Großzügige Geste verhalf Menden zu „Roths Büdeken

Rechts der Brücke Roths Büdeken vor dem Krieg, im Hintergrund der Bahnhof.
Rechts der Brücke Roths Büdeken vor dem Krieg, im Hintergrund der Bahnhof.
Foto: WP

Menden..  Beide in der Gunst der Bevölkerung konkurrierenden Kioske tragen den Nachnamen „Büdeken“. Vom Gründungsjahr her liegen sie nur neun Jahre auseinander. Unterschiedlicher hätte ihr Werdegang allerdings nicht sein können: „Mommers Büdeken“ gibt es seit 1934, brachte es zu der „höheren Weihe“, unter Denkmalschutz gestellt zu werden. „Roth’s Büdeken“ aber ist älter. Wohl der älteste Kiosk in Menden, wurde 1925 gebaut und hat Geschichte und Geschichten in und für Menden und den Kreis Iserlohn geschrieben.

Posaunenchor führtezur Freundschaft

Das mit dem „Geschichte schreiben“ ahnte Hermann Roth natürlich nicht, als er den Grundstein seines Kiosks unmittelbar an die Mendener Bahnhofsbrücke legte, dahin, wo heute der Weg herunter führt zur Halbinsel „Zwischen Rhein und Weser“. So sagen Mendener, die das kleine Landstück zwischen Mühlengraben und Hönne meinen, an dessen Ende beide fließenden Wasser wieder zusammenströmen. Heute mit Hilfe eines Wasserrades.

Hermann Roth (1890-1942) war bei R&G Schmöle als Ingenieur tätig und war befreundet mit Carl Schmöle, Chef der Märkischen Metallindustrie. Die beiden hatten ihre Berührungspunkte außerhalb der ­Firma: Sie spielten beide mit im evangelischen Posaunenchor und waren beide auch im Kirchenvorstand der Hl.- Geist-Kirche tätig. Das verbindet und macht zu Brüdern in Christo.

„Büdeken“-Erlaubnisam Mühlengraben

Um das Leben von Carl Schmöle ranken sich Erzählungen um seine Fürsorge für seine Mitarbeiter. Im Buch „R&G Schmöle Metallwerke“ heißt es, er habe die seltene Gabe besessen, „mit seiner Gefolgschaft zu fühlen und ihren Sorgen und Nöten jederzeit ein offenes Ohr und eine offene Hand zu zeigen“. Das war offenbar das Glück des Hermann Roth. Der hatte sich in seiner Lehre zum Technischen Zeichner – wie auch immer – einen Bruch gehoben, der nicht mehr richtig ausheilte und seinen Berufsweg erschwerte. Hermann Roths Leiden, das ihn gegen Ende seines Lebens sogar in den Rollstuhl brachte, muss Carl Schmöle nicht entgangen sein und tief berührt haben, denn sein Angebot war mehr als großzügig. Seine Firma besaß das Wasserrecht am Mühlengraben, ihr gehörte auch das dazugehörige Land. Darauf, so sagte er Hermann, solle er sich doch einen Kiosk bauen. Es dürfte wohl keine Pacht gezahlt worden sein.

Damit war der Lebensunterhalt von Hermann Roth und seiner Frau Wilhelmine gesichert, aber auch der ihres Sohnes Ewald (1915-1985). Der war aber erst zehn Jahre alt, als 1925 der Kiosk gebaut und zur Hönne hin auf Stelzen gestellt wurde.

Sohn Ewald machteMenden verrückt

Ewald rückte erst nach dem Krieg entscheidend ins Rampenlicht, als er Menden mit überraschenden Angeboten verrückt machte: Mit dem ersten selbst gemachten Eis im Hörnchen, das es in der Hönnestadt gab, und noch viel wichtiger, mit den ersten ebenfalls selbst gemachten Pommes Frites in Menden und dem übrigen Kreis Iserlohn. Zwischen Kiosk-Gründung und den beiden für Mendens Bevölkerung bedeutenden Genuss-Ereignissen Eis-Zeit und Einführung der Fritten-Spitztüten, liegen 25 bzw. 34 Jahre.

Die Büdeken-Zeit des Hermann Roth beginnt in der Vorkriegszeit. Sein Kiosk liegt – von St. Vincenz aus gesehen – rechts der Bahnhofsbrücke. In unmittelbarer Nähe zum van-Bömmelschen Haus und zur Schlossbrennerei an der Bahnhofstraße. Nichteingeweihte werden sich heute die Augen reiben und verwundert feststellen, dass Roths Büdeken doch auf anderen Seite der Bahnhofsbrücke liege.

Neue Brückeund neuer Standort

Da hat der Krieg einiges verrückt. Als die Amerikaner nach Menden einrückten, glaubten besonders eifrige Nazi-Anhänger, sie müssten die Bahnhofsbrücke zerstören, um die Amis aufzuhalten. Dabei erlitt auch der Kiosk Schaden. Nach dem Krieg wurde die Bahnhofsbrücke neu gebaut, der Kiosk auch. Aber Roths Büdeken wechselte da auf die linke Brückenseite, stand und steht jetzt allerdings auf städtischem Grundstück. Die neue Lage war die bessere, denn die Schülerströme vom Bahnhof zu den weiterführenden Schulen mussten am neuen Standort vorbei und hatten sich fortan jahrzehntelang der Verführungen von Eis und Fritten zu erwehren oder … erlagen ihnen.

Über Eis und Fritten wird im 2. Teil der Geschichte um „Roths Büdeken“ berichtet und von dem Boom unter den Mendenern, den der Mut von Ewald Roth auslöste. Seine Schwiegertochter Heidemarie „Heidi“ Roth geb. Bräutigam (Jhrg. 1942) erzählte mir, wie staunende alte Menschen die Spitztüten mit Fritten anschauten und fragten: „Was haben die denn in den Tüten? Marzipan?“ So unbekannt waren Pommes damals.

Acht Einbrücheund ein Schadenfeuer

Heidi, die den ältesten Sohn von Ewald Roth, Dieter Roth (Jhrg. 1940), 1960 heiratete, hat 42 Jahre lang nur Trubel bzw. Arbeit im und ums Büdeken erlebt. Dieter übernahm 1971 den Kiosk zusammen mit seinem Vater als Gesellschaft. Sein Vater starb 1985, Dieter wurde 1999 schwer krank, hat diese Krankheit jetzt aber überstanden. Der Kiosk wurde bis 2004 an Lekkerland verpachtet, das selbst untervermietete. Seit 2004 verpachten Dieter und Heidi wieder selbst. „Wir könnten in diesem Jahr das 90-jährige Jubiläum von „Roths Büdeken“ feiern, sagte mir Heidi Roth, „aber wir sind ja selbst nicht mehr drin.“

90 Jahre. Ein langer Weg mit ungeahnt viel Arbeit, mit Freude, aber auch mit Leiden und Ärger: Insgesamt wurde im Kiosk „links-brückig“ acht Mal eingebrochen. Im April 2012 hat ein Brand den Kiosk schwer beschädigt. Bis heute ist unklar, so Heidi Roth, ob es Brandstiftung war oder ein dummer-Jungen-Streich. Tatsache ist, dass das Feuer in Mülltonnen hinter dem Kiosk entstand. Roths Büdeken ist in mehrwöchiger Arbeit wieder aufgebaut worden in alter Form.

Teil 2 lässt staunen, wie viele Handgriffe erforderlich waren, um aus 50 Kilogramm Kartoffeln 30 Kilogramm Fritten zu machen.