Karfreitags-Erlebnis an einer Kreuzung

Ein Mann bricht abends auf einer Kreuzung in der Mendener Fußgängerzone (zwischen Dönerimbiss und Textilkaufhaus) zusammen: Hilflos bleibt er liegen, während sein Körper von Krämpfen geschüttelt wird. Einige Passanten gehen an ihm vorbei, während die Mitarbeiter eines nahe gelegenen Imbiss-Lokals das Geschehen von der Türschwelle aus beobachten. Jemand kommt dazu und fragt sie aufgeregt: „Habt ihr schon den Rettungswagen gerufen, ich habe kein Handy mit?“ Keine Antwort! Die Menschen gehen aber hinein und tun jetzt hoffentlich etwas Gutes, falls das nicht schon längst geschehen ist.


Der Mann, wohl aufgrund von Alkoholismus im Krampf zusammengebrochen, reagiert auf Ansprache und Erste-Hilfe-Versuche: „Bleiben Sie mal so auf der Seite liegen, gleich kommt der Rettungswagen!“ abweisend. Er versucht mit einem Fluch und viel Speichel im Mundwinkel aufzustehen, bleibt aber zitternd sitzen.
Das Martinshorn ist dann lauter zu hören und als die Rettungssanitäter zur Stelle sind, reden sie dem Kranken mit guten Worten zu: „Ach, du bist es, ... was ist dir denn wieder passiert? Komm mal mit, wir müssen dich mitnehmen!“ und können ihn bewegen mitzukommen. Dann kehrt dort wieder Stille ein.


Von oben und mit Abstand betrachtet hat diese Kreuzung als Ort des Geschehens viel von dem christlichen Kreuz - dem Zeichen, in dem sich Himmel und Erde sowie Gott und Mensch begegnen.


Dabei sind wir entweder in der Rolle des Passanten, der zum Helfen verpflichtet sind, oder in der Situation des Menschen, der unter seiner Last zusammengebrochen ist. Hier gibt es viele Möglichkeiten zum Handeln: Als Passanten können wir wegschauen, flüchten, beobachten oder helfen, und als selbst Betroffene können wir die uns angebotene Hilfe fluchend verweigern oder besser annehmen.


Karfreitag und das Kreuz Christi stehen für Gottes bedingungslose Solidarität, mit der er uns in unserem Menschsein besonders im Leiden und Sterben angenommen hat. Das Kreuz fordert uns auf, uns selbst und unsere Mitmenschen an dieser Kreuzung zwischen Macht und Ohnmacht mit tief empfundenem Mitgefühl anzunehmen.
Kerstin Scheppmann,
Berufsschulpfarrerin