Heute vor 70 Jahren: „Die Amis kommen!“

Menden. Nachgeborene können heute kaum mehr ermessen, was der Zweite Weltkrieg für die Menschen bedeutete, die das Inferno erleben und erleiden mussten. Und wer sich Berichte über das Kriegsende ansieht, blickt auf eine Phase, die für die Zivilbevölkerung von Zerstörung, Verwirrung und Angst geprägt war. Die Nazi-Herrschaft ging unübersehbar zu Ende, doch die Unterlegenheit deutscher Truppen machte zunächst das Risiko größer, zuletzt noch sein Leben zu verlieren. Weil die Stadt in die Kampflinie geriet, oder weil auf vorzeitige Aufgabe eines sinnlosen Kampfes immer noch die Todesstrafe stand.

Mit dem „D-Day“, der Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944, beginnt die Befreiung Frankreichs und der Endkampf im Westen. Zehn Monate später, am 1. April 1945, schließt sich der Ruhrkessel: Die deutschen Einheiten im Ruhrgebiet sind von den vorrückenden Gegnern gänzlich eingekreist. Wo sich deutsche Truppen trotz der Aussichtslosigkeit im Kessel noch wehren, kommt es auch im Sauerland noch zu furchtbaren Szenen: Zivilisten und Soldaten beider Seiten sterben, Städte werden zerstört.

Menden dagegen nehmen die Amerikaner ohne nennenswerten Widerstand ein – am 14. April, also heute vor 70 Jahren. Zwei Tage später, am 16. April, übergibt dann der Hauptmann Albert Ernst seine „Sturmtiger“-Panzereinheit auf dem Iserlohner Schillerplatz den Amerikanern. Menden, Hemer und auch Iserlohn, die in diesem Geschehen nicht isoliert zu betrachten sind, bleiben so die großen Zerstörungen erspart, die andere westfälische Städte erleiden mussten. Allerdings gibt es auch in Menden an diesen letzten Tagen noch Todesopfer, als die anrückenden Amerikaner die Stadt vor dem Einmarsch unter Artilleriebeschuss nehmen.

Laut der Kriegsende-Dokumentation „Die Amis kommen!“ von Peter Müller, Franz Rose und Andreas Reiser haben es die Bewohner des heutigen Nordkreises indes ausgerechnet ranghohen Militärs zu verdanken, von dem Grauen verschont zu bleiben, das etwa Altenhundem noch traf (Bild unten). Hier dagegen kapitulieren deutsche Befehlshaber, und die Amerikaner nehmen an.

Diese Menschen haben Namen: Auf amerikanischer Seite sind es vor allem die US-Generäle Walter E. Lauer von der 99. Infantry Division, S. Le Roy „Red“ Irwin (5. Infantry Division) und Robert W. Hasbrouck, 7. Armored Division. Auf deutscher Seite riskieren Offiziere mit der Kapitulation ihr Leben, hat doch Hitler befohlen, keinen Quadratmeter Boden kampflos preiszugeben. Dagegen handeln Generalleutnant Fritz Bayerlein, Hauptmann Albert Ernst und Generalmajor Siegfried Waldenburg: Sie kapitulieren – und übergeben eine von den Amerikanern gefürchtete „Sturmtiger“-Panzereinheit kampflos in Iserlohn.

Drei Städte auf Messers Schneide

Alle Beteiligten trugen durch besonnenes und beherztes Verhalten in den letzten Kriegstagen dazu bei, dass der Region ein noch größeres Leid erspart blieb. So hatte Bayerlein schon vor dem Einmarsch der „Amis“ in Menden den kampflosen Rückzug der Tigerpanzer-Einheit von Ernst nach Iserlohn befohlen, um dort am 16. zu kapitulieren.

Wäre das nicht geschehen – die Folgen für die Stadt wären unausdenkbar gewesen. Auch so war es für die Bevölkerung schlimm genug. Die Divisionen von „Red“ Irwin und Hasbrouck, die am 13. April bis ins Hönnetal, nach Eisborn, Asbeck und Holzen vorgerückt waren, ließen die Artillerie auf Menden schießen, wo es Tote und Verletzte gab. Auch am 14. April wurde nochmals aus Richtung Biebertal geschossen. Dann, die weiße Fahne wehte an der Vincenzkirche, marschierten Irwins Soldaten zwischen 15 und 16 Uhr in die Stadt ein.

Tags darauf war auch Iserlohn umzingelt. Alles hing jetzt davon ab, wie sich die nun noch kampffähige Panzereinheit mit Hauptmann Ernst verhalten würde. Bericht folgt