Kölner Dreigestirn trifft in Menden Walram

So soll Menden im Jahr 1620 ausgesehen haben:  Mauer, Graben, zwölf Türme, drei Tore.
So soll Menden im Jahr 1620 ausgesehen haben: Mauer, Graben, zwölf Türme, drei Tore.
Foto: WP

Menden. Es wird historisch ernst für die kurkölnische Stadt Menden. Aus der Rhein-Metropole rückt eine Schar entschlossener Mannen an, die im Geruch stehen, alte Bande überprüfen zu wollen. Jene Bande, die vor fast 700 Jahren Reichsfürst und Bischof Walram vom Rhein zu seiner Grenzfeste Menden fest in Händen hielt und die noch heute in Fragmenten sichtbar sind. Das Kölner Dreigestirn kommt. Das erste Mal in der langen Geschichte des Kölner Karnevals. Trotz Helau in Westfalen und Alaaf am Rhein. Zwei Fremdsprachen, aber man wird sich verstehen.

Vor wenigen Tagen erst gekürt und schon in Menden. Freitag, 23. Januar, ab 15 Uhr auf dem Alten Rathausplatz: Prinz, Bauer und Jungfrau im Anmarsch. Alle drei sind Männer. Mit Personenschutz. Ohne treten sie nicht auf. Dürfen sie gar nicht. 15 Gardisten der Prinzen-Garde Köln von 1906 sind Ihnen als Schutzwache zur Seite gestellt.

Bleibt die Frage: Was wollen die drei und ihr Gefolge bei uns in der Hönnestadt? Hof halten bei den „Kornblumenblauen“ aus Menden und für andere westfälische Karnevalsabordnungen? Auch. Aber es ist erst einmal ein Anstandsbesuch, zu dem auch die Bevölkerung eingeladen ist. Seine Tollität der „Prinz“ heißt Holger I. Kirsch und ist im zivilen Leben Schwiegersohn des Mendener Unternehmers Hermann Josef Schulte (hjs), hat dessen Tochter Christina geheiratet und hjs schon drei Mal zum Großvater gemacht. Als Prinz im Dreigestirn ist er höchster Repräsentant des gesamten Kölner Karnevals.
Ihm zur Seite „Bauer“ Michael Müller und „Jungfrau“ Alexandra Sascha Prinz (Nachname Prinz). Auf Mendener Seite werden sie offiziell von der Stadt begrüßt und vom amtierenden Prinzenpaar der MKG Kornblumenblau Michael I. Gauernack (Ritter von Vogelsang) und Carolin I. Kerstin (Stern der Jugend) empfangen.

Ehrenbürger inbesonderer Mission

Auch das ist historisch: Als wollte Kölns Kardinal Wölki den Bogen zu Erzbischof Walram schlagen, hat er am 9. Januar als erster Kardinal gemeinsam mit Oberbürgermeister Jürgen Roters die Proklamation des Dreigestirns im Gürzenich vorgenommen. Ihm oblag es, so war zu lesen, die „Jungfau Alexandra“ ins kölsche Paradies zu schicken. Ein hoher geistlicher Würdenträger mit solch einem Auftrag auf der Narren-Bühne. Das hatte was.

Die Kölner scheinen sich der besonderen Bedeutung ihrer Mendener Vergangenheit wohl bewusst zu sein. Mendens Ehrenbürger Prof. Dr. Hollmann wollte anfangs so recht nicht mit der Sprache raus. Aber es sieht so aus, als ob der Kölner Oberbürgermeister ihm eine Grußbotschaft für die Stadt Menden mitgeben will. „Man hat mich informiert,“ schmunzelte Hollmann. Er wird am 30. Juni 90 Jahre alt und erzählte mir abends am Telefon mit einer beneidenswerten Frische, dass er gerade eine Vorlesung in der Sporthochschule gehalten habe. Ja, Karneval hat er früher auch gefeiert, zur Weiberfastnacht in die Deutsche Sporthochschule gerufen. Ergebnis: Seine Veranstaltungen kochten bei 10 000 Besuchern über. Und wer genau hingeschaut hat, konnte ihn schon hoch auf Motivwagen bei Rosenmontagszügen entdecken. Eingeladen habe man ihn, schmunzelte er und verriet, was ihn vom jetzigen Oberbürgermeister Roters trennt: „Nach dem Krieg waren bis auf Konrad Adenauer alle Kölner Oberbürgermeister bei mir als Patienten, nur Roters nicht.“ Das wird auch nichts mehr, denn Roters geht in den Ruhestand.

Papst in Avignon warfür Walram zuständig

Ich weiß nicht, ob Bischof Walram alles so gern gehört hätte, was „Jungfrau Alexandra“ nach der Proklamation auf der Gürzenich-Bühne dem Kardinal Wölki sagte, als er den Schwur bekräftigte, Kirche und Karneval gehörten untrennbar zusammen und der Gürzenich sei der Vatikan des Karnevals. Bischof Walram, der weltliche und geistliche Fürst von Kurköln und Menden, stand auf Seiten der Päpste in Avignon (1335-1417). Mit Rom und Vatikan hatte er nichts zu tun.

Erzbischof Walram ist nicht alt geworden. Geboren 1304, gestorben 1349. Von seinen 45 Lebensjahren war er 17 Jahre Erzbischof, von 1331/32 bis zu seinem Tode. Er war schon mit 28 ein Kirchenfürst. Der Tod ereilte ihn in Paris, wohin er mit kleinem Gefolge aufgebrochen war. Gerüchteweise soll er an der Pest gestorben sein. Sein Leichnam wurde nach Köln überführt und in einem Hochgrab im Dom beigesetzt. Er war einer der mächtigsten Fürsten des Reiches, schreibt Dr. Paul Koch, war Kanzler für Italien und Herzog von Westfalen. Er war der 3. Sohn des Grafen Gerhard V. von Jülich und hat in Paris und Orleans seine Studien mit einem Doktorgrad abgeschlossen.

Nachzulesen ist, Walram sei in seiner Regierungszeit seinem fürstlichen Amt nicht gewachsen und vom Einfluss seiner Ratgeber allzu abhängig gewesen. Herausragend hingegen die priesterlichen und menschlichen Eigenschaften. Biographen geben ein helles Bild von ihm ab, das die übrigen Kölner Erzbischöfe des Spätmittelalters überstrahlte. Immerhin gelang es ihm, den gesamten Kölnischen Besitz in Westfalen und im Sauerland für Köln zu erhalten. Das blieb so bis 1802/03, als die Hessen kamen und Westfalen und Menden besetzten.

Ein Traum: „Menden ob der Hönne“

Menden lag in seiner kurkölnischen Zeit im Interessengebiet verschiedener Konkurrenten, die zur Abrundung ihres Gebietes dem Erzbischof gern die Hönnestadt abgerungen hätten. Die Grafen von der Mark und von Arnsberg taten sich dabei besonders hervor. Bischof Walram wurde nicht müde, Menden zu befestigen. Mehrmals musste er Rückschläge hinnehmen, wurde Menden als Grenzfeste überfallen und niedergerissen. Erst 1344, als bindende Verträge mit den Kontrahenten für Ruhe im Lande sorgten, konnte eine dauerhafte Befestigung mit Mauer, zwölf Türmen, Gräben und drei Toren gebaut werden. Menden wurde zur Grenzfestung und durfte sich über Jahrhunderte einer größer gewordenen Sicherheit erfreuen. Bis zum 30-jährigen Krieg (1618-1648). Länger nicht, sonst könnte man heute in Anlehnung an Rothenburg ob der Tauber von einem wohlhabenden „Menden ob der Hönne“ sprechen und sich über Scharen von Touristen freuen. Es gibt eine Abbildung, wie die Grenzstadt Menden anno 1620 ausgesehen hat. Beeindruckend mächtig.

Geraderücken muss man die Mär, dass Walram Menden 1331 die Stadtrechte verliehen habe. Stimmt nicht, auch wenn das nach wie vor im Internet herumgeistert. Die Stadtrechte hat Menden von Siegfried von Westerburg schon 1276 erhalten.

Bischof nur einmalin seiner Grenzstadt

An Bischof Walram erinnert heute nur noch wenig in Menden. Vornweg das Walram-Gymnasium und die Walram-Straße. Es ist übrigens das einzige Gymnasium im Lande, das den Namen Walram trägt und somit unverwechselbar ist. Den Antrag zu dieser Namensgebung stellte der von den Nazis arg gebeutelte Schulleiter Robert Leusmann am 30. Dezember 1952. Der Rat stimmte mit überwältigender Mehrheit zu.

Der hohe närrische Besuch aus Köln wird im Alten Ratssaal mit Bischof Walram hoch zu Ross konfrontiert. Ein große Fensterbild, 1912 vom Stadtverordneten und späteren Ehrenbürger Franz Kissing zur Einweihung des Rathauses gestiftet. Dabei sind sich die Experten nicht einig, ob Walram Menden überhaupt jemals besucht hat. Der frühere Stadtarchivar Dr. Paul Koch: „Es lässt sich nicht feststellen, ob Walram jemals in Mendens Mauern geweilt hat.“ Dr. Anton Schulte, später Schulleiter am Walram-Gymnasium: „Für das Jahr 1338 hat sich der einzige urkundliche gesicherte Nachweis für einen Aufenthalt Walrams in Menden erhalten.“

Köln trifft Kurköln – Bützchen für alle

Zum Fensterbild im Alten Ratssaal schreibt Dr. Anton Schulte: „Eine im Stil der der Historienmalerei künstlerisch freie Darstellung seines Einzugs in Menden. Walram reitet, die Hand wie zum Segen erhoben, im Bischofsornat in die Stadt ein. Im Vordergrund Bürgermeister und Ratsherren“. Der Künstler hat laut Dr. Schulte, die Gestalten einiger Honoratioren für die Nachwelt festgehalten. Der Bürgermeister in Amtsrobe trage die unverwechselbar markanten Gesichtszüge von Bürgermeister Dr. Ernst Overhues. Zu seiner Rechten der Stifter des Fensters, Franz Kissing, mit dem hochgezwirbelten Kaiser-Wilhelm-Schnurrbart. Unten links im Vordergrund vermutlich Commerzienrat Carl Schmöle, zu seiner Linken Schöffe Eberhard Groß. Die Züge des Erzbischofs auf dem Pferd sollen denen des Stadtdechanten Böddikker ähneln. Ein Bild, das die große Dankbarkeit der Stadt für Bischof Walram ausdrücken soll.

Köln trifft auf Kurköln. Bützchen!