Mit 62 Jahren im Jugendtreff: Was war da los?

Eine Spende des Fördervereins Kinder- und Jugendhilfe Platte Heide: Kickern ist für die Besucher des Treffs Platte Heide eine ungemein beliebte Freizeitaktivität..
Eine Spende des Fördervereins Kinder- und Jugendhilfe Platte Heide: Kickern ist für die Besucher des Treffs Platte Heide eine ungemein beliebte Freizeitaktivität..
Foto: WP

Menden..  Es ist auch eine Frage der Courage. Wer traut sich schon im Alter von 62 Jahren, einfach mal einen städtischen Jugendtreff zu besuchen? Ingrid Ketzscher hat das getan. In einer Kurzfassung hat sie ihren Politiker-Kollegen davon berichtet. Im Interview schildert sie WP-Lesern ausführlich ihre persönlichen Erlebnisse bei einem außergewöhnlichen Besuch:

Frage: Als Politikerin hätte es einen großen Bahnhof für Sie im städtischen Kinder- und Jugendtreff Platte Heide geben können...

Ingrid Ketzscher: Genau das wollte ich nicht. Wichtig war mir, in aller Unbefangenheit und ohne jegliche Sonderbehandlung das alltägliche Geschehen in einem Treff auf mich wirken lassen. So ging es übrigens auch Jenny Gröhlich vom Integrationsrat der Stadt Menden, die mich begleitet hat.

Und dann sind Sie im Eingangsbereich gleich mit großen Augen angestarrt worden?

Exakt das Gegenteil war der Fall. Es hat auch niemand gesagt „Was will die Oma denn hier?“. Ein Junge, er mag 13 Jahre alt gewesen sein, hat mich freundlich begrüßt und mir die Tür aufgehalten. Es herrschte ja ein ziemlicher Trubel. Klar haben die Jugendlichen mich wahrgenommen und mal kurz in meine Richtung geschaut. Aber damit war es für sie auch schon erledigt.

Sie wurden nicht als Fremdkörper oder Eindringling eingestuft?

Überhaupt nicht. Die jungen Leute haben einfach ihre Aktivitäten fortgesetzt. Der vom Förderverein gesponserte Kicker war dicht umlagert, die Jugendlichen waren voll in Aktion und in ihrem Element beim Spielen und Musikhören. Und ich war froh, weiterzugehen, denn für mich war das eine Nummer zu laut. Was mich sehr positiv beeindruckt hat, das war der Umgang der jungen Leute untereinander. Ich würde ihn als freundschaftlich und respektvoll bezeichnen wollen.

In der offenen Jugendarbeit wird erst einmal niemandem etwas vorgeschrieben...

Das ist ein wichtiger Bestandteil. Den jungen Leuten wird die Möglichkeit gegeben, sich einfach unkompliziert mit Freunden treffen zu können. Kinder, Teenies und Jugendliche haben dabei Spaß und entwickeln Ideen, sind kreativ. Aber ganz ohne Regeln läuft es auch hier nicht: Wer den Bewegungsraum unten nutzen möchte – gern tanzen Teenies hier ungestört vor einem großen Spiegel –, sagt vorher der Leiterin Bescheid. Und wer denkt, junge Leute starren die ganze Zeit nur auf ihr Handy oder den Computer-Bildschirm, der irrt gewaltig. Sie ziehen es offensichtlich vor, miteinander aktiv zu sein und nutzen gern die Angebote. Und die sind vielfältig – da ist für jeden was dabei.

Vielleicht ein Beispiel...

Im Kinderbereich war das Bastelangebot offenkundig Renner des Tages. Sehr konzentriert auf ihre Arbeit saßen zwölf Kinder um einen Tisch herum und gestalteten. Und anschließend gibt es regelmäßig eine abschließende Gesprächsrunde bei einem leckeren Kakao. Die Honorarkräfte konnten sich intensiv den Kindern zuwenden – den Gesamtüberblick hatte die Leiterin. Sie strahlt etwas Annehmendes aus und genießt große Anerkennung bei allen Altersgruppen -- das merkt man sofort. Da kann ich mir gut vorstellen, dass junge Menschen auch mal ihr Herz ausschütten. Was ich auch bisher nicht wusste, konnte sie mir noch berichten: vormittags findet im Treff regelmäßig Sprachunterricht für Asylbewerber statt sowie Suchtpräventionsprojekte der Schulen im Stadtteil.

Hand aufs Herz: Würden Sie nach Ihren Erfahrungen erwachsenen Mendenern raten, mal einen städtischen Kinder- und Jugendtreff zu besuchen. Dass vielleicht Eltern mal schauen, was da so geschieht?

Unbedingt. Es ist immer gut, sich ein direktes Bild zu machen und selbst die Atmosphäre zu spüren. Das sagt viel mehr aus als Besucherzahlenstatistiken.