Gott zeigt sich im Alltäglichen und Menschlichen

Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und seiner Familie.“ (Mk 6,4) Diese Aussage Jesu aus dem Markus-Evangelium macht deutlich, wie er bei der Rückkehr in seine Heimatstadt Nazareth mit einer menschlichen Urerfahrung konfrontiert wird: das grenzenlose Interesse am Außerordentlichen und Außergewöhnlichen.

Die Nachrichten in den unterschiedlichsten Medien sind dafür der beste Beweis. Sie berichten uns tagaus tagein von Kriegen, Naturkatastrophen, Streiks, Aufständen und Unfällen – vom Außergewöhnlichen.

Auch wenn wir die Geschichtsbücher aufschlagen, lesen wir, wann ein König oder Kaiser einen Krieg geführt hat, wir erfahren von schwerwiegenden politischen Verwicklungen oder von Revolutionen, durch die Staatsmänner zu Fall gebracht wurden.


Und so ist es nicht verwunderlich, dass wir häufig auch in unserem religiösen Denken von der Vorstellung geprägt sind, Gottesbegegnung könne nur im Ungewöhnlichen und Wunderbaren stattfinden. Oft gleichen wir dem alttestamentlichen Elia, der Gott im Sturm, im Beben oder im Feuer vermutet (1 Kön. 19).

Doch Elia wird von Gott, der ihm völlig unspektakulär in einem „verschwebenden Schweigen“ erscheint, eines Besseren belehrt. Und auch die Szene vom Auftritt Jesu in Nazareth macht deutlich, wie schwer es für uns zu akzeptieren ist, dass man Gott in Wahrheit nur zu finden vermag im ganz und gar Nicht-Ungewöhnlichen, im völlig Alltäglichen, im ganz Menschlichen.

Die Nazarener nehmen Anstoß an Jesus, weil sie sich Gott als den vollendeten Widerspruch gegenüber allen normalen Verhältnissen der Menschlichkeit vorstellen. Sie lehnen es ab zu glauben, dass dieser Mann, der dreißig Jahre mit ihnen gelebt hat, dessen Familie und Sippe man genau kennt, der ein einfacher Zimmermann war, ihnen etwas von Gott erzählen kann, ja sogar prophetisch zu ihnen redet.

Doch gerade dieses „einfach Menschliche“ ist die eigentliche Botschaft Jesu: dass es genügt, innerhalb unserer kleinen und bescheidenen Möglichkeiten menschlich zu sein. Oft fällt es schwer, unsere Durchschnittlichkeit anzunehmen und wir neigen dazu, Gott darum zu bitten, er möge uns anders, vielleicht noch einmal von vorn erschaffen und hervorbringen.

Aber Gott wird sich hüten, noch etwas Besseres hervorzubringen, als was er bereits im Augenblick der Schöpfung für das Beste hielt, nur weil wir selbst nicht imstande sind, unseren wirklichen Wert zu begreifen. Gott möchte einzig, dass wir in Geduld lernen, es bei uns auszuhalten, dass wir nach innen schauen und merken, wie kostbar wir in Wahrheit sind! Einzig in unserer Person, in unserer Individualität sind wir etwas Besonderes, und diese auszubilden und reifen zu lassen macht die ganze Kunst des menschlichen Lebens aus.

In Nazareth zu Hause werden, das ist die ganze Offenbarung Gottes; und das Ungewöhnliche zu entdecken im ganz Gewöhnlichen, das Großartige im Unscheinbaren, das Göttliche im Allzumenschlichen, dies ist die ganze Kunst der Menschwerdung unseres Gottes.

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