Ex-Minister Steinbrück vermisst „klassische liberale Partei“

Ex-Finanzminister Peer Steinbrück besucht die Sparkasse an der Papenhausenstraße in Menden. Das Foto zeigt ihn im Gespräch mit André Schweins, Mitglied der WP-Chefredaktion. Steinbrück
Ex-Finanzminister Peer Steinbrück besucht die Sparkasse an der Papenhausenstraße in Menden. Das Foto zeigt ihn im Gespräch mit André Schweins, Mitglied der WP-Chefredaktion. Steinbrück
Foto: WP
Peer Steinbrück stellt auf einer Autorenreise in Menden sein neues Buch vor. Der Ex-Finanzminister hat an seiner Direktheit nichts verloren – und überrascht mit einer Aussage.

Menden.. Der Kontoauszugdrucker hat die Unterlagen schon längst ausgespuckt. Aber der Kunde im Foyer der Sparkasse hat nichts davon mitbekommen. Er starrt fasziniert in den großen Saal. Da vorne sitzt Peer Steinbrück und redet über Griechenland und die ganz große Finanzpolitik. Wen interessiert da noch der eigene Kontostand.

Der Ex-Finanzminister, Ex-Ministerpräsident und Ex-Kanzlerkandidat ist da. Er sitzt unter dem riesigen Menden-Mosaik und redet über die „Vertagte Zukunft“. So heißt sein neues Buch. Steinbrück hat aufgeschrieben, was er über Deutschland und die Welt denkt.

Demokratie und Empörung

Und das ist viel. Steinbrück redet vor den 120 Gästen des Autorenfrühlings über das sinkende Interesse an parlamentarischer Demokratie („Mischen Sie sich ein!“) und die Empörungskultur („Wenn der Hund in unseren Garten furzt, wollen wir eine Änderung des Bundesimmissionsschutzgesetzes“).

Steinbrück sitzt mal breitbeinig, mal mit übereinandergeschlagenen Beinen im Sessel. Er drückt die Arme auf die Lehnen, spielt mit den Fingern. Der SPD-Bundestagsabgeordnete spielt mit der Unterlippe. Wenn er einen Scherz macht, dann legt er ein lausbübisches Grinsen auf.

Nicht humorlos geworden

Moderator André Schweins (Mitglied der WP-Chefredaktion) konfrontiert Steinbrück mit einer Aussage aus dem Bundestagswahlkampf 2005. Damals hatte Steinbrück als prominenter Wahlkampfhelfer für Dagmar Freitag (SPD) bei einem Menden-Besuch verneint, dass er mal Finanzminister werde („Als Finanzminister verlieren sie Ihren Humor...“) Wenige Tage später hatte der gebürtige Hamburger bekanntlich den Job. Nun, völlig humorlos sei er auf diesem Posten nicht geworden, sagt Steinbrück. „Es ist manchmal etwas zu viel Ironie drin.“

Thema Niederlagen: „Eine notwendige Bedingung, einen Wahlkampf zu gewinnen, ist die Mobilisierung der eigenen Partei“, sagt Steinbrück. Für den Wahlkampf 2017 reiche der SPD nicht „alleine das Abarbeiten eines Koalitionsvertrages“. Er kritisiert die Medien („Tendenz zur Banalisierung“) und bekommt den ersten Applaus des Abends dafür, dass er Entlastungen für vier Millionen Selbstständige fordert. Die Sparkassenchefs horchen auf, als Steinbrück über Erspartes redet: „Ich verstehe nicht, warum Kapitaleinkünfte nicht genauso besteuert werden sollten wie Arbeitseinkommen.“

Ruf nach liberaler Partei

Und dann verkündet Steinbrück ausgerechnet in Menden etwas, was er noch nicht häufig öffentlich gesagt hat: „Ich hätte Interesse an einer klassischen liberalen Partei im politischen Spektrum.“ Durchs Publikum geht ein Raunen. Einer ruft: „Machen Sie’s doch.“ Steinbrück lächelt. André Schweins fragt nach einer Prognose, „wenn wir uns in zehn Jahren wiedertreffen, um Ihr übernächstes Buch zu besprechen.“ Steinbrück grinst. „Das ist ein Erotikroman – 100 Shades of Grey.“ Da ist er wieder. Steinbrück, der Schelm.

Steinbrück muss weiter nach Dortmund, zur nächsten Lesung. Er signiert noch seine Bücher und reicht sie weiter, mit Widmung zum 70. Geburtstag für Helmut. „Das ist so viel Wert wie vier Beckenbauer...“

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