Mit dem Winterhof verschwand ein Ausflugsziel

Eine der letzten Aufnahmen des Winterhofs, bevor er abgerissen wurde.
Eine der letzten Aufnahmen des Winterhofs, bevor er abgerissen wurde.
Foto: WP

Menden. Weg, ausradiert, abgerissen. Was vielen Mendenern ein Ziel war für Wanderungen, Rad- und Autotouren gibt es nicht mehr. Wieder eines dieser Ausflugslokale weniger, für die es sich lohnte, mal früh aufzustehen und spät wieder nach Hause zu kommen. Eines mit See und „Suhle“, mit den unvergesslichen Hubertusfeiern am lodernden Feuer.

Der legendäre „Winterhof“ im Stephanopeler Tal ist Geschichte. Nicht erst seit heute. Friedrich-Wilhelm Griese (Jahrgang 1938) und seine Frau Christel Barthelmes geborene Bierkämper hatten das prächtige herrschaftliche Haus in idyllischer Umgebung 2005 aus Altersgründen geschlossen – in der Hoffnung, einen Nachfolger zu finden. Noch zwei Jahre lang, so erzählten sie mir, haben sie das Gebäude geheizt, die Grundbesitzabgaben abgeführt und immer wieder gehofft, einen Käufer für das mehrmals erweiterte Restaurant zu finden und das Gebäude zu erhalten. Für 200 000 Euro war es zu haben. Doch allen Bewerbern war die Anlage offenbar zu groß.

Umweg gefahren, umAbriss nicht zu sehen

Wehmut selbst in der Presse: „Eines der traditionsreichsten Ausflugslokale verschwindet... Vom Haus Winterhof war gestern nur noch ein Teil der Straßenfront mit dem Namensschild über der Tür zu sehen. Abrissbagger ebnen die die Gaststätte …“ Das war 2007.

Als ich Friedrich-Wilhelm Griese in seiner Wohnung in der Fichtestraße in Hemer traf, ging ihm das immer noch nahe. Gerade war er zurückgekommen und hatte aus den Teichen unweit der Heidermühle Forellen geholt. Er hatte das Haus Winterhof 1973 gekauft und zur Blüte geführt. 2007 erlebte er den Niedergang: „Ich bin während der Abbrucharbeiten Umwege gefahren, um mir das nicht mit ansehen zu müssen.“

Das Haus Winterhof war für viele Mendener ein besonderer Anziehungspunkt. Nicht nur, weil es den See gab, auf dem Kinder rudern konnten. Als Griese das Haus übernahm, führte er Neuerungen ein, die ganze Heerscharen Richtung Stephanopeler Tal bewegten: Einerseits die Hubertusfeiern, andererseits überraschte er seine Gäste mit den ersten warmen Buffets weit und breit. Fünf Tage waren dafür ausersehen, solche, an denen es sonst eher ruhig war in den Gaststätten: Karfreitag, Karnevalssonntag, Erntedankfest, Neujahr und Totensonntag.

Bislang, bis 1973 hatte es nur kalte Platten im Angebot gegeben, jetzt auf einmal gab es „warme Platten“, warme Speisen aus heizbaren Kupfertöpfen, in Holland angefertigt. Und jeder konnte essen, so viel er wollte. Heute eine Selbstverständlichkeit vor allem in China-Restaurants. Damals eine Sensation.

Milch von der Kuh und Ragout vom Reh

Griese war selber Jäger. Was lag näher, als in idyllischer Umgebung jeweils am 3. November den Namenstag des Patrons der Jäger auszurichten und Hubertus zu feiern. Nicht nur für Jäger aus dem Raum Hemer/Iserlohn. Grünröcke kamen auch aus Menden. Aber, vor allem sollte die Bevölkerung von nah und fern angesprochen werden. Und die kam tatsächlich von überall her. Natürlich war eine Strecke erlegten Wildes ausgelegt. Ein riesiger Holzstoß mit der Dimension eines Osterfeuers loderte auf und spiegelte sich im Wasser. Ein Bläserchor spielte. Romantik pur, etwas für die Seele. 30 Jahre hat FW Griese diese Veranstaltung angeboten. Und all das hatte neben dem Wunsch nach einem vernünftigen Umsatz auch einen erzieherischen Gedanken. „Die Jugend sollte wissen, dass so wie Milch von Kuh oder Ziege kommt, das Reh-Ragout vom Reh stammt.“

Die ständig wachsende Besucherzahl bei den Hubertusfeiern am und im Winterhof rief auch die Jagdgegner auf den Plan. Mit Lautsprechern und Demobändern. Griese sprach vernünftig mit den Demonstranten: „Ihr könnt Eure Lautsprecher einschalten, wenn wir Pause machen. Sonst nicht. Haltet Ihr Euch nicht daran, hole ich die Polizei.“ Das Agreement klappte.

Die herbstlichen Treibjagden um den Hubertustag herum, die sogenannte Hubertusjagd, haben sich auch im Sprachgebrauch einen festen Platz erobert. In Anlehnung an die kirchlichen Feiertage Allerheiligen und Allerseelen am 1. und 2. November wird der Hubertustag am 3. November scherzhaft auch „Allerhasen“ genannt. Ein Tag für Jäger aller Konfessionen, die den heiligen Hubertus (655-727), Sohn des Herzogs Bertrand von Aquitanien, als Bewahrer der Natur und Schutzpatron der Jäger ehren. Um diesen Hubertus rankt sich bekanntlich auch die Legende vom Kreuz im Geweih eines Hirsches.

Stephan-opel, dieStadt des Stephan

Die Geschichte vom Winterhof reicht weit zurück. Das Restaurant lag im Stephanopeler Tal am Sundwiger Bach, der als Oese durch die Hemeraner Innenstadt fließt und in Menden in die Hönne mündet. Wassermäßig für Menden nicht immer eine glückliche Verbindung. Als wohl erster Bewohner des damals noch namenlosen Tales wird 1766 ein Weber namens Caspar Winterhof(f) genannt. Er war es auch, der das Ursprungshaus des Lokals Winterhof errichtete. Zur Gründung des Ortes Stephanopel hat ein Stephan Lürmann beigetragen, der den Grundstein gelegt haben soll. Ihm zu Ehren erfolgte die Namensgebung Stephan-opel, Stadt (-opel) des Stephan. Man denke mal an Konstantin-opel, Stadt des Konstantin, das spätere Istanbul…

Es sind kaum vorstellbare Zahlen, mit denen Friedrich-Wilhelm Griese aufwartete: Auf knapp acht Kilometer entlang des Sundwiger Bachs soll es 15 Werke gegeben haben, die sich seiner Wasserkraft bedienten. Eines davon war 1842 das Hammerwerk von Carl Geck. Der kaufte das Grundstück der Familie Winterhof, auf dem später der Winterhof stand, und errichtete noch ein Wohnhaus. Ob zu diesem Zeitpunkt schon eine glorreiche gastronomische Zukunft abzusehen war, bezweifele ich, aber der damalige Landrat von Iserlohn, Maximilian Löbbecke, riet Geck, in diesem Haus eine Kaffeestube einzurichten, um den Fremdenverkehr im Stephanopeler Tal zu fördern.

Brücken fehlten:Weg durch den Bach

Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass zu jener Zeit schon Mendener oder Balver in die Kaffeestube unterwegs waren, denn eine Straße gab es noch nicht, nur einen Weg, und der führte stellenweise durchs Wasser des Baches. Von „trauriger Wegstrecke“ klagten 90 Anlieger, die Hammerschmied Diedrich Geck anno 1882 zu ihrem Sprecher gemacht hatten. Der Arnsberger Regierung machte er unverblümt klar, der Weg sei in einem schlechten, unpassierbaren und unbefahrbaren Zustand, führe durch das Bachbett, da sechs Brücken fehlten. Bei Frost und Hochwasser sei er für längere Zeit völlig unpassierbar. Dadurch könnten Liefertermine für Waren nicht eingehalten werden, wodurch die Industrie im Tal, die seit Jahrzehnten auf Besserung warte, gegenüber den Orten mit Eisenbahn und chaussierten (befestigten) Straßen im Nachteil sei. Aber alles Klagen und Schimpfen half nicht. Erst um 1930 wurde der Weg ausgebaut und als Straße befestigt.

Carl Geck hat mit seinem Hammer 1908 nicht nur 500 Tonnen Schmiedeeisen erstellt, sein „Winterhof“ gehörte damals zu den beliebtesten Ausflugszielen der engeren Umgebung. Der See, auf dem die Gäste bis in die Griese-Zeit so gerne Kahn fuhren, diente eigentlich einem ganz praktischen Zweck: Wasser aus dem Sundwiger Bach wurde über ein Wehr umgeleitet, als See aufgestaut und diente dann zum Antrieb der beiden Wasserräder seines Hammerwerks. Offenbar war das kein kleiner Betrieb: Mit zwölf Beschäftigten produzierte das Gecksche Hammerwerk unter anderem Pflugscharen, Zieheisen, handgeschweißte Ketten und Roste für Glühöfen.

Die Geck-Nachfahren setzten vor Gericht durch, dass sie aus der Schank-Wirtschaft (nur Ausschank von Getränken zum sofortigen Verzehr) eine Gast-Wirtschaft (nun auch Essen im Angebot) machen durften und richteten sogar einige Fremdenzimmer ein. Ab 1947 sprach man von der „Restauration Winterhof“. Um- und Anbauten folgten, so entstand die oft erwähnte „Suhle“, Treffpunkt der Jäger bis zuletzt und zeitweilig sogar eine Diskothek. Wer „Suhle“ nicht kennt, sollte mal das Wild fragen, warum es sich so gern im Schlamm suhlt. Es tut ihm offensichtlich gut, so wie Jägern und anderen, die die „Suhle“ im Winterhof gern aufsuchten, weil sie sich in jenem Raum besonders wohl fühlten.

1973 kaufte Griesedas Haus Winterhof

Weil die Geck-Nachfahren wohl die Lust auf Bewirtung im Stephanopeler Tal verloren hatten, übertrugen sie die Restauration 1951 an Pächter Fierle, den ersten und einzigen, der aber immerhin erstmals den Namen „Haus Winterhof“ prägte. In Fierles Zeit fällt der äußerst trockene Sommer 1959 mit der positiven Folge, dass das Stephanopeler Tal endlich eine Wasserleitung erhielt.

Als FW Griese 1973 den Winterhof kaufte, vergrößerte er zunächst die Gaststube, gestaltete 1978 das Restaurant komplett um, baute einen eigenen Küchentrakt mit Sozial- und Lagerräumen und schuf noch Platz für eine Weinstube. Im Nachbarhaus, das er in die Planung mit einbezog, wurden 1980 zwei herrliche Stuckzimmer eingerichtet: das „Sundwiger“ und das „Berliner Zimmer“.

In Teil 2 geht es um die Unstimmigkeiten zwischen FW Griese als Pächter der renovierten Wilhelmshöhe und der Stadt Menden beziehungsweise dem Regierungspräsidenten Arnsberg.

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