„Ihr habt ein echtes Schmuckstück da oben“

Der Weg zum eigenen Heim: Mit viel Eigenleistung zogen die Siedler in den 1960-er Jahren ihre Häuser hoch.
Der Weg zum eigenen Heim: Mit viel Eigenleistung zogen die Siedler in den 1960-er Jahren ihre Häuser hoch.
Foto: WP

Menden..  „Wir waren überglücklich.“ Wenn der 82-jährige Alfred Lenze an den 16. Dezember 1972 zurückdenkt, strahlen seine Augen. Es war der Tag, an dem der Mendener Werkzeugmacher mit seiner Familie in die eigenen vier Wände eingezogen ist. Sein Haus war eines der ersten in der „Holzhackersiedlung“ der Baugemeinschaft Heilig Kreuz am Obsthof, die am 29. Mai 1965 gegründet worden war und dieses Jahr ihr 50-jähriges Bestehen feiert.

Anfang der 70er Jahre reihte sich noch Baustelle an Baustelle, gab es nur schlammige Zufahrten. An eine asphaltierte Straße war noch lange nicht zu denken, geschweige denn an Bürgersteige und Straßenlaternen. Doch für Alfred, seine Frau Theresia und ihre beiden Kinder ging ein Traum in Erfüllung. Jahrelang hatte sich die Familie in einer Werkswohnung der Firma Eichelberg an einer belebten Straße im Rauherfeld mit beengten Wohnverhältnissen begnügen müssen. Nicht viel mehr als 30 Quadratmeter stand den Lenzes zur Verfügung.

„Auf einmal hatten wir eine ganze Etage mit ca. 90 Quadratmetern“, erinnert sich der 82-Jährige heute. „Wir konnten in unserem Eigentum machen, was wir wollten, und es war ringsherum so wunderbar ruhig.“ Das gefiel natürlich auch den Kindern, damals acht und elf Jahre alt. „Jeder hatte endlich sein eigenes Zimmer und im Wald vor der Haustür konnten sie herrlich spielen.“

5000 Mark Startkapital

Doch den Siedlern der Baugemeinschaft Heilig Kreuz hatte es der Herrgott nicht erspart, vor den Erfolg den Schweiß zu setzen. „Wir mussten insgesamt 5000 DM in Raten zurücklegen “, blickt Alfred Lenze fünf Jahrzehnte zurück. „Da musste die Familie auf manches verzichten, und an Urlaub war gar nicht zu denken.“

Dennoch hat es der Werkzeugmacher nie bereut, sich für das Bauprojekt angemeldet zu haben, das Pastor Rickert damals bei einem Gottesdienst in der Heilig-Kreuz-Kirche angekündigt hatte. Mit Unterstützung der Kirche, durch die gemeinsame Planung baugleicher Häuser und ein hohes Maß Eigenleistung sollte es möglich werden, dass sich auch Arbeiterfamilien den Traum von den eigenen vier Wänden erfüllen.

Dabei wurde jedem Bauherren nicht nur eiserne Sparsamkeit, sondern auch rund 1000 Stunden Arbeitseinsatz abverlangt. Alle Männer mussten beim Bau der 34 Häuser mit anpacken. Die Keller ihrer Häuser einschließlich Kellerdecke hatten die Bauherren selbst zu errichten. Das sah dann für Alfred Lenze und viele andere so aus: Morgens um 6 Uhr in die Fabrik und nach Feierabend mit dem Fahrrad noch mal für drei oder vier Stunden auf die Baustelle. „Bis es dunkel wurde, gab es immer zu tun“, erinnert sich Alfred Lenze. „Und samstags erst recht- von 6 Uhr morgens an “. Wer nicht mauern konnte, der lernte es auf der Baustelle oder er schnitt Moniereisen oder schob die Schubkarre. Es gab Arbeit für jeden.

Während Baumaschinen und Fertigteile den Hausbau heutzutage erheblich erleichtern, war damals zum großen Teil noch zeit- und kraftraubende Handarbeit gefragt. „Steine und Zementsäcke wurden von Hand von den Fahrzeugen abgeladen“, beschreibt Lenze, wie das damals auf der Baustelle vor sich ging. „Pro Kellerdecke wurden rund 110 Säcke Zement benötigt. Die einen standen an der Mischmaschine, die anderen schoben die Karren, und wieder andere füllten den Beton ein.“ Das alles war gut organisiert, und während die eine Decke gegossen wurde, wurde für das nächste Haus schon alles vorbereitet. So ging es zügig voran.

In der Erinnerung von Alfred Lenze lief das alles sehr harmonisch ab. „Der eine half dem anderen, es war eine gute Gemeinschaft.“ Manchmal auch eine sehr fröhliche Gemeinschaft. Die Bauherren verstanden es, nicht nur fleißig zu arbeiten, sondern auch ausgiebig zu feiern. „Wir hatten mal ein Holzhackerfest, das ganz furchtbar verregnet ist“, erzählt Alfred Lenze. „Da haben wir bei mir in der Waschküche, in der noch ein großer Haufen Bausand lagerte, weiter gefeiert. Hinterher hatte ich eine Stunde lang zu tun, die Zigarettenstummel und Flaschenkapseln aus dem Sand rauszusuchen.“

Gegenseitige Hilfe

Gemeinsam arbeiten, sich gegenseitig helfen und gemeinsam feiern. Dieser Leitsatz prägte die Baugemeinschaft auch weiterhin, als alle Häuser fertig gestellt waren. Alfred Lenze hat viele schöne Feste im Gedächtnis behalten, darunter auch so manche Maiwanderung, bei der er sich verantwortlich fühlte, dass im Wald kein Müll zurückblieb und die Flaschen wieder eingesammelt wurden. Wer so sorgfältig darauf achtet, dass nichts verloren geht, scheint zum Geldverwalten berufen. Und tatsächlich hat Alfred Lenze über 18 Jahre lang die Kasse der Baugemeinschaft geführt.

Heute kann der 82-Jährige ebenso stolz in die Vergangenheit wie entspannt in die Zukunft schauen. Sohn und Schwiegertochter wohnen mit im Haus und werden dafür sorgen, dass es in der Familie bleibt. Alfred Lenze genießt die Spaziergänge in den Wäldern vor der Haustür und fühlt sich in der Siedlung pudelwohl. „Schon mein Meister in der Firma hat gesagt: Ihr habt ein echtes Schmuckstück da oben.“