Pulks von Gästen im Winterhof

Sommerfest für die Bundesregierung im Juni 1984, ausgerichtet vom Land NRW in Bonn am Rhein. Für Speis und Trank sorgten die heimischen Gastronomen Friedrich-Wilhelm Griese (l.) und Heinz Wilms (2.v.l.). Dritter im Bund war Gernot Böttrich, Direktor der Brauerei Iserlohn. Neben ihm die Chefkochs von Winterhof und Ellebrecht-Wilms, Asholt und Tabel.
Sommerfest für die Bundesregierung im Juni 1984, ausgerichtet vom Land NRW in Bonn am Rhein. Für Speis und Trank sorgten die heimischen Gastronomen Friedrich-Wilhelm Griese (l.) und Heinz Wilms (2.v.l.). Dritter im Bund war Gernot Böttrich, Direktor der Brauerei Iserlohn. Neben ihm die Chefkochs von Winterhof und Ellebrecht-Wilms, Asholt und Tabel.
Foto: WP

Menden. Das klang wie ein Geständnis: „Als ich meine Lehre begann, wusste ich nicht, was ein Steak war.“ Das sagte mir ein Mann, dem später die Anerkennung gebührte, eines der führenden Ausflugslokale im Kreis Iserlohn zu leiten. Der Werdegang von Friedrich-Wilhelm Griese (Jahrg. 1938) zeigt, dass man alles schaffen kann, wenn man nur will. Anfangs hat er Einzelhandelskaufmann in Feinkost gelernt, dabei auch Hotels beliefert und, wie er sagt: „Spaß daran gefunden.“ Das Ergebnis: Er hat umgeschwenkt in den Beruf als Koch und Serviermeister. Mit diesem Können in der Hinterhand hat er sich an das Abenteuer „Winterhof“ im Stephanopeler Tal gewagt, den er 1973 kaufte und bis 2005 als eine der erfolgreichsten Ausflugsgaststätten betrieb, eine, die von vielen Mendenern gerne aufgesucht wurde. 2007 wurde der Winterhof abgerissen, weil sich kein Nachfolger an solch ein großes Projekt herantraute (sieh Teil 1).

Der Mendener Ratsherr Theo Klusendick, der einen Wanderführer geschrieben hat, hat jeden Kilometer ab Menden ins Stephanopeler Tal unter die Füße genommen und beschrieben. Er war oft bei Griese im Winterhof. Heiner Gantenbrink von der Lampenfabrik ebenfalls, „aber da wusste ich noch nicht, wer er war“, lachte FW Griese.

Wanderer fielenüber Erbsensuppe her

Mehrere Glücksfälle kamen 1973 zusammen und erleichterten FW Griese den Start im Winterhof: Die Einführung der Hubertusjagd und die „warmen Platten“. Beides gab es vorher noch nicht im Stephanopeler Tal (Teil 1). Und dann halfen die vier autofreien Sonntage im November 1973, die „von oben“ als Gegenmittel gegen die Ölkrise verordnet waren. „Am ersten Sonntag war noch nichts los bei uns im Winterhof“, sagte Griese, „aber dann habe ich Anzeigen in den Tageszeitungen geschaltet, geschwärmt, wie schön es in der abgasfreien klaren Luft ist, habe mit Erbsensuppe geworben zur Stärkung für Wanderer und Radfahrer.“ Und dann kamen ganze Pulks von Gästen.

Griese sah sie schon von Weitem, alarmierte das Personal. Die Erbsensuppe schwappte heiß im Kessel, die Küche hat gebrutschelt, was Kühlhaus und Lagerhaus nur hergaben. War die Erbsensuppe weg, kam das nächste Gericht dran. War auch das verputzt, wurden Schnitzel gebraten. Es muss wie auf einem Schützenfest zugegangen sein. „40 Jahre ist das jetzt her“, und erkennbar geht Griese bei diesen Erinnerungen immer noch das Herz auf.

Ab 6 Uhr morgensExtra-Lohn für Gäste

Werbung, richtig formuliert, versteckt Schwächen, kann wunderbar ansprechen. Entsprechend aufgemacht war die Werbung, kaum dass die Straße durchs Tal fertig gestellt war. Friedrich-Wilhelm Griese erinnert sich noch, dass die Kreisbahn nach dem Krieg Panoramabusse einsetzte, um den Augen der Fahrgäste möglichst viel zu zeigen. Der Erwartungsdruck war hoch angesichts solcher Werbe-Aussagen wie „Das Stephanopeler Tal, eines der schönsten Täler des Sauerlandes – Das ideale Ausflugsziel in den Gasthof Sommerfrische Winterhof“.

In den 60er Jahren, als es FW Griese dort noch nicht gab, fuhren nicht wenige junge Leute aus Menden auf Spritztour ins Stephanopeler Tal. Am Winterhof vorbei zu einem kleinen Fachwerkhaus, wo es in einer Art Wohnzimmer Äppelwoi gab, Apfelwein, und der war „in“. Ein begehrtes Getränk aus dem Frankfurter Raum. Allerdings war da die Promillegrenze noch nicht so rigoros wie heute.

Etliche dieser jungen Leute von damals, zu denen auch ich gehörte, schwärmten erst später vom Winterhof und seinen Reizen. So hatte FW Griese einen Schlager gelandet, als er seinen Gästen anbot: „Wer bis 6 Uhr morgens bleibt, kriegt Frühstück umsonst mit Rührei aus der Pfanne, Schinkenplatte und Kaffee“. So lange bin ich nie geblieben. Irgendwie aber erinnert mich das an den Höllenwirt Heinz Kemper, der es ebenfalls meisterhaft verstand, seine Gäste von zu Hause „fern“ zu halten.

Für Menden einunbequemer Partner

In Menden kennt man F.W. Griese nicht nur aus seiner Tätigkeit im Winterhof, sondern auch als nicht gerade bequemen Verhandlungspartner der Stadt. Griese hatte die Wilhelmshöhe 1987 gepachtet, kaum dass sie mit erheblichen Zuschüssen des Regierungspräsidenten Arnsberg renoviert worden war. Aber an diesem Geldgeber entzündete sich auch der Zorn Grieses. Denn die Stadt Menden, so grollt er noch heute, hatte ihm die Bewirtschaftung nicht nur des Restaurants, sondern auch der Säle versprochen, doch diese Zusage nicht einhalten können, weil Arnsberg kategorisch Nein sagte und wollte, dass die Säle von den Bürgern auch ohne Pächter gebucht werden konnten. „Ich wäre in Menden geblieben, wenn alles anders gelaufen wäre“, ärgerte sich Griese. Eine teure Kücheneinrichtung hatte er schon angeschafft. So aber blieb es ein Kurzgastspiel von 1987 bis 1991, bis zur Vertragsauflösung. Dass der Kontakt zu Menden dennoch gut geblieben ist, dafür sorgt seine Frau Christel Barthelmes geb. Bierkämper.

„Nebenstraßen-Wirtmit Großveranstaltungen“

Die Wilhelmshöhe mit ihren Sälen wäre keineswegs eine Nummer zu groß gewesen für FW Griese. Er hat als Winterhof-Gastronom so prestigeträchtige Veranstaltungen gemeistert wie 150 Jahre Südwestfälische Industrie- und Handelskammer, 175 Jahre Reinhard-Papier-Union, 300 Jahre Sundwiger Messingwerk und 100 Jahre Brauerei Iserlohn. Das Brauerei-Jubiläum war 2001. Wobei er da mit der Brauerei-Führung ins Gericht geht: „Den Auftrag hätte sie an den Wirteverein geben müssen, nicht an mich allein. Da kann ich den Aufschrei der anderen verstehen“.

Wie dem auch sei, seine Anerkennung hatte sich der „Nebenstraßen-Wirt vom Winterhof“, wie er sich mit dem ihm eigenen rauen Charme selbst nannte, dennoch verdient. Warum sonst wohl hätte er zusammen mit Heinz Wilms (†) von „Ellebrecht-Wilms“ den Auftrag erhalten, 1984 das Sommerfest des Landes NRW für die Bundesregierung in Bonn auszurichten? Dr. Carl Schmöle ließ sich zur Feier seines 100. Geburtstags aus Menden in den Winterhof fahren. Mehr Anerkennung geht nicht.

Das Geheimnis des Erfolges lieferte mir FW Griese gleich mit. „Wir haben im Winterhof sehr viele junge Leute als Koch und Restaurant-Fachleute ausgebildet, zum Teil Kollegen-Söhne und -Töchter, die heute als Küchenchefs in Krankenhäusern und Seniorenheimen tätig sind. Und“, so fügte er an, „wir haben kaum Fluktuation gehabt. Unter den Mitarbeitern haben sich enge Kontakte und Freundschaften gebildet, die noch heute bestehen. Und ich habe meinen Mitarbeitern nie zugemutet, was ich nicht selbst gemacht hätte.“

Das alles scheint das Rezept für Qualität und Kundentreue im und zum Winterhof gewesen zu sein.

Esskultur liegt alsEllbogen auf dem Tisch

Streitbar ist F.W. Griese auch mit fast 77 Jahren noch. Seine Schelte sollten sich manche Eltern hinter die Ohren schreiben: Vehement beklagt der Gastronom schon seit Jahren, dass viele Kinder keine Tischmanieren mehr haben. „Die Kinder wissen nicht mal mehr, dass die Gabel links und das Messer rechts vom Teller liegen.“

Seine Kritik entzündet sich auch daran, dass viele Jungen und Mädchen keinen gedeckten Tisch mehr kennen, weil man die Familien kaum mehr zusammen an einem Tisch sieht und dass insgesamt die deutsche Esskultur darnieder liegt bis hin zum aufgestützten Ellenbogen auf der Tischdecke.

Wohin das führt, machte vor kurzem noch die Tagespresse deutlich, als sie von Technikerschulen berichtete, die ihren Absolventen dringend gute Manieren nahe legten als einen der Wege, zum Erfolg zu kommen. Entsprechende Kurse sollen sie belegen. Ein Ingenieur drückte es noch drastischer aus als FW Griese, als er in einem Leserbrief schrieb: „Was ich heute teilweise an Manieren, Tischmanieren wie Manieren im Umgang miteinander, bei Kollegen mitbekomme, da graut mir. Da wird das Essen reingeschaufelt wie auf der Baustelle und der Gegenüber dumm stehen gelassen oder gar unhöflich behandelt. Solche Leute werden dann auf Kunden und Mitmenschen losgelassen. Daher Lob an die, die sich für Manieren interessieren und einen Kurs belegen.“ FW Griese dürfte diese Aussage freuen.

Broschüre: „Darüberlacht der Winterhof“

Friedrich-Wilhelm Griese zog sich nach den Querelen in und mit Menden wieder zurück in sein Stammhaus, den Winterhof im Stephanopeler Tal. Seit jeher war dieses Anwesen im idyllischsten Teil Hemers Anziehungspunkt für viele Mendener. Heute sind dort, wo einst gastliche Gemütlichkeit herrschte, wo viele müde Wanderer die Füße ausstreckten und wo der Teich mit seinen Kähnen zum Verweilen einlud, Wohnhäuser gebaut. Friedrich-Wilhelm Griese hat den Winterhof von 1973 bis 2005 selbst bewirtschaftet. Insgesamt sogar 50 Jahre in der Gastronomie hat er auf dem Buckel. „Aber 50 Jahre sind wohl genug. Über all die Jahre kein freier Samstag, kein freier Sonntag.“

Ich kann das nachvollziehen, aber mit Bedauern.

Geblieben ist in nur noch wenigen Exemplaren eine Broschüre, in denen die Geschichte des Winterhofs verewigt ist und mit der sich Gäste des Restaurants die Zeit bis zum Essen vertreiben konnten. Titel „Darüber lacht der Winterhof“. Dabei wird der Beruf des Gastronomen textlich und zeichnerisch auf die Schüppe genommen. Ein Privileg, wie Griese es nennt, das nur einem kleinen ausgewählten Kreis von Berufen vorbehalten sei, den Lehrern, Ärzten, Pfarrern, Politikern und eben den Gastronomen. Gleich zu Anfang dieses lesenswerten Heftes eine dringende Empfehlung, die bis heute Gültigkeit hat.

„Die unentbehrlichste Eigenschaft eines Kochs ist die Pünktlichkeit. Auch der Gast sollte sie besitzen. Zu lange auf einen verspäteten Gast zu warten, ist eine Rücksichtslosigkeit allen Anwesenden gegenüber. Eine versäumte Viertelstunde kann jedes Gericht verderben.“

Hausfrauen wissen davon ein Lied zu singen.