Erinnerung an das Café Kissing

Der Blick in das Cafe Kissing um 1937.
Der Blick in das Cafe Kissing um 1937.
Foto: WP

Menden. Von einem Café an dieser Stelle war erstmals in den Bauakten von 1921 zu lesen, als der Bauherr einen „Antrag auf Errichtung einer Klosett-Anlage“ stellte. Es sollte ein kleines eigenes Toilettenhäuschen sein, angebaut an die Rückwand. Die alten verstaubten Unterlagen über das Café Kissing an der Bahnhofstraße, die Ulrike Lischka vom Bauamt der Stadtverwaltung Menden aus dem Keller ans Tageslicht in ihr Büro holen ließ, waren noch nicht so penibel geführt wie heute vorgeschrieben. Sie verrieten aber, dass drei Jahre später weitere Toiletten gebaut wurden, das Café 1934 zum ersten Mal erweitert und die WC-Anlage verlegt wurde.

Sogar eine Telefonzelle im Café gab es. Kunden konnten sich anrufen lassen oder selbst ein Stell-Dich-Ein per Telefon verbreden. Eine Zweit-Erweiterung des Cafés wurde 1939 genehmigt, 1940 gebaut, und der Kriegszeit entsprechend ein Luftschutzraum eingerichtet. Der befand sich unter der Toilettenanlage.

Drei alte Häusermussten weichen

Es gehörte damals schon Mut dazu, ein Café zu gründen. Zumindest an der Bahnhofstraße, denn dort gab es bereits eines, das Café Sülberg an der Ecke Wasserstraße. Sülberg machte auch groß Werbung an der Hauswand für seine Räume. Neben seinem Gebäude standen um 1910/11 drei ältere zwei-geschossige Häuser plus Giebel bzw. Dachboden. Die hatten sich drei Bauherren ausgeguckt für ein gemeinsames Objekt, das bis heute beherrschend ist für die Bahnhofstraße. Die drei alten Häuser wurden 1912 abgerissen. Architekt Klare, lange Jahre als Planer bei der Stadtverwaltung tätig, hatte sich selbstständig gemacht und ein dreigliedriges Ensemble entworfen.

Wer heute mit offenen Augen über die Bahnhofstraße spaziert, findet nicht mehr Café/Konditorei Sülberg. Das Haus steht zwar noch, darin befindet sich aber heute eine Pizzeria. Gleich links daneben baute Malerbetrieb Westhoff. Im Erdgeschoss ist heute die „Kleine Kneipe“. In der Mitte des dreigliedrigen Ensembles richteten die Gebrüder Wilhelm und Heinrich Kissing eine Buchhandlung ein, die heute noch floriert. Dritter im Bunde war Clemens Filthaut, dessen Tochter Elli 1919 Josef Kissing heiratete, den Sohn von Heinrich Wilhelm Kissing. Josefs Vater gehörte an der Wilhelmstraße die Gaststätte „Zur Glocke“ (später verkauft an Diemel).

Clemens Filthaut (1857-1923) war 1912 als Bauherr ausgeflaggt. Nach Unterlagen von Heimatforscher Wolfgang Kissmer war der Schwiegervater von Joseph Kissing Fuhrknecht, Bahnarbeiter und Schrankenwärter.

Als Feldbäckerin den Weltkrieg

Ob der Gedanke an ein Café schon vorhanden war, als 1912 die drei betagten Häuser an der Bahnhofstraße fielen und das Baugelände überplant wurde, ist mir nicht bekannt. Die Bebauung der Parzelle aber begann wohl unmittelbar danach. Doch dann brach 1914 der Krieg aus, der Erste Weltkrieg, und besorgte das vorläufige Ende mancher Pläne. Da war Johann Franz Josef Kissing gen. Josef (1887-1956) noch nicht verheiratet. Er musste ins Feld, aber nicht an die Front als kämpfender Soldat, sondern als Feldbäcker, denn das Bäckerhandwerk hatte er gelernt. Gesund kehrte er 1918 nach Menden zurück und heiratete ein Jahr später Elisabeth Franziska Filthaut (1893-1974), von allen nur Elli genannt.

Das Café Kissing hat es vor und im Krieg noch nicht gegeben. Von verschiedenen Seiten erzählte man mir, es habe sich stattdessen in den schon 1913 gebauten Räumen bis nach dem Krieg ein Textilgeschäft mit Weißmacherei befunden. Dort erhielten Kleidungsstücke, auch Wäsche, wieder ein strahlendes Weiß, wenn sich zwischendurch zuviel Grau eingenistet hatte. Die Ehefrau des Bauherrn Clemens Filthaut, Maria Elisabeth geb. Bornemann (1870-1921), dürfte die Betreiberin gewesen sein. Bei ihren Sterbedaten ist die Bezeichnung „Geschäftsinhaberin“ vermerkt.

Erstmals dürfte es das Café Kissing folglich um 1922 gegeben haben, erst klein, dann groß und noch größer bis an die Rückwand und die dort liegenden Gärten und nach vorn bis an die Bahnhofstraße.

Zeit zum Lesenund zum Flirten

Das Café Kissing gehörte danach zu den führenden Häusern in Menden. Josef Kissing war zwar kein Konditormeister, sondern „nur“ Bäckermeister, doch soll er auf Grund seiner Verdienste, wie er das Café betrieben und zur Blüte gebracht hat, den Konditormeister später ehrenhalber verliehen bekommen haben. So sagte mir Günter Sauer, der mit den Kissings verwandt und selbst Konditormeister ist. Kuchen und Torten von Café-Gründer Josef müssen jedenfalls gut angekommen sein.

Das Café Kissing hatte eine eigene Note, eine vornehme, die Gäste animierte, nur fein angezogen das Haus zu betreten. Zumindest war das in den ersten 25 Jahren so. Auf einem Foto von 1927 ist erkennbar, wie ein langer Läufer im Gang liegt und jeden Schritt dämpft, wie schmucke Trennwände Tische und Sofas abteilen und in Separees verwandeln. Gäste konnten für sich sein. Wer wollte, konnte im Café Kissing lesen und flirten.

Exklusiv schönmit samtenen Zügen

Gabriele Kemper (Jahrg. 1932), die mit ihrem Mann Heinz („der Blaue“) die „Hölle“ zur Nummer eins in Menden machte (s. „Mendener Geschichten“ Band II), erinnerte sich an Café Kissing und schwärmte in höchsten Tönen: „Es war ganz toll dort, alles ausgestattet mit warmen rötlichen Samtbezügen, Samtvorhänge bzw. Schals. Man kam rein, links das Buffet, rechts gings ins Café.“ Sie war oft dort als junges Mädchen, erst mit den Eltern, später „mit meinem Freund Schütten Benno,“ lachte sie.

Exklusiv schön muss es wirklich gewesen sein. Das fiel auch den vielen Besuchern auf, die mit dem Bau der Kasernen zuhauf nach Menden kamen. Selbst die britischen Besatzungssoldaten haben sich 1946 wohl gefühlt im Café Kissing. Dr. Anneliese Kissing aus Wuppertal, verheiratet mit Werner Kissing, erinnert sich an den gängigen Spruch der Engländer: „Let’s go to Café Kissing, it’s very nice“. Nur knapp mehr als 50 Jahre hat es das Café Kissing gegeben. Von etwa 1922 bis 1975. Die ersten Jahrzehnte waren sicherlich die glücklicheren Jahre.

Das Ende derglücklichen Jahre

Doch Ende Januar 1946 ereilte das Ehepaar Josef und Elli Kissing ein Schicksalsschlag, der Auswirkungen auf das Café haben sollte. Tochter Margot, die Hoffnung auf eine Fortführung des Cafés in Familienhand, wurde im Alter von 21 Jahren ermordet von ihrem Freund, dem sie den Laufpass geben musste, weil sie einen Konditormeister heiraten sollte (s. „Mendener Geschichten“ Band I). Zehn Jahre betrieben Josef und Elli das Cafe danach noch gemeinsam. Im Januar 1956 starb Josef Kissing im Alter von 69 Jahren. Das Café wurde ab 1956 verpachtet. Berichte in den Tageszeitungen zum Tod von Josef Kissing drückten echtes Bedauern aus: „Mit Josef Kissing ist wieder ein Mendener davongegangen, der im Boden unserer Stadt verwurzelt war und der ein gutes Stück unserer Heimatgeschichte miterlebt hat.“

In Teil II über das Café Kissing erzählen Ille Günnewig und Anne Fäsing als Pächterinnen sowie Freunde des Gründerpaares ihre Erinnerungen an das Café Kissing.