Paukenschlag mit Holland-Woche und kurzen Röcken

So haben viele Mendener das Feinkostgeschäft noch in Erinnerung.
So haben viele Mendener das Feinkostgeschäft noch in Erinnerung.
Foto: WP

Menden..  Eigentlich konnte Josef Schulze Bertelsbeck (Jahrg. 1925) gar nichts besseres passieren, als sich eine neue Bleibe suchen zu müssen für sein Feinkost- und Delikatessengeschäft. 1950 angefangen in der alt eingesessenen Drogerie August Weine an der Hauptstraße 28. Erst für acht Jahre gemietet, 1957 großzügig umgebaut und für weitere 10 Jahre gepachtet. Aber es blieb dennoch ein, wenn auch edles, Geschäft mit beschränktem Raumangebot. Aber auch das erste Selbstbedienungsgeschäft in Menden. Im Wissen, dass es keinen weiteren Pachtvertrag an der Hauptstraße 28 geben würde, weil Eigenbedarf vorlag, suchten Josef Schulze Bertelsbeck und seine Frau Anni, geb. Hagedorn (1931-2014), an der Hauptstraße nach einem neuen Ladenlokal. Keine einfache Aufgabe, denn im Stadtkern war nahezu alles vergeben.

„Hotel zur Post“wurde Delikatessengeschäft

Stadtpläne und Bauzeichnungen durchforstete das Ehepaar und ging alle Grundstücke durch. In seinen „Erinnerungen“ schrieb Josef Schulze Bertelsbeck: „Wir entdeckten eine schwache Stelle beim ,Hotel zur Post’, wo man seit Jahren wegen der geringen Erträge nicht mehr zurecht kam…“ Nach hartnäckigen Verhandlungen, die fast durch eine plötzlich ebenfalls interessierte Brauerei zerstört worden wären, kam der Verkauf 1963 zustande. Schulze Bertelsbeck hatte eine Traumlage an der Unnaer Straße 3 gefunden.

Ware per Aufzugaus dem Kühlkeller

Plötzlich entstanden Verkaufsdimensionen, die für Menden großartig waren. Mir liegen Zeitungsausschnitte vor mit der Schlagzeile „Umbau eines Hotels zum Großraumladen mit abgeschlossener Drogerie und Feinkostabteilung“. Was dann zwei Jahre später, 1965, innerhalb weniger Monate passierte, war in Planung und Ausführung eine Meisterleistung.

Im gesamten vorderen Altbau des ehemaligen Hotels, so hieß es, mussten nicht nur alle tragenden Wände, Kamine und das Treppenhaus abgebrochen werden, es musste zudem auch die Kellergeschossdecke um 50 Zentimeter tiefer gelegt werden, damit der spätere Großraumladen nicht über Stufen zu begehen war.

Nach dem Umbau nahm der 500 Quadratmeter große Keller erforderliche Lagerräume, Kühlraum und Tiefkühlraum, Maschinenraum und zentrale Ölfeuerungs-Anlage auf. Eins höher, im Erdgeschoss, aber tat sich ein neues „Reich“ auf, das Träume erfüllte, an die vorher wohl niemand geglaubt hätte. 80 Quadratmeter große Drogen- und Kosmetikabteilung, dazu eine Feinkostabteilung mit offener Feinkostküche. Zusammen rund 400 Quadratmeter. Versorgt mit Ware wurde der Laden im Erdgeschoss per Aufzug aus dem Keller. Sogar Blumen wurden angeboten.

Haus Vollmer auchnoch einverleibt

Da waren auf einmal Angebote, die Käufer aufhorchen ließen. Feinkost Schulze Bertelsbeck sprang in der Wertschätzung ganz nach vorn, auch im Kreis Iserlohn und darüber hinaus. Als das Geschäft 1965 eröffnete, hatte es alles, was sich das Ehepaar Josef und Anni Schulze Bertelsbeck nur wünschen konnte: Viel Raum und einen eigenen großen Kunden-Parkplatz hinter dem Haus. Damals wie heute ein unschätzbarer Vorteil gegenüber der Konkurrenz.

Aber das Ende der Expansion war noch nicht erreicht. 1986 kaufte Schulze Bertelsbeck das Nachbarhaus Vollmer, Unnaer Straße 5, in dem sich das Modegeschäft Otto Rest befand. Es wurde abgerissen, neu aufgebaut und integriert. Wieder wuchs die Ladenfläche, diesmal um 150 Quadratmeter auf mehr als 500 Quadratmeter.

1,7 Tonnen Käseaus Holland verkauft

Schon mit den großzügigen Quadratmetern, über die das Feinkostgeschäft seit 1965 verfügte, und mit einem sehr breiten Bürgersteig konnte man wuchern. Und das passierte auch. Nicht nur zum Wohle der Betreiber, auch der Stadt Menden. Aktionen gab es Schlag auf Schlag. 30 gut geschulte Angestellte sorgten für einen reibungslosen Ablauf.

Unvergessen die Schlagzeile in den Zeitungen, als 1967 eine spektakuläre Hollandwoche lockte: „Der rote Rock war früher länger.“ Da war der Blick der Männer nicht von Käserädern gefangen worden, sondern erst mal an den kurzen Röcken der Holländerinnen, der Meisjes, hängen geblieben.

Die „Neuwieder Hefte“, ein Fachorgan der Lebensmittelbranche, jubelten: „Der 42-jährige Lebensmittelkaufmann und Drogist Josef Schulze Bertelsbeck im kleinen Sauerlandstädtchen Menden, südöstlich Dortmund, hat seinen Kollegen die Durchführung einer Hollandwoche vorexerziert und ungewöhnlichen Erfolg gehabt… Die ganze Stadt sprach von dem werblich geschickt aufgezogenen Ereignis.“ Um nur eine Zahl zu nennen: Der Käseumsatz wurde in dieser Woche um 700 Prozent gesteigert. Insgesamt wurden 1,7 Tonnen Käse aus Holland verkauft.

Fernsehkoch Paßließ sich löchern

Die Stadtspitze nahm teil. Bürgermeister Schött, Stadtdirektor Dr. Rips, sogar der holländische Konsul eilten herbei. Draußen Musikkapellen und entsprechende Schaufensterdekoration. Der gesamte Laden war mit Wimpelketten geschmückt. Sogar eine Windmühle hatte das Niederländische Büro für Milchwirtschaft zur Verfügung gestellt.

1968 folgte eine Woche lang der Besuch der „Wickinger“, eine Woche mit dänischem Käse. 20 Zentner Käse aus dem Norden wurden von den Kunden verlangt.

Auch das kannten die Mendener Haufrauen bislang noch nicht: Mit Werner Paß eilte ein echter Fernsehkoch nach Menden und ließ sich von den Kundinnen im Feinkostladen „löchern“. Sein Leibgericht: Ein saftiges abgehangenes Steak mit Spargelsalat, danach Himbeercreme. Mancher Hausfrau dürfte das Wasser im Mund zusammengelaufen sein.

1200 „Berliner“im Schaufenster gebacken

Ideen hatte Josef Schulze Bertelsbeck immer. Den Mut, sie zu verwirklichen, auch. Unvergessen die Sonderschau „Altes Brauchtum“. Anziehungspunkt für alle Kunden das Motto: „Wie zu Großmutters Zeiten“. Da konnten viele mitreden. Einkaufen mit Show. Die Schweizer waren da, die Franzosen auch. Sie warben mit ihren Produkten. Schulklassen erlebten mit den Schaufenster-Dekorationen erstaunlichen Erkundeunterricht.

Neue Wege zum Erfolg: Schon früh befand Schulze Bertelsbeck, dass Vielfalt die größte Attraktion war. Auch ein Shop in Shop. Er nahm 1965 die Bäckerei Carl Schulte mit ins Boot. Die Kunden staunten, wie an zwei Tagen in einem Schaufenster Berliner Ballen gebacken wurden. 1200 davon wurden an diesen beiden Tagen verkauft. Unfassbar.

Zum 40-Jährigenan der Feinkost-Spitze

Hatte Schulze Bertelsbeck anfangs darauf verzichtet, eine eigene Fleischtheke anzubieten, weil er rundum gut geführte Metzgerbetriebe kannte, nahm er 1988 dann doch die Fleischerei Hackethal mit ins Boot. Ein weiterer Anziehungspunkt.

Zum 40-jährigen Jubiläum 1990 war Feinkost Schulze Bertelsbeck in aller Munde weit über den Märkischen Kreis hinaus. Es war das führende Geschäft, bot auserlesene Delikatessen, beste Weine, eine umfangreiche Obst- und Gemüse-Abteilung, dazu internationales Käseangebot, Fisch-Delikatessen und eine Präsent-Abteilung, die ihresgleichen suchte.

„Grüne Wiese“als Konkurrenz

1986 bereits war Tochter Andrea ins Geschäft eingestiegen, hatte sich vom Schuldienst beurlauben lassen, eine zweijährige Lehrzeit begonnen, legte 1988 auch die entsprechenden Prüfungen ab und übernahm 1991 die Leitung. Hintergrund war: Vater Josef und Mutter Anni wollten sich aus dem Geschäftsleben zurückziehen. Als Martin und Andrea Dörfers, geb. Schulze Bertelsbeck, 1992 Sohn Andre geboren wurde, beschlossen sie, doch der Familie mehr Zeit einzuräumen. Andrea gab 1995 die Geschäftsleitung auf, kehrte in den Schuldienst zurück. Olaf Stracke pachtete und übernahm. Allerdings nur für einige Jahre bis 2003.

Plötzlich war Feinkost Schulze Bertelsbeck ein „Leerstand“ in der Stadt. „Der Druck der grünen Wiese war zu groß geworden,“ beklagte Schulze Bertelsbeck die Entwicklung. Feinkosthandel lohne sich inzwischen erst ab 1000 Quadratmetern aufwärts. „Wir verfügten nur über 500.“ Anfangs überragend groß, hinterher zu klein.

Heute hat er die ehemaligen Feinkosträume vermietet: links C&A Kinderkleidung, rechts die Bäckerei Niehaves.

In Teil IV führt der Blick zurück aufs Jahr 1976, als die Stadt ihr 700-jähriges Bestehen feierte und Feinkost Schulze Bertelsbeck für Furore sorgte, als es Menden-bezogene Geschenkartikel anbot und damit Gäste der Stadt von weither und die Mendener selbst begeisterte. Nicht nur mit dem „Mendener Küsschen“.