Zwei Jungs erzählen von ihrem Coming Out
05.11.2009 | 12:00 Uhr 2009-11-05T12:00:00+0100
Menden. Nils (Name geändert) wohnt im Mendener Raum und ist ein ganz normaler 18-jähriger Junge. Er hört gerne Musik, mag Autos und trifft seine Freunde. Und Nils steht auf Jungs.
Kein Händchenhalten in Menden
Obwohl er zu seiner Liebe steht, möchte er seinen richtigen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen: „Menden ist eine kleine Stadt. Ich möchte nicht, dass es alle wissen.”
Seit seinem Outing vor gut zwei Jahren wissen auch seine Familie und seine Freunde, dass er sich zu Männern hingezogen fühlt. Sie haben Nils' Liebe akzeptiert.
Doch wie hat er selbst herausgefunden, dass er homosexuell ist? „Es ist so, als ob ich ein Mädchen fragen würde, warum es Jungen liebt. Es gab eine Szene aus meinem Leben, in der mir das deutlicher bewusst wurde. Es war Silvester in einer Großstadt. Ich habe ein schwules Paar gesehen, das sich zusammen das Feuerwerk angesehen hat. Da kam der Gedanke: ,Das hätte ich jetzt auch gerne.'”
Im Grunde habe er schon immer gewusst, dass er homosexuell ist. „Aber irgendwann kam der Punkt, an dem ich gemerkt habe, dass ich auch so leben will, wie ich bin, und mich nicht mehr verstecken wollte. Ich fühle mich nach dem Outing freier”, beschreibt der 18-Jährige. Vorher habe er sein Verhalten genau analysiert, um nicht aufzufallen.
Als dann der Tag kam, an dem Nils sich auch offiziell geoutet hat, kam alles Schlag auf Schlag. „Ich habe mich sofort und überall geoutet. Bei meinen Eltern, den beiden Schwestern und meinen Freunden”, erklärt er. „Ich hatte mich mit jemandem im Kino verabredet, und meine Eltern haben mich anschließend abgeholt. Nach dem Kino dachte ich: ,Ich sag's jetzt Mama.' Also habe ich zu meiner Mutter gesagt: ,Mama, ich glaube, du wirst drei Schwiegersöhne bekommen.' Die Autofahrt zurück war die schlimmste in meinem Leben. Meine Mutter hätte heulen können.” Seine Mutter hat seine Homosexualität akzeptiert und dann seinen Vater und seine Schwestern informiert.
Bis heute haben Nils' Eltern seine Liebe zu Männern noch nicht richtig realisiert. „Weil ich weiß, wie schwer es für meine Eltern ist, würde ich nie jemanden mit nach Hause bringen, wenn ich mir nicht hundertprozentig sicher bin, dass es lange hält”, sagt Nils. Deshalb habe er seiner Familie auch noch nie einen Partner vorgestellt. Danach habe er sich zunächst vor einer Freundin geoutet. „Schließlich habe ich es bewusst Leuten erzählt, die es weitererzählen, weil es einfacher ist, wenn es viele wissen. Die, die ich kenne, wissen das alle. Outen macht einfach selbstbewusst.”
Nils hat sich selbst gefunden und steht zu sich. Ist er denn nicht manchmal Opfer von Intoleranz? „Nein, eigentlich kenne ich keinen, der direkt intolerant ist. Die, die es wären, haben nichts mit mir zu tun und zeigen es nach außen nicht. Trotzdem würde ich in Menden nie mit jemandem Händchenhalten. In Dortmund kein Problem, aber Menden ist einfach eine kleine Stadt”, antwortet er.
Und wo lernt er andere homosexuelle Jungen kennen? „Es gibt verschiedenen Möglichkeiten, in Iserlohn oder in einer größeren Stadt wie Dortmund. Dann gibt es auch noch das Internet”, erklärt Nils. „Aber eine Liebe auf den ersten Blick gibt es selten. Ich komme bei Heterosexuellen nie auf die Idee, dass da etwas laufen könnte.”
Es sei schwierig, jemanden kennen zu lernen, der es wirklich ernst mit einem meine. „Es ist eine oberflächliche Szene, auch wenn viele die große Liebe finden wollen und gerne tiefgründiger wären: Wenn man sich über das Internet kennen lernt, sieht man immer auch direkt ein Bild. Wenn das nicht passt, ist es schwer. Oft lernst du so auch Leute kennen, die weit weg wohnen.”
Nils ist glücklich mit seinem Lebensweg und froh, dass er den Schritt gewagt hat, sich zu outen: „Bei jedem ist es anders, jeder muss es für sich selbst herausfinden. Es ist wichtig, dass man daraus lernt, dass man zu sich selbst steht.” Jana Hofmann
Jungs fand Tim schon immer interessanter
Menden. Freitagabend. Die ganze Clique sitzt in einer Bar. Schon einige Minuten beobachten alle Mädels diesen Typen an der Theke. Er ist groß, hat wunderschöne blaue Augen, und sein Lachen steckt alle an. Aber etwas an dieser Situation ist anders. Nicht nur die Mädels schauen sich den jungen Mann genau an. Nein, auch Tim (21, Name geändert) macht sich seine Gedanken über ihn. Denn Tim ist schwul.
Mit der Jungen WP unterhielt sich Tim über sein „Coming Out”. Der 21-Jährige wurde zwar noch nie mit Schwulenhassern konfrontiert, weiß aber, dass es sie gibt. Seinen Namen will er deshalb nicht preisgeben.
„Natürlich habe ich schon ziemlich früh gemerkt, dass ich Jungs interessanter fand als Mädchen. Aber ich habe es lange Zeit immer wieder als eine Phase in der Pubertät abgetan.” Doch nie verschwand dieses Gefühl ganz. Tim fing an, sich mit den immer gleichen Fragen auseinanderzusetzen: „Warum ich? Das war eigentlich das, was mich am meisten beschäftigte. Ich wollte ,normal' sein, bis ich es irgendwann einfach denken konnte, ohne mich zu sträuben: Ich bin schwul.”
Doch dies war nur die erste Hürde auf seinem Weg zum Coming Out. „Erst musste ich es vor mir selbst einmal laut sagen, um es wirklich zu glauben. Und später habe ich es dann nach und nach meinen Freunden erzählt.” Die erste Freundin, der Tim sein Geheimnis anvertraute, war eine Schulkameradin, die bemerkte, dass es ihm nicht gut ging.
„Sie tippte gleich auf Liebeskummer, aber bis sie darauf kam, dass es sich um einen Jungen handelte, dauerte es ein wenig”, sagt Tim heute.
Doch der härteste Teil stand ihm noch bevor: „Wie soll man so etwas seiner Mutter sagen? Das hat mir echt Sorgen bereitet.” Aber Tim hatte Glück, sowohl seine Geschwister, als auch seine Mutter nahmen die Neuigkeiten gut auf. „Sie hat kurz geschluckt und meinte, sie hätte gern Enkelkinder von mir gehabt, aber sie unterstützt mich trotzdem.”
Bis heute hat Tim keine negativen Reaktionen auf seine Sexualität erfahren müssen. „Natürlich sind mal Sprüche wie ,Schwuchtel' gefallen, aber ich hatte immer genug Leute, die hinter mir standen und genug Selbstbewusstsein, dass ich das einfach überhören konnte”, erklärt er.
Heute ist der Student glücklich mit sich. Nur leider ist es in unserem Land noch lange nicht normal, homosexuell zu sein. Blutspenden dürfen Schwule zum Beispiel bei einigen Institutionen nicht, da sie zu einer Risikogruppe gehören. Tim: „Wenn die Leute mich in Ruhe lassen, dann lass ich sie in Ruhe. Solange ich mich nicht persönlich angegriffen fühle, ist alles gut.” Kristina Jahn