Mendens Straßen sind chronisch unterfinanziert

Schlaglöcher satt: Sind die Straßen
Schlaglöcher satt: Sind die Straßen
Foto: WP

Menden.. So hatten sich das Ernst Priesmeier und seine Frau Marlis nicht vorgestellt, als sie Ende vergangenen Jahres von Bad Sassendorf nach Menden gezogen waren. Denn nur mit Mühe finden sie nachts ihren Schlaf: „Der Lärm von der Straße macht uns krank.“ Es ist aber nicht die viel befahrene Bundesstraße 7 Richtung Schwitten, die ihnen den Schlaf raubt. Sondern die städtische Straße „Auf der Haar“.

Nie hätten sie gedacht, dass die Risse und Löcher in der Straße für solch einen Lärm sorgen würden, wenn die Autos drüber fahren. Die Fenster im Schlafzimmer trauen sie sich selbst in heißen Sommernächten kaum zu öffnen. Mit ihrer Klage stehen die Priesmeiers nicht allein. Im Zuge unserer WP-Aktion „Wir sind vor Ort“ haben viele Leser Kritik am Zustand der Mendener Straßen geäußert. Ob in Halingen, Hüingsen oder an der Grimmestraße – Schlaglöcher gibt es überall.

Aber warum sind Mendens Straßen vielerorts in solch schlechtem Zustand? Frank Wagenbach, Fachbereichsleiter Bauen, und Stefan Schulte, Abteilungsleiter Straßenbau im Rathaus, erklären im WP-Gespräch die Hintergründe.

1. Nach welchen Kriterien werden Straßen in Menden geflickt oder gar saniert?
Eine mathematische Formel gibt es nicht. So wird nicht automatisch eine Straße saniert, wenn eine bestimmte Zahl von Rissen oder Schlaglöchern pro Straßenmeter gezählt wird. Aber das gut 205 Kilometer lange Netz der Gemeindestraßen wird ständig unter die Lupe genommen. Tag für Tag ist ein Straßenkontrolleur unterwegs, der mögliche Schäden aufnimmt.

Related content Und wenn der Experte die Verkehrssicherheit gefährdet sieht, dann greift der Asphaltiertrupp des Mendener Baubetriebs (MBB) ein. Quasi täglich sind die MBB-Mitarbeiter im Stadtgebiet mit den Arbeiten beschäftigt. „Die Tiefe eines Schlaglochs oder Risses ist ausschlaggebend“, sagt Stefan Schulte. „Bei drei bis vier Zentimetern müssen wir sofort aktiv werden.“ Benutzt wird bei den Flick-Arbeiten übrigens vorwiegend Kalt-Asphalt, der nicht etwa platt gewalzt, sondern nur mit einer Schaufel fest geklopft wird. Es bleiben oft Kanten und Dellen – aber der Kaltasphalt ist einfach zu verarbeiten. Stefan Schulte räumt ein. „Das ist eigentlich nur als Provisorium gedacht.“ Immerhin: Der MBB hat nun auch einen Thermo-Wagen, so dass bei größeren Arbeiten auch heißer Asphalt verwendet wird.

2. In welchem Turnus werden die Straßen kontrolliert?

Für die Straßenkontrolle gibt es einen festen Ablaufplan. Je nach ihrer Bedeutung werden die Straßen und Wege regelmäßig abgefahren: Die Hauptverkehrsstraßen werden öfter kontrolliert als Nebenstraßen oder Wirtschaftswege. Aber auch diese sind an der Reihe: Und so ist der Kontrolleur zum Beispiel auch regelmäßig in den Schwitter Feldern unterwegs. „Da verläuft schließlich ein ausgewiesener Radweg her“, so Frank Wagenbach.

Aber auch auf Bürger-Anregungen wird reagiert. „Wenn wir Hinweise bekommen, dann fährt unser Kontrolleur die Stellen an“, sagt Stefan Schulte. Bürger, die Straßenschäden melden möchten, wählen am besten die Service-Nummer der Stadt 02373/903-903.

3. Wie wirkt sich das große Sparpakt auf den Zustand der Mendener Straßen aus?

Die Stadt mag noch so pleite sein: Für die Verkehrssicherungspflicht muss immer Geld vorhanden sein – es ist eine Pflichtaufgabe. Aber damit kann auch nur die absolute Basis-Arbeit geleistet werden. Das aktuelle Sparpaket ist nicht das große Problem für die städtische Straßenbauabteilung. Der Etat ist in dessen Zuge nicht reduziert worden. Stefan Schulte erinnert sich: „Die Lage war sogar schon einmal dramatischer.“ Es ist vielmehr eine chronische Unterfinanzierung, die verantwortlich ist für den Straßenzustand.

Frank Wagenbach und Stefan Schulte können es ganz plastisch ausdrücken: Für eine ideale Unterhaltung der Mendener Straßen bräuchte man einen Etat von etwa 2 Millionen Euro im Jahr. Den hat die Straßenabteilung auch tatsächlich – allerdings muss davon auch die Unterhaltung der Grünflächen, der 55 Brücken und der rund 6400 Straßenlaternen bestritten werden.

4. Werden in Zeiten knapper Kassen denn überhaupt noch Straßen saniert?

Ja, denn auch wenn das Straßenwesen generell unterfinanziert ist, muss die Stadt schon aus finanziellen Gründen ein Interesse haben, in die Straßen zu investieren. Denn sonst sinkt deren Wert in der städtische Bilanz immer weiter. Aber nicht immer kann der Bürger nachvollziehen, nach welchen Kriterien die Straßen saniert werden, weiß Stefan Schulte: „Dann hören wir: Warum macht Ihr jetzt die Straße, die andere ist doch viel schlechter?“ Für die Experten gilt aber: Wenn nur die oberste Verschleißschicht beschädigt ist, der Unterbau aber noch intakt ist, dann muss eingegriffen werden. So kann man mit vergleichsweise geringen Mitteln die Substanz der Straße erhalten.

Schon in wenigen Wochen wird das Prinzip bei drei Straßenabschnitten zum Zuge kommen: Erst am Donnerstag hat der Bauausschuss beschlossen, dass die Deckensanierungen auf der Bodelschwinghstraße (Blumendreieck bis Daimlerstraße), „In den Liethen“ und auf der Iserlohner Landstraße (Balver Straße bis Einmündung Westtangente) ausgeschrieben werden sollen.

5. Wann müssen die Bürger bei der Straßensanierung in die Tasche greifen?

Immer wieder ein Aufreger sind die Anliegerbeiträge, die Grundstückbesitzer zahlen müssen, wenn ihre Straße ausgebaut wird. In den kommenden Jahren wird das Thema zum Dauerbrenner, denn von den 640 Gemeindestraßen in Menden sind rund 200 noch nicht endausgebaut. Im Rahmen des Sparpakets hat die Stadt die Hausaufgabe bekommen, dieses Problem anzugehen. Der Hintergrund: Wenn die Straßen ausgebaut werden und sich die Anlieger nach dem Kommunalen Abgabengesetz in erheblichem Maße an den Kosten beteiligen müssen, dann steigt deren Wert. Mit einem relativ geringen Einsatz von Steuermitteln kann die Stadt so den Wert der Straßen steigern – Related content und das poliert die Bilanz der Stadt auf.

Das Ziel der Stadtverwaltung ist, in den kommenden zehn Jahren 40 Straßen in Menden endauszubauen. Derzeit wird an einer Prioritätenliste gearbeitet. Dabei gilt die Grundregel: Die Arbeiten sollen möglichst dann erfolgen, wenn Stadtentwässerung oder Stadtwerke Ver- und Entsorgungsleitungen legen. Das reduziert nämlich die Kosten für die Anlieger und die Stadt. Nach diesem Prinzip sollen jetzt in den Bereichen Grüner Weg/Gördelerstraße sowie im Gebiet Sugamber Weg, Hombergskamp und Bischof-Drobe-Straße Arbeiten beginnen. Am Galgenfeld (Meldung rechts) ist ein weiteres Beispiel.

6. Gibt es ein Sanierungsprogramm für die Gehwege? „Katastrophal“ sei der Zustand der Gehwege in Menden – insbesondere im Bereich Werringser Straße. Das schreibt Leser Heinrich Pieper. Die Lage sei problematisch für Menschen mit Gehbehinderungen. Stefan Schulte und Frank Wagenbach können die Beschwerde nachvollziehen – es gilt aber im Grunde das Gleiche wie bei den Straßen. Auch die Gehwege werden regelmäßig von dem Straßenkontrolleur überprüft, und auch hier wird auf Bürger-Beschwerden eingegangen. Entscheidendes Kriterium ist die Verkehrssicherheit: Wenn die gefährdet ist, greift die Stadt ein. Ein richtiges Sanierungsprogramm gibt es aber nicht – und wenn grundlegend erneuert wird, dann sind oft die Anlieger mit Beiträgen mit dabei.

Ernst und Marlis Priesmeier können sich indes wenig Hoffnung machen, dass sich der Zustand „Auf der Haar“ ändert. Die Stadt schätzt die Straße zwar als sanierungsbedürftig ein – die Verkehrssicherheit sieht sie aber noch nicht gefährdet. So schnell wird es also keine Fahrbahnsanierung geben. Derzeit werden in dem Bereich zwar neue Gasleitungen verlegt – allerdings nur im Erdreich des Gehwegs, der anschließend erneuert wird. Das beseitigt auch nicht die Schlaglöcher vor der Wohnung von Ernst und Marlis Priesmeier, die sich nun entschieden haben: Sie ziehen wieder weg aus Menden.