Kinder sollten Vater Trost an der Front geben

Aus den 50er Jahren stammt dieses Foto und zeigt links Dina Griesenbrauck (1910 das erste Waisenhauskind in Menden), neben ihr Karoline Kröner (1890-1966) und Antonette Winterhoff, Mutter von Elisabeth Frohne. Vor ihnen ein Waisenjunge, für den sie die Patenschaft übernommen hatten. Sein Name ist nicht mehr bekannt.
Aus den 50er Jahren stammt dieses Foto und zeigt links Dina Griesenbrauck (1910 das erste Waisenhauskind in Menden), neben ihr Karoline Kröner (1890-1966) und Antonette Winterhoff, Mutter von Elisabeth Frohne. Vor ihnen ein Waisenjunge, für den sie die Patenschaft übernommen hatten. Sein Name ist nicht mehr bekannt.
Foto: WP

Menden..  Es war ein zu Herzen gehender Brief in der Adventszeit des Jahres 1942, der den Soldaten Josef Werthschulte an der Front erreichte. Er kam aus dem Mendener Waisenhaus-Kindergarten und sollte ihm Trost und Kraft geben, dass zu Hause alles in Ordnung war. Im Umschlag ein Bild seiner betenden Kinder Hubert (4) und Marlene (3) vor einem Adventskranz. Der Brief, der mir vorliegt, war gerichtet an Josef Werthschulte. Schwester Quintilla hat ihn geschrieben. Ähnliche Briefe bekamen auch andere Väter.

„Lieber Herr Werthschulte!

Wie im vorigen Jahr, so sollen auch jetzt wiederum unsere Adventsbrieflein hinauseilen zu den lieben Vätern, die fern der Heimat weilen. So empfangen Sie aus Ihrem heimatlichen Kindergarten recht viele und innige Grüße. Möge dieses Bildchen Ihnen eine kleine stille Freude bringen. Ist der Adventskranz, an dem unsere Kleinen sitzen, ein großer Vorbote für das Kind selbst, in der freudigen Erwartung des kommenden Christkindleins, so wird er uns ein leuchtender Hoffnungsstern in dieser dunklen Zeit sein. Die brennenden Kerzen zeigen uns den Blick nach oben, wo Hilfe und Kraft herkommt. So wollen wir uns denn ganz dem lieben Christkindlein anvertrauen, das unser Leben in seinen Händen hält. Es lenkt und leitet alles zum Besten.

Von unserem Kindergarten kann ich alles Gute berichten. Wir versprechen Ihnen als Weihnachtsgeschenk, unser Gebet für die lieben Väter zu verdoppeln, damit … auch bald der Friede uns zuteil wird, und Sie recht bald in die Heimat zurückkehren können. Indem ich Ihnen alles Gute, Gottes reichsten Segen für das liebe Weihnachtsfest wünsche, verbleibe ich mit vielen Grüßen von all den Kleinen des Kindergartens, besonders von Ihren beiden Kleinen, in der Liebe des kommenden Christkindleins,

Ihre für Sie betende Schwester Quintilla.“

Dann gab’s auch mal eine Ohrfeige

Ich lasse jetzt einfach mal die Menschen sprechen, die Jahre lang im Waisenhaus Menden (1910-1967) gelebt haben. Dazu gehört Tina, die ihren Namen nicht nennen möchte, auf die ich in Teil 2 schon hingewiesen habe. Sie ist Jahrgang 1921, kam 1927 ins Waisenhaus. „Was man heute anderswo hört von Missbrauch in den Einrichtungen, das gab es bei uns nicht“, erzählte sie mir. „,Man hat sich schon mal eine Ohrfeige eingefangen, dann war einer Schwestern die Hand ausgerutscht. Aber ich kann nichts Schlechtes sagen. Wenn wir mal nicht sauber auf unsere Schiefertafel geschrieben hatten, mussten wir es auswischen und noch mal schreiben. Während der Schul-Hausarbeiten durften wir nicht sprechen. Wir sind gut beaufsichtigt worden.“

Tina blieb bis 1943 im Waisenhaus, obwohl ein Waisenkind in der Regel nur so lange blieb, bis die Schulpflicht zu Ende war. „Ich war relativ klein. Die anderen Mädchen kamen als Mägde auf Bauernhöfe, sollten da aushelfen. Ich hätte das körperlich nicht durchgehalten.“

Stühle flechten und Heimarbeit machen

Weil sie ein so gutes Zeugnis in der Wilhelmschule bei Rektorin Maria Müller hatte, wurde sie in den letzten Schulferien an der Pforte des Waisenhauses eingesetzt. In diesem Zusammenhang machte sie mich darauf aufmerksam, dass die Waisenkinder zu ihrem Unterhalt beitragen mussten. Das sei nach der preußischen Verordnung erfolgt. Demnach mussten die Jungen und Mädchen bei der Arbeit mit anpacken. Jungen lernten, neue Stühle zu flechten. Die Leute brachten die Stühle ins Waisenhaus und die Kinder mussten sie reparieren. Andere Jungen nagelten in Heimarbeit bei „Herrgotts Kissing“ kleine Korpusse auf Kreuze. Die Mädchen stopften Strümpfe, schrubbten und scheuerten Flur, Essraum und Fliesen mit Lauge.

Dahinter steckte in der Tat die staatliche Einstellung, dass in den Waisenhäusern die Erziehung zu Fleiß und Erwerbstätigkeit im Mittelpunkt stehen müsse. Die Kinder sollten durch Arbeit und strenge Regeln lernen, von eigener Anstrengung und Arbeit zu leben und nicht von Almosen. Nach der Schule hat Tina bei der Fa. Sydow auf dem Büro gearbeitet, ab 1947 für das Amt Menden.

Schlechtes Gewissenvon Sr. Ehrenburga

Ich habe Bruno Bittner in Iserlohn erreicht. Er ist Jahrgang 1927 und hat noch Erinnerungen an den Bombentag, 19. März 1945. „Schwester Ammelberga hat am Gang gesessen, der zum Kellerraum unter der Kapelle führte.“ Sie kam bei diesem Angriff bekanntlich ums Leben, die kleine Marlene Werthschulte wurde schwer verletzt (s. Teil II).

Bruno Bittner selbst war mit neun Jahren Vollwaise geworden. Im Waisenhaus Menden blieb er bis 1947, dann zog er ins Gesellenhaus. Er erinnert sich noch ans Stühleflechten und wie er in der Kapelle die Messe diente. „Wir mussten immer erst Turnschuhe anziehen“. Schwester Quintilla war für den Kindergarten zuständig, Schwester Ehrenburga für ältere Waisenhauskinder. An sie hat Bruno Bittner besondere Erinnerungen. Sr. Ehrenburga schrieb ihm, als er schon in Menden berufstätig war (Zoo-Handlung) aus ihrem Alterssitz in Paderborn: „Bruno, ich habe ein schlechtes Gewissen, ich war zu streng.“ Bruno Bittner antwortete ihr: „Eine Mutter wird kaum fertig mit zwei Kindern, Sie haben viel mehr gehabt.“

Jeden Monat ziehtes Bruno nach Menden

Bruno Bittner zieht es jeden Monat mehrere Male nach Menden: „Ich gehe durch jede Gasse“, beschreibt er seine Liebe zur Hönnestadt. Das passt zur Beobachtung von Johannes Kochanek. Der Leiter des Vincenz-Altenheims sagte mir, dass jedes Jahr mehrere ältere Besucher kommen und ihren Verwandten und Freunden zeigen, wo sie als Waisenkinder aufgewachsen sind. Er habe sich leider ihre Namen und Adressen nicht aufgeschrieben. Kochanek ist bemüht, die Jahrzehnte des Waisenhauses aufzuarbeiten, die doch immer noch weitgehend im Dunkeln liegen. Er will deshalb im kommenden Jahr ehemalige Waisenhaus-Bewohner zu regelmäßigen Talk-Runden einladen, sofern er noch genügend Ansprechpartner findet.

Drang zur Mutter in der Nähschule

Mit Schwestern-Namen von früher kann Brunhilde Böttger geb. Hallen aushelfen. Sie ist Jahrgang 1934 und kam durch ihre Mutter von 1939 bis 1948 nach Menden. Die Mutter war Schneiderin in der Nähschule und wohnte mit ihrer Tochter im Waisenhaus. Vater Bernhard war gestorben, als Brunhilde fünf Jahre alt war. Was sie nicht wusste, war, dass ihr Vater der Bruder von Schwester Hedwig war, Nonne bei den Vinzentinerinnen im Waisenhaus. Das öffnete der Mutter zwar die Tür zum Waisenhaus, half aber der kleinen Brunhilde wenig. „Ich erinnere mich an viel Leid und Elend, habe viel Schläge bekommen, wenn ich zu Mutter in die Nähschule wollte. Wenn ich über die Veranda zur Nähschule schlich, setzte es Ohrfeigen.“ Mutters Arbeit in der Nähschule bestand auch darin, Nonnentrachten zu schneidern.

An Dina Griesenbrauck erinnert sie sich noch lebhaft. „Sie war in der Waschküche. Wenn der Weiße Sonntag, die Erstkommunion, anstand, mussten die älteren Mädchen bei der Wäsche helfen. Es war viel Wäsche.“ Dina hat den Mädchen wohl gezeigt, wie man das macht.

Die Namen vonOrdensschwestern

Aus ihrer Zeit sind Brunhilde Böttger etliche Namen von Schwestern im Gedächtnis haften geblieben: Schwester Ammelberga, die beim Bombeneinschlag umkam, war für die kleinen Kinder zuständig, ihre Nachfolgerin für die Kleinen war Schwester Oswalda. Schwester Ehrenburga sorgte für die Kinder, die zur Schule gingen. Schwester Quintilla wirkte in Küche und Kindergarten. Weitere Zuständigkeiten: Schwester Kralielda für Nähschule und Kapelle, Schwester Carita war Oberin. Schwester Agricola sorgte für Hostien, hatte dafür ein eigenes Waffeleisen nur für das Hostienbacken. Schwester Deburcia kümmerte sich um die Ställe und die Pferde.

Ergänzt werden kann diese Reihe von Namen um Schwester Helwiga, die sich Kleinkinder und Säuglinge umsorgte, und Schwester Redigunde (Kapelle). Die Aufzählung der Namen erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und richtige Schreibweise. Auch ist nicht bekannt, in welchen Jahren die Schwestern in Menden arbeiteten.

Im 4. und letzten Teil eines immer noch unvollständigen Rückblicks auf 57 Jahre Geschichte des Mendener Waisenhauses, zeigt es sich, dass die Kinder Schicksale meistern mussten, unter den man zusammenzubrechen drohte. Aber es zeigte sich auch, dass das ganze Leben ein Theater war und ist.