Jeder fünfte Unfall endet mit einer Flucht

Die Gesamtunfallzahl für Menden ist stabil geblieben.
Die Gesamtunfallzahl für Menden ist stabil geblieben.
Foto: WP

Menden..  Mehr Verkehrsunfälle mit Schwer- und Leichtverletzten verzeichnet die Polizei in Menden für 2014 gegenüber dem Vorjahr. Während die Gesamtunfallzahl für Menden und Balve mit etwa 1900 ebenso stabil blieb wie die Zahl der 1300 Sachschadensunfälle, blickt die Polizei mit Sorge auf die Verletzten-Statistik. So stieg die Zahl der bei Unfällen schwer Verunglückten von 9 auf 26 um das Dreifache an. Mit 150 Menschen wurden auf Mendens Straßen zudem sechs Personen mehr verletzt als 2013.

Wie im Jahr zuvor war auch 2014 ein Verkehrstoter in Menden zu beklagen. Es war der 16-jährige Junge aus Holzwickede, der im Januar auf der Fröndenberger Straße als Beifahrer eines Enduro-Motorrads beim Aufprall auf ein Auto aus ungeklärter Ursache seinen Helm verlor. Tage später erlag er in der Dortmunder Unfallklinik seinen schweren Kopfverletzungen.

Tödlicher Unfall auf Motorrad

So tragisch dieser Unfall war: Wachenleiter Josef Pille erinnert sich im Pressegespräch mit Schaudern an Zeiten vor ein paar Jahren, als zweistellige Verkehrstotenzahlen auch für Menden und Balve an der Tagesordnung waren. „Dank Airbags und Aufklärung ist das zu heute gottlob kein Vergleich mehr, trotz der steigenden Verkehrsdichte.“

Auffällig war 2014 die Zunahme der Unfallfluchtzahlen, wie Richard Unkhoff, Chef des Verkehrskommissariats Nord, festhält: „Bei jedem fünften Unfall flüchtet der Verursacher.“ Die Zunahme dieses unrühmlichen Wertes führt die Polizei auch auf steigende Fluchtzahlen älterer Verkehrsteilnehmer zurück: „Manche bekommen Parkplatzrempler kaum noch mit, andere fürchten offenbar nach jedem Unfall den Verlust des Führerscheins – und damit der letzten Mobilität“, vermutet Unkhoff. Von der seit Jahren bestehenden Möglichkeit, sich als Verursacher bis zu 24 Stunden nach einem Unfall zu melden, ohne automatisch als Flüchtiger verdonnert zu werden, mache praktisch niemand Gebrauch.

Angst um den Führerschein

Die Polizei in und um Menden versuche gerade die Seuche der Fluchten zu bekämpfen: „Unfallflüchtige dürfen nicht ungeschoren davonkommen, sonst bleiben die Geschädigten auf ihrem Schaden sitzen.“

Tatsächlich schaffte es die heimische Polizei zuletzt, die Fluchten nach Unfällen mit Verletzten zu 70 Prozent aufzuklären – ein Wert, der deutlich über dem Landesschnitt von 66 Prozent liegt. Insgesamt verzeichnet die Polizei für alle 319 Unfallfluchten des letzten Jahres in Menden eine leicht gesunkene Aufklärungsquote von 41,1 Prozent. Kreisweit liegt sie bei 44,5, in ganz NRW bei mehr als 46 Prozent.

Ausgezahlt habe sich die Methode, das Verkehrsgeschehen im Nordkreis nach Sachgebieten und nicht nicht nach Gemeindegrenzen aufzuteilen, betont Josef Pille, der den Verkehrsdienst von Iserlohn aus mehrere Jahre lang leitete. So gebe es heute Spezialisten bei der Polizei, denen in Sachen Unfallflucht keiner ein X für ein U vormacht. Die Kehrseite dieser Regelung durchlebt die Wache Menden gerade allerdings auch: Mit ihrem Flucht-Experten „gingen 20 Jahre Erfahrung leider mit in Pension“, beschreibt Unkhoff.

Relativ neu, aber zunehmend spürbar sei ein anderes Phänomen, das mit der alternden Bevölkerung zusammenhängt: „Es mehren sich in letzter Zeit die Fälle von Herz- und Schlaganfällen am Steuer, die danach zu Karambolagen führen, weil die Fahrer ihren Wagen nicht mehr kontrollieren können.“

Mit Blick auf ältere Verkehrsteilnehmer deuten sich im Kreisgebiet unterdessen auch neue Maßnahme an, die vor allem in Richtung Aufklärung gehen: Betagte Fahrer, die einen Unfall verursachen, will die Polizei künftig nachdrücklicher als heute zu den freiwilligen Seh- oder Reaktionstests bitten.

Smartphone als neue Hauptursache

Bisher machten die wenigsten von den Angeboten der Verkehrswacht Gebrauch – auch hier vermutet Josef Pille die Angst vor schlechten Ergebnissen und deren Konsequenzen als Ursache. Dabei dürfe die Verkehrswacht als eingetragener Verein gar keine Daten weitergeben.

Ein folgenreicher Modetrend ist laut Unkhoff unterdessen das Smartphone am Steuer: „Wer beim Fahren zwei Sekunden runterguckt und eine Whatsapp tippt, der unternimmt einen Blindflug, der einem Alkoholwert von 0,8 Promille entspricht.“ Und der ende immer häufiger im Gegenverkehr.

Inzwischen geht die Polizei bei der Mehrzahl von Unfällen ohne erkennbare Ursache von dieser neuen Art der Telefonitis aus. Das betreffe nicht nur Fahrzeugführer: Auch simsende Fußgänger verursachen Unfälle. Richard Unkhoff: „Es dauert nicht mehr lange, dann wird das Smartphone nach Unfällen sichergestellt und ausgewertet.“