Kein Verlass auf kollektives Gedächtnis

Die kupferne Schlange, Zeichen des Apothekerwesens (Äskulap-Stab), mit Schriftzug Markt-Apotheke (war sie erst seit 1909) und Gründungsjahr 1785 (falsch für die Markt-Apotheke).
Die kupferne Schlange, Zeichen des Apothekerwesens (Äskulap-Stab), mit Schriftzug Markt-Apotheke (war sie erst seit 1909) und Gründungsjahr 1785 (falsch für die Markt-Apotheke).
Foto: WP

Menden. Es hat mich umgehauen. Sitze ich vor wenigen Tagen frühmorgens am Schreibtisch und greife noch Gedanken verloren nach einer Schrift von 1926 von Dr. Gisbert Kranz und lege sie nach kurzer Zeit erschrocken beiseite. Kann nicht sein, schießt es mir durch den Kopf. Hat Menden kollektiv falsches Wissen um die Markt-Apotheke gesammelt? Mich inbegriffen?

Namen sind Schall und Rauch. Aber 124 Jahre Rauch müssen doch Spuren hinterlassen haben. Den Schall haben wir wohl alle überhört. Hilft aber nichts: Die Apotheke am Markt, seit 1785 Mendens erste Apotheke, hieß in den ersten 124 Jahren Hirsch-Apotheke und nicht Markt-Apotheke.

Ich muss eigentlich nicht beschreiben, was ich als erstes gemacht habe: Mir die Finger wund gewählt. Alle möglichen Leute angerufen, solche, die es wissen müssten. Meine ständig wiederholte Frage: „Wusstet Ihr das?“ Niemand ließ den „Hirsch“ röhren.

Bis Cordier „Hirsch“ – ab Brüning „Markt“

Wie kann im Bewusstsein der Mendener nach einem so langen Zeitraum ein Name so komplett ausradiert sein? Dr. Josef Rüngeler (†), angesehener Studienrat am Walram-Gymnasium, hat 1961 eine umfangreiche Abhandlung über Mendens erste Apotheke von 1785 geschrieben. Überschrift: „Aus der Geschichte der Markt-Apotheke“. Ich habe keinen Hinweis auf „Hirsch“ entdeckt. Dann müsste ich den Namen mehrmals überlesen haben.

So weit, so nicht gut.

Ich zitiere die Stelle, in der Dr. Gisbert Kranz 1926 der Apotheken-Geschichte das Geweih aufsetzt: „In dem Biggelebenschen Haus befindet sich die… Apotheke. Die Familie Fuchsius (erster Apotheker in Menden, d. Red.) hatte sie 67 Jahre in Besitz. Sie gab ihr den Namen Hirschapotheke. Der Gründer, Michael Fuchsius, starb am 12. April 1813 im Alter von 68 Jahren. Es erbte die Apotheke sein Sohn Franz Wilhelm Fuchsius, dessen Tod am 9. September 1852 im 63. Lebensjahr erfolgte.

Der Nachfolger der Fuchsius´schen Familie war der Apotheker Bösenhagen, er trat die Apotheke in den 1870er Jahren an seinen Schwager Kewel ab. Am 1. Januar 1881 erwarb Apotheker Hermann Cordier die Hirschapotheke.

Im Jahr 1909 ging sie durch Verkauf an den Apotheker Brüning über, von ihm erhielt sie den Namen Markt-Apotheke…“

Mendens erste Apotheke schloss Silvester 1970 (s. Kolumne vom 10. Januar 2015).

Klaus Kimna hat das einzige Bildzeugnis

Doch, es gibt einen Mendener, der den Namen Hirsch-Apotheke schon mal geschrieben und gelesen hat: Dr. Theo Bönemann, der sich um die Mendener Geschichte verdient gemacht hat. Ihn habe ich ebenfalls angerufen. Er schien im ersten Moment ebenso ahnungslos zu sein wie die anderen. Bis ich ihn auf seine eigene Zeile in seinem Buch „Stadt und Land im Wandel“ von 2000 stieß. Dort steht „… das Privileg… eine Apotheke (Hirschapotheke, später Marktapotheke, Alte Apotheke) zu gründen“. Er hatte den Hirsch zwar erwähnt, aber wohl nicht verinnerlicht.

Danach war das „Jagdfieber“ auch bei Dr. Bönemann ausgebrochen. In seinen Unterlagen fand er die entscheidende Quelle: „Staatsarchiv Münster Reg. Bez. Arnsberg, Reg. Nr. 13825“. Aber welcher Normalbürger greift schon freiwillig zur noch so lebendigen Fachliteratur, zumal wenn sie auch noch eine Doktorarbeit ist?

Damit könnte ich mich zurücklehnen und es gut sein lassen. Ich habe nicht aufgepasst, nicht genug nachgelesen. Selbstkasteiung genügt mir aber nicht. Gibt es wirklich kein sichtbares Zeichen vom Geweihträger?

Doch. Klaus Kimna ist fündig geworden. Ich möchte gar nicht wissen, was er alles sammelt. Ich bin nur froh und dankbar, dass er es tut. Er zauberte vermutlich aus einer Schublade eine 5x7,5 cm große über 100 Jahre alte Reklameschachtel hervor. Aufdruck „Hirsch-Apotheke Herm. Cordier in Menden.“ Dazu angedeutet ein Stück Wald und ein kräftiger Hirsch. Das bislang einzige Zeugnis aus 124 Jahren.

Bleibt die Frage, wie es zum Bewusstseinsschwund in der Bevölkerung von damals bis heute kommen konnte. Mich eingeschlossen. Vielleicht war es für die Bürger einfacher, sich den Standort der Apotheke an anderen Kriterien zu merken. Am Markt eben, und dann wird aus der Hirsch-Apotheke am Mendener Marktgeschehen schnell die Markt-Apotheke, und der Hirsch durfte im Wald verschwinden.

Ähnliches passierte, als 1907 an der Hauptstraße die „Neue Apotheke“ öffnete. Da wurde aus der bisherigen einfach die „Alte Apotheke“. Die einfachste Methode, die Merkfähigkeit zu schulen. Dennoch: Es ist unfassbar, dass ein Name, der 124 Jahre Bestand hatte, so radikal ausgelöscht worden ist. Wie gesagt, nicht lebenswichtig, aber seltsam und sollte zu denken geben, wie schnell die meisten von uns in der Vergessenheit verschwinden.

Kunst kehrte einin die Markt-Apotheke

1953 ging die ungewollte und unbewusste Hirsch-Verdrängung so weit, dass der Kölner Künstler Prof. Ludwig Gies von der Kölner Werkkunstschule den Auftrag erhielt, für die Außenwerbung die kupferne Schlange, Zeichen des Apothekerwesens (Äskulap-Stab), zu formen mit Schriftzug Markt-Apotheke (war sie tatsächlich seit 1909) und Gründungsjahr 1785 (falsch für die Markt-Apotheke).

In der 61 Jahre währenden korrekten Zeit als Markt-Apotheke (1909-1970) hat sich der Mendener Künstler Wilhelm Schneider bis heute sichtbar im Museum dauerhaft verewigt. Schneider, der am Walram-Gymnasium Zeichen- und Kunstunterricht gab und auch mich unterrichtete, war beliebt bei den Schülern. Wir nannten ihn „Wackel“ Schneider. Und unter diesem Namen ist er auch heute noch ein Begriff. Schneider hatte bereits Apothekengefäße restauriert. Jetzt malte er 1959 in der damals erst 50 Jahre jungen Markt-Apotheke die beiden Schutzpatrone der Ärzte und Apotheker, St. Cosmas und St. Damian, auf die Türen der Medikamentenschränke im Verkaufsraum hinter dem Ladentisch.

Das Schwert machtesie zu Märtyrern

Cosmas und Damian sind Zwillingsbrüder, Ärzte und Märtyrer aus frühchristlicher Zeit und gelten als Schutzgeister der Apotheker. Sie sind in Syrien geboren und 303 in Kilikien (Südostküste Türkei) gestorben. Wegen ihres umfangreichen und selbstlosen Wirkens werden sie noch heute verehrt (Wikipedia).

Der Legende zufolge gelang ihnen sogar eine Beintransplantation, der Ersatz eines verfaulten Beines durch das eines verstorbenen Mohren. Die Legende sagt weiter, alle Versuche des römischen Präfekten, sie bei der Christenverfolgung zu ertränken, zu verbrennen oder mit Steinen und Pfeilen zu töten, hätten sie unversehrt überlebt. Erst die Enthauptung habe ihrem Leben ein Ende gesetzt. Beide werden als Heilige verehrt.

Beide Kunstwerke von Wilhelm Schneider samt restaurierten Apotheken-Gefäßen sind im Museum in einem eigenen Raum zu bewundern.

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