„Steh auf, meine Freundin!“ „Steh auf, mein Freund!“

Liebe Leserinnen und Leser,
als Gemeindereferentin bin ich für die Taufvorbereitung verantwortlich. Da überwiegend Kinder getauft werden, bereiten wir vor allem Eltern und Paten auf die Taufe ihrer Kinder bzw. Patenkinder vor. Dabei stellen wir fest, dass das Geschehen der Taufe als Familienfest gerne gefeiert wird, aber kaum in den Alltag der Familien hineinwirkt.

Wann haben Sie das letzte Mal an Ihre Taufe gedacht? Können Sie sich vorstellen, dass Ihr Getauftsein Auswirkungen auf Ihr Leben bis hinein in Ihren Alltag haben könnte? Vielleicht haben Sie Lust, mit mir ein wenig auf Spurensuche zu gehen. Was ist der „Mehr-Wert“, den die Taufe uns heute schenkt? Warum sollten wir unser Kind taufen lassen?

Zur Beantwortung müssen Sie mit mir noch einen Schritt zurück gehen. Wir Menschen fragen nach Sinn in unserem Leben. Auf diese Frage gibt es unterschiedliche Antwortmöglichkeiten. Auf welche Annahme wollen wir unser Leben gründen? Ganz gleich, wie wir uns entscheiden: Sicher ist, dass wir diese Entscheidung nicht auf Grund von Wissen treffen können. Ob wir auf die Existenz Gottes setzen oder sie verneinen, in beiden Fällen können wir keine Beweise anführen, sondern sind auf den Glauben verwiesen.

Wir Christen setzen auf die Karte: „Gott existiert!“. Wir glauben an den Gott, den die Bibel uns vorstellt, als den Schöpfergott, der alles Sein ins Leben liebt.

Wir glauben an Gott, den Jesus Christus seinen Vater nennt. Wir glauben an den Gott, der jedem Menschen mit seiner bedingungslosen und unendlichen Liebe zugewandt ist. Dieser Glaube hat für uns ein ganz neues Selbstbild und ein neues Bild von unseren Mitmenschen zur Folge.

Jesus sagt: „Ich habe euch Freunde genannt, denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.“ Freunde sind Gleichgestellte, mit ihnen teilt man sein Leben. Freunde Jesu wissen um die unverlierbare Würde jedes Menschen. Gott hat sein unwiderrufliches „Ja, ich stehe zu dir!“ zu jedem von uns gesprochen.

Taufe bedeutet dieses „Ja“ Gottes anzunehmen. Das verändert alles. Es befreit uns von dem Zwang, unser Leben selbst zu rechtfertigen. Es kommt nicht auf meine Leistung an, sondern Gott nimmt mich so an, wie ich bin. Durch die Erinnerung an unsere Taufe dürfen wir uns selbst vergewissern, dass wir absolut geliebt sind, unabhängig davon, was uns in unserem Leben gerade gelingt oder misslingt. Getaufte dürfen jederzeit wieder neu anfangen. Gottes Liebe ist nicht brüchig, wie die Liebe, die wir von Menschen erfahren. Sie ist nicht ambivalent wie manchmal die Liebe von Eltern, die sie mit dem Anspruch von Dankbarkeit verbinden oder ihre Kinder in der Liebe festhalten wollen.

Immer wenn wir an uns selbst zweifeln, wenn wir uns minderwertig fühlen, dem Druck der Erwartungen nicht mehr standhalten können, dann kann die Erinnerung an unser bedingungsloses Angenommen-sein in der Taufe uns helfen, uns selbst bejahen und lieben zu können. Das lässt uns aufstehen und selbstbewusst durch Leben gehen. Wollen wir das uns und unseren Kindern vorenthalten?

Regina Bauerdick, Gemeindereferentin