Mit „Gegenmusik“ gegen wummernde Bässe

Verdächtig“ nahe rauscht die Konga-Kralle an Helga Levermann auf dem Balkon Papenhausenstraße/Ecke Kaiserstraße vorbei.
Verdächtig“ nahe rauscht die Konga-Kralle an Helga Levermann auf dem Balkon Papenhausenstraße/Ecke Kaiserstraße vorbei.
Foto: WP

Menden..  Wie lange meine Frau Helga und ich schon direkte Kirmesanlieger sind, weiß ich gar nicht mehr so genau. Sicher an die 20 Jahre. Die Ecke Papenhausenstraße/Kaiserstraße entpuppte sich plötzlich als willkommener Platz für Fahrgeschäfte, die hoch hinaus wollen. Gedacht haben wir uns nichts dabei, als es los ging. Doch danach verstanden wir plötzlich alle Innenstadtbewohner, die mitten im Kirmestrubel in ihren Häusern und Wohnungen seit Ewigkeiten etwas aushalten müssen, das man sich draußen als Kirmes-Tummler gar nicht vorstellen kann.

Einige Jahre haben wir das ertragen, dann den Wagen gepackt und geflüchtet in die Rhön, Achim Richlik von der Stadtverwaltung gebeten, unbedingt dafür zu sorgen, dass der Hauseingang vernünftig verbarrikadiert wird, um Wildpinkler abzuwehren. Dieses Jahr sind wir wieder in Menden geblieben, haben dem „Unheil“ getrotzt.

Unbesiegbare Bässe

Unheil Nummer eins: Die Bässe aus den Lautsprechern. Ich war anfangs so naiv zu glauben, diesen wummernden Rhythmen entkommen zu können. Nix da. Die Bässe kriechen die Wände hoch, dagegen hilft nichts. Ohren zustopfen? Quatsch. Das Wummern besetzt die Nervenbahnen. Das Vibrieren macht wahnsinnig. Das war auch in den Jahren vorher schon so. Unters Bett habe ich mich schon mal gelegt, wie ein Strauß, der seinen Kopf in den Sand steckt. Ziemlich bekloppt, zwar voller Hoffnung, aber vergeblich.

Die Verzweiflung hat uns oft in all den Jahren gepackt, sobald die Musik-Dröhnung über uns hereinbrach. Bis 2007 hatten wir noch unsere 100 Jahre alten Fenster. Das Haus ist von 1905. Kompakt zwar, aber die Fenster rappelten im Sturmtakt. Wir hatten Angst, dass die Scheiben zerklirrten. „Ab sofort“, wir schrien es, „wird Gegenmusik gemacht“. Natürlich auch Blödsinn, denn so laut kann ich keinen Lautsprecher drehen, als dass ich die Kirmesdröhner ärgern könnte. In unserer Bar im Keller haben wir unser Grammophon mit Schellackplatten bestückt, den Trichter Richtung Kirmes gedreht und uns in voller Lautstärke mit Musik von anno Tuck für den Moment getröstet. „Dein ist mein ganzes Herz…“, Richard Tauber für alle Fälle.

Mehrfach verglaste Fenster

Seit 2007 haben wir mehrfach verglaste Fenster, es ist erträglicher geworden. Ganz abgesehen davon stimmt die Weisheit: Man muss sich unters Kirmesvolk mischen, wenn man Kirmes ertragen will. Ganz abgesehen davon, dass die Küche kalt bleiben kann und es draußen auch Spaß macht. Solange es draußen nicht regnet oder zu kalt ist und man zu Hause bleiben sollte.

Freitagnachmittag 2015. Probelauf des „Konga“. Die riesige Schaukel mit 45 m Flughöhe und 120 km/h Geschwindigkeit gibt so sausende Geräusche von sich, dass uns schon vom Zuhören und Zusehen prompt schwindlig wird. Da reinsteigen? Geht gar nicht. Das überlassen wir den jungen Leuten. Überraschend viele Mädchen klettern wie verrückt in die engen Sitze und kriegen den Hals nicht voll. Aber warum müssen Mädchen immer so hoch quieken?

Bei diesen sausenden Fahrten auch der Vorgängergeschäfte wundert mich nicht, dass hinterher in stillen Ecken unweit unserer Hausmauern und bei Nachbarn hingekotzt wird. Passt gut zum Pfingstsonntagmorgen, passt ja auch alles bestens zusammen: Pizza, Spanferkel, Mandeln, Bratwurst, diesmal Bier von „Amante“ und dann noch Wirbel-„Konga“. Ich möchte kein Magen sein.

Gutes Klima

Leid tat uns der Baum vor unserem Haus. Er ist sowieso von allen an der Papenhausenstraße der kleinste. Der Windzug der Konga-Kralle verwirbelte bei jedem Schwung seine Äste. Sollte mich nicht wundern, wenn er bald braune Blätter wirft.

Als Anlieger sind wir bemüht, mit den Schaustellern stets ein gutes Einvernehmen zu haben. Die meisten sind nett. Schausteller Schneider zum Beispiel erhielt ganz zu Anfang unserer Kirmesplatz-Anlieger-Karriere noch Telefonanschluss und Wasser von uns. Das macht man nur mit angenehmen Menschen. Kein Problem also. Ein Mal frostete es aber zwischen einem Schausteller und uns. Da wollte der leicht aufbrausende Mann sein Fahrgeschäft so nah an unser Haus bauen, dass eine Person mit Regenschirm uns den Putz von der Wand geholt hätte und wir aus unserem Erkerfenster hätten einsteigen können. Erst unsere Drohung, eine „Einstweilige Verfügung“ zu erwirken, verhalf zu mehr Abstand.

Wir haben uns später vereinbart mit den Chefs der Fahrgeschäfte. Daumen hoch von unserem Balkon hieß: Musik darf ruhig lauter sein. Daumen runter: Macht bloß leiser, hier wohnen viele alte Leute in der Nachbarschaft. Das war die Zeit, als wir selber noch jünger waren.

Das Vermaledeite: Die Sprecher wechselten häufig in ihren Kassenhäuschen, wussten gar nicht, dass Verabredungen bestanden. Ganz junge Leute waren dabei, versuchten sich am Mikrofon und quakten einen Senf in die Luft, dass man die zuständigen Lehrer fragen möchte, warum der Trend zum Zweitwort so unterentwickelt geblieben ist. Total nervig. Kirmesbesucher kriegen das nur kurzzeitig mit und gehen weiter, Anlieger den ganzen Tag bis in die Nacht.

Jedes Jahr dasselbe. Diesmal auch: Lärm und Bässe wachsen mit der Nähe der Abendstunden. Werbeargument ist die Musik. Solange wir sie mitsummen oder mitsingen können, in Ordnung. Aber unser Geschmack ist nicht der der Jugend. Nicht immer zumindest. Und überlautes Schlagzeug brauchen wir abends als Rhythmusgeber auch nicht.

Beethoven auf der Kirmes

Ich weiß nicht mehr, wann es war, ist aber wohl 18 Jahre her. In einem Anflug von Leichtsinn hatte ich die Qualität der Lautsprecher der Fahrgeschäfte bestaunt und erwähnt, über eine solche Anlage möchte ich mal die „Pastorale“ von Beethoven hören. Tochter Diana kann in solchen Momenten die Unbeteiligte markieren und lässt sich nichts anmerken, wenn sie irgendwie ihre Finger im Spiel hat. Pfingstdienstagmorgen um 10 Uhr, ich war gerade auf dem Weg zur WP-Redaktion, floss diese herrliche Hirten-Symphonie über den Kirmeskanal. Grandios.

Ab 24 Uhr ist Ruhe oder sollte es sein. Morgens um 5 Uhr schleiche ich schon ums Haus, schaue nach, wie die Hauswände, wie der Hauseingang, wie der Gehweg in Mitleidenschaft gezogen sind. Wasserschlauch in der Hand, Besen griffbereit. Mülleimer auch. Denn viele Kirmesbesucher, gerade jüngere, sogar Kinder, lassen alles unter sich fallen. Ist ja auch einfacher, als es mit sich herumzuschleppen.

Ja, wir waren dieses Jahr zu Hause, erlebten die Kirmes mal wieder mit. Ohne Auto. Das stand in der Garage aus Schutz vor allzu Übermütigen. Zudem war die Garage eingezwängt von der Kirmes, der Wagen konnte gar nicht raus. Was bedeutet, ich musste den gesamten Einkauf für Donnerstag vor bis Mittwoch nach Pfingsten vorher besorgen. Elende Schlepperei.

Was man nicht vergessen sollte: Es sind nicht nur die vier Kirmestage, es sind auch die Aufbau- und Abbautage bzw. -Nächte, die zu ertragen sind. Viele Innenstadtbewohner wissen ein ähnliches Lied zu singen. Was sich anhört wie ein Klagelied ist keines, nur eine unvollständige Zustandsbeschreibung. Missen möchten wir die Kirmes nicht.