwarte, dass Gott das auch tut. Das tut Gott auf seine Weise und bei jedem Menschen anders. Auf lange Sicht kann es sein, dass Gott uns umgestaltet zu Menschen, die ganz normal im Teilen-Modus leben – nicht nur mit Gott. Nachbarschaftshilfe, Leihgemeinschaften, WGs, Altes aufpolieren und weiter verwenden, Mehrgenerationen-Häuser, Couchsurfen, Teilen wird von immer mehr Menschen, gerade den jungen, als lustvoll und zukunftsfest erkannt. Rüstige Rentner teilen ihr Wissen und ihre Erfahrung mit Jüngeren, in Berlin soll das Stromnetz in Bürgerhand übergehen, in Kairo recyceln koptische Christen bis ins Kleinste 80% des Mülls der 8-Millionen-Stadt und leben davon.

Teilen ist im Kommen. Für mich beginnt es mit dem anderen Blick: Wir sind nur dann Konkurrenten, wenn wir uns so sehen wollen. Wir müssen das aber nicht. Viel öfter ergänzen wir uns, können uns gegenseitig aus- und aufhelfen. Teilen hilft, uns gegenseitig als Menschen wahrzunehmen. Mehr geht nicht. Also lassen Sie uns das Teilen üben bis zum Geht-nicht-mehr: Lachen, Mut, Trauer, Wut, neue Ideen, Bohrmaschinen, Ferien, die eigene Sprache oder Sprachlosigkeit. Wie sagt man so schön: Hände, die teilen, erzählen von Gott. Herzen bestimmt auch.

In diesem Sinne, Ihr Matthias Hoffmann, Pfarrer an der Christuskirche in Lendringsen