Was ist eigentlich „Heimat“?
05.05.2011 | 18:39 Uhr 2011-05-05T18:39:00+0200Menden. Die ganze Welt ist nur einen Klick entfernt: In Zeiten des Internets könnt Ihr Videos aus Sri Lanka sehen, Musik aus Südafrika hören und mit Menschen aus den USA chatten. Doch was bedeutet in dieser globalisierten Welt eigentlich der Begriff „Heimat“ für Jugendliche?
Sechs Junge-WP-Autoren haben aufgeschrieben, was für sie Heimat ausmacht. Herausgekommen sind ganz unterschiedliche Blickwinkel. Doch eins ist klar: Menden ist und bleibt für sie Heimat. Ganz egal, ob sie irgendwann einmal ganz woanders leben. Und: Man kann zwar über das weltweite Netz schnell und meist problemlos kommunizieren, aber eine Umarmung sagt dann doch viel mehr als 1000 Worte.
Schon seit Kindertagen ist ein großes Ziel von mir, die Welt zu bereisen und verschiedene Länder und Kulturen kennen zu lernen. Ich gehöre zu den Menschen, die in regelmäßigen Abständen vom Fernweh gepackt werden. Trotzdem überkommen sie mich eigentlich jedes Mal aufs Neue, die Heimatgefühle. So spannend der Urlaub auch war, es geht nichts über das Gefühl, wieder im eigenen Land zu sein, nach Hause zu kommen, Freunde und Familie wieder zu sehen. Es ist toll, wenn man das Haus auch mal ohne Stadtplan und Wörterbuch verlassen kann. Man fühlt sich nicht mehr als Fremder, sondern wohl und geborgen.
Aber auf den unterschiedlichen Reisen ist es irgendwann passiert: Ich bin zum Schweden-Fan mutiert. Dort fühle ich mich fast genauso wohl wie in Deutschland. Ich könnte mir sogar vorstellen, später nach Schweden auszuwandern. Doch am liebsten Familie und Freunde im Gepäck, denn eigentlich sind es doch die Menschen, die man liebt, die uns das Gefühl von Heimat vermitteln. Man kann zwar „übers Netz“ kommunizieren, doch ich denke, eine Umarmung sagt manchmal mehr als 1000 Worte. Anna-Lena Weiß
Bevor ich vor ungefähr einer Woche aus Frankreich wiedergekommen bin, habe ich mir manchmal die Frage gestellt, ob Heimat ein Ort oder ein Gefühl ist. Ich dachte immer, Heimat sei der Ort, an den man am liebsten zurückkehrt, wo man seine Sandkastenfreunde hat, wo man die Wege im Schlaf geht und die Muttersprache spricht. Dass der Ort, an dem man aufgewachsen ist, immer der sei, zu dem man hingehöre.
Doch so schnell wie ich in drei Monaten in Paris neue Freunde gefunden habe, in der anderen Sprache träumte und den Metroplan nicht mehr brauchte, wurde diese Stadt für mich schnell zur zweiten Heimat, und wäre ich noch länger geblieben, hätte es für mich genauso gut die neue Heimat werden können. Vielleicht ist Heimat also doch das Gefühl, was ich mit mir trage und an mehreren Orten ausbreiten und lassen kann. Leider kann kein Foto im Internet, keine noch so ausführliche Beschreibung oder persönliche Tagebucherzählung die wirklichen Eindrücke eines anderen Ortes ersetzen, und daher möchte ich unbedingt noch viele weitere Länder selber kennenlernen.
Denn vorher war es das Fernweh, das mich nach Paris zog, jetzt ist es das Heimweh. Ich hoffe, das kann ich später von mehreren Städten sagen.
Dorit Heider
Vicky Kotsikou (16) hat seit ihrer Geburt bis zum Sommer 2010 in Menden gelebt. Doch dann ist sie mit ihrer Mutter nach Griechenland gezogen, da beide Eltern in Griechenland geboren sind und ihre Mutter dort eine neue Arbeit gefunden hat. Fragt man die Deutsch-Griechin nach ihrer Heimat, ist sie in einem Zwiespalt: Wenn es nach dem Umfeld und den Menschen gehe, wäre Deutschland ihre Heimat. Jedoch in Sachen Kultur fühle sie sich eher in Griechenland zu Hause, meint die 16-Jährige. Heimat ist für sie ein Land, zu dem man sich zugehörig fühlt. In dem man sich nicht für Meinung, Religion und Aussehen schämen muss und sich somit wohl fühlt.
Für die 16-Jährige spielt die Heimat auch im Zeitalter des Internets eine sehr große Rolle, da man dort aktiv am Leben teilnimmt. Für Vicky ist Menden eindeutig Heimat, weil sie da geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen ist. Auch alle ihre Freunde und Bekannte verbindet sie mit Menden.
Wenn sie ihren Schulabschluss in Griechenland gemacht hat, ist sie sich sicher, dass sie trotz der griechischen Kultur nach Deutschland zurückkehren wird. Ausschlaggebend dafür sind die besseren beruflichen Möglichkeiten und das gewohnte Umfeld. 15 Jahre lassen sich schließlich nicht einfach in acht Monaten ausradieren, sagt sie. Moritz Litterst
Ich bin ein Stadtmensch. Definitiv. Und zwar ein Großstadtmensch. So oft wie möglich zieht es mich weg vom kleinen, öden Menden, hinaus in die große weite Welt.
Auch zum Studieren wäre ich liebend gern ausgezogen, und es wurmt mich eigentlich immer noch ein bisschen, dass ich „nur“ in Iserlohn studiere und daher immer noch bei Mama und Papa wohne...
In den vergangenen Semesterferien habe ich jedoch etwas völlig Neues an mir entdeckt: Ich war die ganze Zeit über viel unterwegs, war in London, in Mailand, in München und im Skiurlaub. Zwischen den Reisen lagen immer nur wenige Tage, und die Zeit wurde stressiger als gedacht. Plötzlich fiel mir auf, dass ich mich darauf freute, mal wieder Zeit im schläfrigen Menden verbringen zu können, um dort zur Ruhe zu kommen – eine völlig neue Erfahrung.
Wenn ich mit dem Studium fertig bin, möchte ich immer noch umziehen, am liebsten nach München, Hamburg oder Berlin. Allerdings wäre ich enttäuscht, wenn meine Eltern Menden verlassen würden. Menden ist schon in gewisser Weise Heimat für mich – ich habe schließlich fast mein komplettes Leben hier verbracht. Die Möglichkeit, jederzeit wieder hierhin zurückkehren zu können, möchte ich niemals missen. Veronika Strotmann
Heimat ist für mich ein Ort, an dem ich mich wohlfühle, der eigentlich auch immer derselbe ist und nicht ständig wechselt. Heimat ist für mich ein Ort, an dem ich einerseits mit vertrauten Personen zusammen bin, aber auch meine Privatsphäre habe, wohin ich mich zurück ziehen kann. Heimat ist der Ort, an dem ich aufgewachsen bin und meine Wurzeln habe.
Einen Ort machen viele Freunde und auch Erinnerungen und Erlebnisse, an die man sich gern erinnert, zur Heimat. Menden wird immer der Ort meiner Heimat bleiben, auch wenn ich später mal an einen anderen Ort ziehen sollte.
Auch wenn ich mit einem Klick im Internet die ganze Welt sehen kann, ist doch nicht jeder Ort gleich meine Heimat. Heimat ist nicht nur ein Ort, den ich sehe, sondern es sind auch viele Emotionen, die man damit verbindet. Meine Heimat bietet mir ein soziales Netzwerk. Ich gehe hier zur Schule, habe Hobbys, alles ist mir sehr vertraut. Jedoch kann man Heimat nicht für jeden Menschen spezifizieren, da jeder eine andere Bedeutung in ihr sieht. Menden ist insofern meine Heimat, da ich hier geboren wurde. Wäre ich in einer anderen Stadt geboren und würde dort leben, wäre sie meine Heimat. Jedoch durch schlechte Erfahrungen und unschöne Erinnerungen kann ich mir vorstellen, dass man aus seiner Heimat fliehen möchte und einen Neuanfang woanders beginnen möchte. Heimat ist eben dort, wo man sich geliebt und geborgen fühlt.
Nina Bauerdick
Um definieren zu können, was genau Heimat ist, muss man meiner Meinung nach vorerst einige Begriffe unterscheiden: 1. Zuhause, 2. Daheim und 3. Heimat. Ich sehe in diesen drei Worten eine gewisse Steigerung.
Zuhause, das ist etwas, das einem leicht über die Lippen kommen kann: Wenn man für zwei Wochen im Urlaub ist, über ein Wochenende verreist, oder auch nur über Nacht bei einer Freundin in einer anderen Stadt ist, und man möchte seine Ruhe haben und will ins Bett, so sagt man: „Ich möchte nach Hause.“ Ziemlich unemotional also.
Daheim ist dann die Steigerung. Daheim ist in meinen Augen der Ort, an dem man sich sicher und gut fühlt, an den man meint hinzugehören. Dort, wo später einmal meine Kinder aufwachsen, dort will ich daheim sein. Ein Platz, der mir viel bedeutet und den ich vermisse, mal schneller, mal kürzer. Den ich selbst erwählt und gestaltet habe.
Der stärkste Begriff ist allerdings in meinen Augen Heimat. Heimat ist für mich der Ort, an dem man seine Kindheit und Jugend verbracht hat. Also kann man sich seine Heimat auch nicht aussuchen. Man muss diesen Ort nicht unbedingt vermissen oder gar Heimweh nach ihm haben, aber man wird sich jedes Mal, wenn man zurückkehrt, so fühlen, als sei man niemals weggewesen, nur als sei man älter geworden.
Für mich ist meine Heimat der Ort, an dem ich die meisten Straßen und Geschäfte (wenn auch nicht namentlich) kenne. An dem ich, wenn ich nur 15 Minuten unterwegs bin, mindestens drei bekannte Gesichter sehe, und an dem ich, und das ist das Wichtigste, an jeder Ecke von hauptsächlich schönen Erinnerungen heimgesucht werde.
Auch wenn mein Zuhause ständig wechselt und ich vielleicht eines Tages in Hamburg mit meiner eigenen Familie daheim sein sollte, so wird doch immer Fröndenberg meine Heimat sein.
Kristina Jahn
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