Guter Vorsatz: netter sein

Neuer Vorsatz: netter sein. Silas wagt das Selbstexperiment.
Neuer Vorsatz: netter sein. Silas wagt das Selbstexperiment.
Foto: WP

Menden..  An Neujahr ist man noch hochmotiviert, kurze Zeit später war’s das schon wieder: Die eigenen Vorsätze einzuhalten, ist gar nicht so einfach. Egal ob „Ich esse weniger Süßigkeiten“ oder „Ich nehme mir mehr Zeit für meine Mitmenschen“ – am Ende des Jahres müssen wir uns eingestehen: Es ist irgendwie alles gleich geblieben. Die Junge WP hat es für Euch getestet: Wie schwer ist es, nur ein Wochenende lang, also zwei Tage, nett zu sein – und zwar andauernd? Ein Experiment.

Tag 1

11 Uhr: Es beginnt. Ich gehe in die Küche und höre meine Schwester rufen: „Hilfst du mir mal kurz?“ Nein, eigentlich nicht. Ich habe Hunger. Ich erinnere mich an meinen guten Vorsatz, drehe auf der Treppe um und frage, worum es geht. Ich solle helfen, Möbel in ihrem Zimmer umzustellen. Meine Erklärung: „Das geht leider nicht. Ich habe gleich einen Pressetermin.“ Netter ging’s nun wirklich nicht.

12 Uhr: Ich bin auf dem Weg zum Pressetermin und stehe schon in der Haustür – meine Mutter beginnt ein Gespräch. Mir fällt ein: Du wolltest doch netter sein! „Ist der Schal neu?“, frage ich. Skeptische Blicke. Ein Augenblick der Stille. „Nein, den habe ich schon lange“, ist die Antwort. Mist.

13.30 Uhr: Ich bin wieder zu Hause. Beim Gang durchs Treppenhaus fällt mir ein, dass ich meiner Schwester helfen wollte, ihr Zimmer umzuräumen. Ich erinnere mich an meinen guten Vorsatz und trete ein. Das Ergebnis: Der Versuch, den (ohnehin kaputten) Schreibtisch abzubauen, endete damit, dass meine Schwester nun einen komplett kaputten, nicht ganz abgebauten Schreibtisch hat. Zum Umräumen kam es leider nicht – sie musste los.

14 Uhr: Ich sitze im Auto und höre einen Radiobeitrag zum Thema „Gute Vorsätze“ – ein Expertengespräch mit einem Neurologen. Demnach sind gute Vorsätze eigentlich nur eine Auflehnung gegen unser Lustzentrum. Welchen guten Vorsatz wir uns auch selbstauferlegen: Er ist wahrscheinlich entgegen unseres natürlichen Verhaltens. Ich hoffe, netter zu sein, ist es bei mir nicht.

16 Uhr: Es gibt Kaffee und Kuchen im Hause Schefers. Auch hier versuche ich mich verzweifelt daran, netter zu sein als sonst. Ein Kompliment muss her. „Der Kuchen ist wirklich lecker!“ – „Ja, oder? Der ist aus dem Real.“ Das scheint nicht mein Tag zu sein.

Tag 2

11 Uhr: Der zweite Tag meines Experimentes ist angebrochen. Ich merke, wie es mich nervt, gezwungenermaßen nett zu sein. Meine Freundlichkeit kommt nicht an, wirkt aufgesetzt. Ich helfe meiner Schwester doch beim Umräumen ihres Zimmers – und hoffe, dass das genauso nett wirkt, wie es gemeint ist.

15.30 Uhr: Ich besuche den Sauerland-Cup in der Kreissporthalle. Einigen schwerbepackten Handballspielern halte ich, nett, wie ich bin, die Tür auf. Damit das alles noch netter wirkt, unterstreiche ich meine gute Tat mit einem „Darf ich dir die Tür aufhalten?“ Das Ergebnis: verdutzte Gesichter. Ich stelle fest: Zu viel Freundlichkeit wirkt im Alltag nicht freundlich. Im Gegenteil.

16 Uhr: Die kurzen Pausen zwischen den Finalspielen des Sauerland-Cups nutze ich für mein Experiment. Diesmal wird mein Vater, immer noch hochkonzentriert auf die Ereignisse auf dem Spielfeld, Opfer unseres Junge-WP-Experiments. Ein Kompliment muss her – Kreativität ist gefragt. „Schicke Jacke.“ – Stille. – „Schicke Jacke!“ – „Danke.“

Fazit

Es ist Sonntagabend – mein Experiment ist vorbei. Und ich muss sagen: Nett zu sein, also noch netter als man ohnehin (hoffentlich) ist, ist gar nicht so einfach. Oder: Nett zu sein ist nicht immer nett. Manchmal kommt man sich eher vor wie ein Außerirdischer auf großer Mission. Das liegt wahrscheinlich daran, dass es keinen Menschen gibt, der immer freundlich ist. Er würde nicht gut erzogen wirken. Eher aufdringlich. Immer nett zu sein, ist eben schwierig. Trotzdem: Der Vorsatz ist gut – er nützt aber nichts, wenn man sich darauf konzentrieren muss, nett zu sein. Man könnte sagen: Nett ist man – oder eben nicht. Ganz so ist es dann aber doch nicht. Ein bisschen netter durch das Jahr 2015 zu gehen, schadet nicht. Solange es denn von Herzen kommt