Freispruch ist Angeklagtem zu wenig

Bei der Verhandlung ging es dem Angeklagten vor allem um seinen Rechner.
Bei der Verhandlung ging es dem Angeklagten vor allem um seinen Rechner.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Ein wegen der Verbreitung und des Besitzes kinderpornografischer Schriften angeklagter Mendener gibt sich nicht mit einem Freispruch zufrieden. Er sieht sich als Opfer in dem Prozess und pocht auf die Herausgabe seines Computers und der Festplatten.

Menden..  Einen Freispruch vor Gericht wünscht sich jeder; die Angst, verurteilt zu werden, macht sogar unschuldige Angeklagte nervös.

Einem 55-jährigen Mendener, der sich wegen des Vorwurfs des Verbreitens und des Besitzes von kinderpornografischen Bildern und Videos vor dem Amtsgericht wiederfand, war ein Freispruch allerdings zu wenig.

Es war vor allem die Auflage, dass die beschlagnahmten Datenträger vernichtet werden sollen, die ihm übel aufstieß. Deswegen ließ er es auf eine Fortsetzung der Verhandlung ankommen.

Äußerste Zweifel

Bei dieser Fortsetzungsverhandlung stellte Amtsrichter Martin Jung gleich zu Beginn klar: „Ich habe äußerste Zweifel an Ihrer Schuld.“

Denn die einschlägigen kinderpornografischen Bilder und Videos wurden von einem Chat-Konto verschickt, das mit der E-Mail-Adresse des Angeklagten angelegt wurde. Allerdings wurden diese Daten nicht auf dem Computer gefunden – auch nicht nach der Wiederherstellung gelöschter Daten. Es liegt der Verdacht nahe, dass unbekannte Täter die E-Mail-Adresse des Angeklagten für ihre kriminellen Zwecke missbraucht haben.

Die Schuldfrage war für den angeklagten Mendener ohnehin nur zweitrangig. Vor allem lag ihm die Rückgabe der beschlagnahmten, mehr als fünf Jahre alten Datenträger am Herzen, die für ihn untrennbar von einem Freispruch waren. Schließlich seien dort auch wichtige Kontaktdaten gespeichert, „die ich seit der Beschlagnahme nicht mehr habe“.

Warum sein Computer ihm nicht zurückgegeben werden könne, leuchtete ihm nicht ein: „Wie man hier mit Opfern von Internetkriminalität umgeht, das finde ich unglaublich.“

Nicht wiederherstellbar

„Sichergestellte Speichermedien werden von der Staatsanwaltschaft nicht wieder zurückgegeben“, erklärte die Staatsanwältin ihre Sicht der Dinge.

Darauf meinte der Angeklagte, dass die einschlägigen Dateien doch gelöscht werden könnten. Für ihn kein Problem, schließlich habe er selbst jahrelang in der Computerbranche gearbeitet. Er kenne sich mit Rechnern aus, mit speziellen Programmen könne man Dateien sogar physikalisch löschen, dann sei es unmöglich, die Dateien wieder herzustellen. „Fragen Sie irgendeinen Spezialisten. Das kann man dann nicht wiederherstellen“, appellierte er an die Staatsanwaltschaft.

Spezialist vor Ort

Sein großes Problem war nur: Ein ebensolcher Spezialist war in Person des Sachverständigen Karsten Zimmer vor Ort – genaugenommen sogar nur vier Stühle von ihm entfernt. Schließlich hatte Zimmer auch die Datenträger des Angeklagten ausgiebig überprüft und analysiert.

Der Spezialist widersprach der Aussage des Angeklagten vehement: „Das ist falsch, was der Angeklagte sagt. Ich stelle Ihnen alle Daten wieder her, die Sie glauben, komplett gelöscht zu haben“, so Zimmer unmissverständlich.

Letztendlich gibt es dann doch den unvermeidlichen Freispruch für den 55-Jährigen. Allerdings erst nach der Einigung, dass der Angeklagte nicht nur den Rechner (allerdings ohne Festplatte) wiederbekomme, sondern auch „alle Daten außer die illegalen“, wie er selbst formuliert. Seine Schlussworte: „Als ,gerecht’ würde ich das Verfahren nicht bezeichnen.“