Frikadellen und Handball prägten „Sportler-Klause“

Die Sportler-Klause galt als gemütlicher Treff für alle, die sich in Theorie und Praxis mit dem Sport auseinandersetzten: (von links) Irmgard, Günter und Tochter Birgit Faust und Gäste.
Die Sportler-Klause galt als gemütlicher Treff für alle, die sich in Theorie und Praxis mit dem Sport auseinandersetzten: (von links) Irmgard, Günter und Tochter Birgit Faust und Gäste.
Foto: Sammlung Faust

Menden. Das sagt man nicht von jeder Gaststätte, da muss vorher schon was passiert sein: „Kult-Kneipe“. Das klingt nach gastronomischem Adelsstand. In mancher Hinsicht trifft das auf die ehemalige „Sportler-Klause“ an der Ecke Brückstraße/Baustraße zu, die auch heute noch, Jahrzehnte nach ihrer Schließung, immer noch einen Seufzer Wehmut in manchem Besucher hervorruft und den Wunsch: „Macht doch wieder auf.“

Mendens ehemaliger Kämmerer Ernst Hamer sagte mir kürzlich: „In dieser Gaststätte war man immer sofort dazwischen, nie fremd unter den Gästen“.

Irmgard (Jahrgang 1935) und Günter Faust (Jahrgang 1932) werden das Lob mit einem leichten Lächeln vernehmen. Als ich sie jetzt in ihrer Wohnung in der Twiete 6 besuchte, zauberte Irmgard erst einmal Kaffee auf den Tisch, Günter breitete Bilder aus. Erinnerungen. „Es war eine schöne Zeit und sie hat Spaß gemacht. Aber alles geht vorbei“. Da schwingt Wehmut mit. Vor allem, wenn die Knochen nicht mehr so wollen, wie bei Günter, der bis ins hohe Alter Sportsmann durch und durch gewesen ist und sich jetzt selbst als Pflegefall erfährt.

Für einen Pachtwirtungewöhnlich lange Zeit

Er spricht von dem Glück, das er und seine Irmgard gehabt haben. Wie sie sich 1952 im WT-Kino bei Stöss näher kamen und heute beide nicht mehr wissen, wie denn der Film damals hieß. 1957 haben sie geheiratet. Sie nennen es aber auch Glück, dass auf dem Walram-Platz, dem früheren Alemannen-Sportplatz, die neue Dreifach-Sporthalle gebaut wurde. Gleich neben ihrem Lokal, nur ein paar Schritte von der Sportler-Klause entfernt. Das war 1973.

Insgesamt 30 Jahre, von 1966 bis 1996, haben Günter und Irmgard geb. Westermann ihre Gaststätte geführt. Erstaunlich lange für ein Pacht-Wirtepaar und von der Dauer her eine absolute Seltenheit und nur ganz selten erreicht. Aber es spricht für die Qualität ihrer Gäste und für ihre eigene. Und für die Wohlfühl-Oase, die sich unter ihrer Regie in den drei Jahrzehnten gebildet hat. Die wenigsten Pacht-Wirte halten solange durch. Und nicht alle Gaststätten haben oder hatten einen so guten Ruf wie die Sportler-Klause.

Rätselraten überdie Zahl der Frikadellen

Bei Günter und Irmgard Faust prägten nicht zuletzt die Frikadellen den überschwänglichen Ruf bis heute. Jeden Donnerstag strömten die Gäste ins Lokal. Punkt 17 Uhr kamen die Frikadellen auf den Tisch. Wie viel? Da schwanken die Angaben: 50, 60, 70. Irmgard rückt nicht raus mit der Zahl, obwohl sie sie selbst gebacken hat. Jeden Donnerstag und nur donnerstags. Ernst Hamer hat nicht umsonst seinen Spitznamen „Frikadellen-Earnie“. Er ist Kenner auf diesem Gebiet und war Genießer der Irmgard’schen Fleischkloß-Kunst. „Mindestens zwei große, gehäuft volle, große Teller waren das,“ erinnert er sich. In die Sportler-Klause gingen viele nach Feierabend: die Mitarbeiter von Autohaus Unger & Hesse, die von Riedel-Druck. Selbst die Polizei ließ sich sehen, bestellte abends sogar per Telefon eine Stärkung.

Vorhergesagt hatte niemand den beiden den zukünftigen Beruf als Wirt und Wirtin. Irmgard wuchs am Schwitter Weg auf, lernte im Café Rössler, war später mehrere Jahre im Kaufhaus Sinn und bei Maibaum tätig. Günter stammt vom Hofeskamp, wurde Stukkateur, half aber da schon ab und zu bei Freunden aus, wenn es auf Festen ums Zapfen ging. Beide waren also durch Café-Arbeit und als Aushilfswirt „vorgeprägt“, als Clemens Spiekermann seinem besten Freund Günter das unverhoffte Angebot machte, das frei werdende Lokal neben der Brücke über den Mühlengraben zu pachten. Da war das noch die von Pächter Franke geführte „Lindenstube“. Mit Linden-Pils von der Brauerei in Unna im Angebot und mit Kloster-Alt. Verleger war August Ruschenburg. Clemens Spiekermann als Verpächter hat sein Drängen nie bereut. Ebensowenig wie Irmgard und Günter, die aus der Lindenschänke 1971 die „Sportler-Klause“ mit Veltins im Anstich machten.

Bis 1972 gab esden Feldhandball

Es waren nicht nur die Frikadellen, die Irmgard und Günter Faust berühmt gemacht haben. In der Sportler-Klause pulsierte das Leben vor allem der Handballer in einer Lebhaftigkeit, die bis heute noch in vieler Munde ist. Es war die Zeit, als es Meistertitel und Aufstiege vor allem der Jugendmannschaften der Fusion aus MTV Jahn, Menden 09, in Teilen auch von Alemannia Menden gab, als die Frauen bis in die Regionalliga kletterten, als Herbert Rogge noch Trainer war, als die Jugendmannschaften Titel sammelten, Deutscher Meister, Westdeutscher Meister und Westfalenmeister wurden. Was wurde gefeiert! Das Gebäude war geschmückt, Fanfarenzüge spielten auf.

Aber nicht nur die Sportler kamen. Erste Gäste waren die Karnevalisten von Kornblumenblau, der Bürger-Schützenbund, die Turner und die Taubenzüchter. Doch Sport beherrschte die Szene.

Als das Ehepaar die Gaststätte übernahm, gab es noch Feldhandball auf dem Alemannen-Platz. Der wurde erst 1972 abgelöst durch den Hallenhandball. 1972 kam auch Tochter Birgit zur Welt. Mutter Irmgard blieb unermüdlich. Günter Faust sagte: „Ohne meine Frau hätte ich nicht so einen Spaß am Beruf gehabt und sicher keine drei Jahrzehnte durchgestanden. Von ihrer Hausmannskost und dem selbst gemachtem Kartoffelsalat schwärmen die Gäste immer noch.

Gäste halfenim „Familienbetrieb“

Einen „Familienbetrieb“ nannte das Wirtepaar schon mal sein Lokal. Nicht ohne Grund. Denn wenn es im Trubel mal eng wurde, dann packten die Gäste mit an, halfen beim Spülen und Servieren, Gastwirt Peter Buse sprang sogar beim Zapfen ein. Irmgard muss heute noch schmunzeln, wenn sie an die Zeit denkt, als die Frauen sich mit ihr nach oben in die Wohnung über der Kneipe zurückzogen und bei Kaffee erst einmal durchschnauften. „Hinterher ist keine aufgestanden, hat alles liegen und stehen lassen und ist gegangen. Erst haben sie gespült, dann Gläser mit nach unten genommen.“ Dieses Zusammenhalten und der gegenseitige Respekt waren noch zu spüren, als die Zeit der Sportler-Klause längst abgelaufen war. Als Günter 2012 nach auswärts ins Krankenhaus eingeliefert wurde, haben ehemalige Gäste seine Frau mit dem Auto zu ihm gefahren. Nicht nur an einem Tag, an vielen.

Vom Tresen wegals Schiri auf den Platz

Es war wie ein Zurückzahlen für all die schönen Stunden, die die Gäste miterlebt hatten; auch der Dank für den unermüdlichen Einsatz von Günter Faust, bei dem organisatorisch alle sportlichen Fäden zusammenliefen, der auch mit 55 Jahren keine Sekunde zögerte, den Tresen seiner Frau zu überlassen und einzuspringen, wenn mal wieder ein Schiedsrichter für ein Handballspiel nicht erschienen war. Es war die Anerkennung für einen Mann, der morgens beim Feldhandball vor 1000 Zuschauern spielte und nicht selten nachmittags als Fußball-Torwart einsprang, der Handball-Obmann war und 1973 Gründungsmitglied des Sportvereins Menden 1864. Und es war der Dank an Irmgard Faust, die all das mitgetragen hat und für all ihre Gäste die „gute Seele“ war und zuhören konnte.

Eigentlich heißt die WP-Serie „So war es früher“. Heute möchte ich sie für die Gastronomie abändern in „So müsste es immer sein“. Und das nicht deshalb, weil das Ende der Faustschen „Sportler-Klause“ ausgerechnet am Rosenmontag 1996 erfolgte und auch nicht, weil das Bier zum Schluss mit 55 Pfennig genauso preiswert war wie zum Start anno 1966. Sondern weil Wirte wie Irmgard und Günter Faust der Gesellschaft und dem Zusammenleben gut getan haben.