Mäuse treiben nachts Mädchen den Berg hoch

Hintereinander weg und singend: KJGler von St. Vincenz im Sommer 1953 (v.l.) Hermann Grote, Siegfried Böckelmann, Horst Krämer, Lothar Schälte, Rudi Rosenberg, Theo Schlotmann und Josef Friedrich.
Hintereinander weg und singend: KJGler von St. Vincenz im Sommer 1953 (v.l.) Hermann Grote, Siegfried Böckelmann, Horst Krämer, Lothar Schälte, Rudi Rosenberg, Theo Schlotmann und Josef Friedrich.
Foto: WP

Menden. Oberkirchen ist ja nun wirklich nur ein Dorf. Ende 2013 hatte es gerade mal 829 Einwohner. Aber die Landschaft macht es aus. Für Menden wurde Oberkirchen ab 1947 ein Paradies. Heinz Mertens (Jahrgang 1936) war es, der mich mit einem Foto auf die „Mendener Hütte“ im Hochsauerland neugierig machte, die so viele Mendener angezogen hat. Er hat sie mit Fahrrad und auf LKW-Ladefläche besucht, manches Wochenende dort geschlafen und erlebt, was es heißt, wenn es mal Sturzbäche vom Himmel gab. Dann gab es rauf und runter nur Schlinderbahnen im Schlamm.

Mit Akkordeon und Schachspiel

Mendener Familien eroberten die ehemalige Flugwachen-Hütte. Vor allem aber die Jugend. Hannelore Helle geb. Kleine (Jahrgang 1943) war mehrmals in Oberkirchen. Die Handballerin, die später für den VfL Platte Heide spielte, hatte auch ihre Team-Kolleginnen vom TV Hemer ins Sauerland gelockt. Am schönsten aber war es wohl, als sie zehn Jahre alt war und mit Onkel Franz in die Mendener Hütte fuhr. Onkel Franz, das war der Kohlenhändler Franz Lenze aus der Twiete, starker Schachspieler des Mendener Schachklubs. Da lag es nicht fern, dass gleich mehrere Schachspieler mi ihren Familien Platz nahmen auf seinem Kohlelaster. „Eine schöne Zeit. Wir haben alles den Berg hoch geschleppt, auch das Akkordeon. Die Kinder hatten Spielzeug mitgenommen.“ Und die Männer spielten Schach. Haften geblieben ist: „Das Wasser an der Quelle war a…kalt“.

Unterwegs mitKutsche und Trecker

Für ein Wochenende hatte die KJG St. Vincenz die Hütte gemietet. Das war im Sommer 1953, erinnert sich Rudi Rosenberg. Die Jungen um Gruppenführer Heinz Eisbach („Bummes“) waren 14/15 Jahre alt. Sie fuhren mit dem Zug ins Sauerland bis Schmallenberg. Dann zu Fuß weiter, aber froh, zumindest zurück nicht den ganzen Weg marschieren zu müssen, sondern von einer Kutsche mitgenommen zu werden. „Ich saß auf dem Kutschbock und war richtig happy“, lacht Rudi. Dumm nur: Er hatte sich die Führungsriemen über die Schulter gelegt und sich dabei seine Kleidung verschmiert.

Gleich mehrere Sommer hat Renate Bütehorn geb. Plaßmann (Jahrgang 1942) in Oberkirchen erlebt. Ihr Vater war Schreinermeister Joseph Plaßmann (1912-1990), Vorstandsmitglied der Alemannia und treibende Kraft beim Bau der Hütte. Unvergessen der freundliche Landwirt, der sie und Freundinnen mit Trecker und Wagen zum Tanzen nach Winterberg brachte.

Osterfeuer aufden Berg-Höhen

Fast jedes Jahr zu Silvester und Ostern hat Elisabeth Bankstahl geb. Schlünder in der Hütte in Oberkirchen verbracht. Angefangen hat das mit einer Jungengruppe der KJG St. Vincenz, zu der die Volkstanzgruppe des SGV stieß. Und weil damals die Zeiten weitaus gesitteter waren als heute, schliefen die Mädchen in der Hütte auf dem Berg und die Jungen im Tal in der Scheune der Gaststätte Mester: Oft waren das nur drei Tage. Mit dem Zug bis Gleidorf, den Berg hoch laufen, Ostern auf den angrenzenden Höhen die Osterfeuer bestaunen.

Das Ende der Hütte als „Mendener Hütte“ kann inzwischen genauer eingegrenzt werden. Josef Stein war sich sicher, dass es sie 1960 noch gab. Anton Niebecker (Jahrgang 1938) vom Kortenrott in Hüingsen erinnerte sich hingegen, dass die Jugendgruppe des SGV Lendringsen 1959 in der Hütte übernachten wollte und das schon nicht mehr möglich war. Renate Felmeden (Jahrgang 1941) geb. Rebbert aber zauberte vor wenigen Tagen Unterlagen hervor, wonach der Skiklub Menden noch im Februar 1960 zu einer Skifreizeit in der Hütte war. Auf einem Foto ist zu erkennen, wie spartanisch das Innere der Hütte eingerichtet war.

Pfingsten 1956 fuhr Anton Niebecker mit dem Zug ins Sauerland. Er leitete die gemischte Gruppe des SGV Lendringsen, seine Frau Gerda geb. Schulte war mit dabei. In ihren Rucksäcken hatten sie alles für vier Tage, auch Briketts. Die Mädchen haben gekocht, abends gab es Butterbrote. „Es wurde viel gewandert, nicht poussiert,“ lacht er. Schlafen abends wie gehabt: Mädchen oben, Jungen unten bei Mesters in der Scheune.

Auch Schwester Melusaendlich mal „kaputt“

Ungewöhnlich ist es aus heutiger Sicht, weil heutige Abiturklassen auf ihrer Abschlussfahrt eher nach Südfrankreich oder Italien reisen, weniger ins Sauerland. Genau das aber machte die Oberprima des Lyzeums im Juli 1948 mit Klassenlehrerin Schwester M. Melusa. Es wurde eine der ungewöhnlichsten und kürzesten Abiturfahrten des Lyzeums. Regina Henninghaus geb. Schauerte (Jahrg. 1929) von der Kaiserstraße erklärt, warum sie nur drei Tage bzw. zwei Nächte dauerte: „Mehr war nicht drin“. Die Zeit so kurz nach dem Krieg war entsprechend.

Die Schülerinnen mussten anschließend einen Aufsatz schreiben. Regina Henninghaus hat noch den Aufsatz einer Mitschülerin. Vollgestopft war demnach schon das Besichtigungsprogramm auf der Hinfahrt. Aber nicht nur das: „Wir treffen uns am Bahnhof, wie die Packesel unter unseren schweren Affen keuchend. Habbels haben ihr kleines Schifferklavier mitgebracht. Zwei Stunden bis Gleidorf, heiteres Plaudern, Singen und Spielen. Dann beginnt die Kraxelei. Der Weg ist entsetzlich steil. Auch Schwester M. Melusa, deren Energie auf allen Fahrten die unsere übertraf, ist endlich auch einmal k.o.“

Berieselung in den Etagenbetten

Auf dem Berg angekommen sofort Begeisterung über die wunderbare Lage, die herrliche Aussicht und die famose Hütte. Für jeden aber gab es Pflichten: Holz- und Wasser holen, Ofen anmachen, kochen, Tisch decken. Bevor es dunkel wurde, mussten einige der 25 Mädchen ihr Nachtquartier im Heu bei Mester im Tal aufsuchen. In der Hütte war nur Platz für 18. Im Schlafraum, so wird im Aufsatz beschrieben, waren schmale Eisenbetten dreifach übereinander gebaut. Beschrieben wird ein entsetzlich heißer und winzig kleiner Schlafraum mit einer „Berieselungsanlage“. Die mit Stroh gefüllten Matratzen hatten einen so lose gewebten Bezug, dass dem darunter Liegenden beständig Streu auf Gesicht und Körper rieselte.

Im Nachtpolter denBerg hoch zur Hütte

In der zweiten Nacht gab es eine Überraschung. „Um die Hütte herum wurde es plötzlich lebendig“, heißt es im Aufsatz. „Dunkle Gestalten huschen zu später Stunde am Fenster vorüber und bitten um Einlass. Es waren vier der eigenen Mädchen, die es in der Scheune bei Mester nicht mehr ausgehalten hatten. Nur drei waren unten geblieben. Im Nachthemd, im Schlafanzug, einen Mantel übergeworfen, so waren sie im Dunkeln den Berg hochgeklettert, standen nun da in jämmerlicher Verfassung. Auf keinen Fall wollten sie zurück, waren bereit, auf dem nackten Fußboden zu schlafen, denn: In der Scheune tobten die Mäuse. Was tun? Die dünnsten und ruhigsten wurden zu zweit zusammengelegt…“

Nach dieser Fahrt waren alle einig: „Wir sind eine Gemeinschaft geworden.“