Endlich genehmigt: 1785 die erste Apotheke in Menden

So sah es zuletzt in der Markt-Apotheke aus. Im Museum hat Jutta Törnig-Struck einen eigenen Raum mit Utensilien der ersten Apotheke von 1785 in Menden eingerichtet.
So sah es zuletzt in der Markt-Apotheke aus. Im Museum hat Jutta Törnig-Struck einen eigenen Raum mit Utensilien der ersten Apotheke von 1785 in Menden eingerichtet.
Foto: WP

Menden. Mal eben im „Ausland“ eine Tasse Kaffee trinken. Habe ich gemacht in einem Verbrauchermarkt in Hemer-Becke. Nur ein paar Schritte von Menden aus. Lediglich die Zeituhr musste ich zurückdrehen speziell bis ins Jahr 1785, als Menden noch kurkölnische Grenzfeste war in direkter Berührung mit dem preußischen Territorium. Nicht umsonst zieht sich hier seit jener Zeit eine heute noch erkennbare Kluft zwischen Katholiken (Menden) und Protestanten (Hemer/Iserlohn).

Menden spielt mitGefühlen der Politik

In jenem Jahr 1785 musste gerade der Hinweis auf das „Ausland“ und auf das liebe Geld als Begründung herhalten, um vom „Hochwürdigsten Durchlauchtigsten Erzbischof, Gnädigsten Kuhrfürst und Herrn“ die Erlaubnis zu erhalten, in Menden die erste Apotheke, die Markt-Apotheke, einrichten zu dürfen. Dr. Josef Rüngeler sei Dank, der Ende der 50er Jahre im Staatsarchiv Münster Unterlagen entdeckte, die Bürgermeister und Rat der Stadt Menden verfasst hatten. Im Sommer 1785 hatten sie eine Bittschrift, ein „Bitt-Memorial“, an den Kurfürsten und Erzbischof von Köln, den österreichischen Erzherzog Maximilian Franz, also den Herrscher über das Herzogtum Westfalen und damit auch der Stadt Menden, verfasst. Darin spielen die Mendener geschickt mit den Gier-Gefühlen der Politik.

Kurzfassung der Bittschrift: Menden habe schon lange das dringende Bedürfnis, eine eigene Apotheke zu haben. Immerhin sei die Bevölkerung ohne das Amt Menden schon auf 1500 Seelen gewachsen. Die nächsten (inländischen) Apotheken für Menden gebe es in Arnsberg und in Werl. Die eine fünf Stunden entfernt, die andere vier (nicht vergessen, wir schreiben immer noch 1785 mit allen verkehrlichen Schwierigkeiten, mit Pferd und Wagen und schlechten Straßen).

Fremden Staat nichtfinanziell unterstützen

Jetzt kommt es: Es gebe zwar eine Apotheke in Iserlohn, die sei auch nur zwei Stunden entfernt, aber sie liege auf königlich preußischem Territorium, also im Ausland. Von der politischen Seite betrachtet, würden Mendener demnach bei einem Besuch der Apotheke Iserlohn das Geld aus dem Lande bringen und dort die preußische Verbrauchssteuer zahlen müssen, folglich einen fremden Staat unterstützen. Rechne man den jedesmal auszulegenden Botenlohn dazu, so wären die Medikamente um fast ein Drittel teuerer.

Diesem Übel könne man mit einer Apotheke in Menden abhelfen. Den inländischen Apotheken in Werl und in Arnsberg würde nicht geschadet, andererseits würden Preußen aus der Nachbarschaft (wohl Hemer gemeint) nach Menden kommen und bei hier günstigerer Verbrauchssteuer einkaufen.

Menden konnte nur gewinnen. Einen Kandidaten hatte der Rat auch schon: Michael Fuchsius, geboren um 1750 in Siegburg, mit umfangreicher Ausbildung, wissenschaftlich wie praktisch.

Mit Promille gegendie Existenzsorgen

Bei so wohlgefälliger Begründung fiel es Maximilian und der Gesundheitsbehörde im Herzogtum Westfalen leicht, einer Apotheke für Menden zuzustimmen. Geburtstag der Markt-Apotheke war der 25. November 1785. Ihr Domizil wurde ein 1710 von Johann Caspar Biggeleben erbautes stattliches Gebäude unweit der Vincenz-Kirche.

Zwar führte Fuchsius neben der Medizin auch ausländische Weine und Branntwein, aber verbrauchssteuerfrei blieben die nur, wenn er sie nicht zum fröhlichen Verzehr weiterverkaufte, sondern lediglich zu medizinischen Zwecken verwendete. Da Michael Fuchsius anfangs drückende Existenzsorgen hatte, nutzte er den Verkauf des Wein- und Branntweinvorrats dennoch ungeniert als Nebenerwerbsquelle, sah sich dazu sogar befugt. Offensichtlich gab es im Apotheker-Haus stimmungsvolle Treffen als Folge („öffentliche Gelächter“).

Hessen beendenKölner Herrschaft

Den nachfolgenden Steuerärger mit der einnahmewilligen Stadt steckte Fuchsius weg, berief sich auf seine so genannte Personal-Immunität, ließ sich sogar pfänden von der Stadt, kriegte aber mit seinem Protest in Arnsberg Recht. Der Streit ging vors Appellationsgericht in Bonn und verlor sich im Wirrwarr der Geschichte. Ergebnis unbekannt.

1813 stirbt Michael Fuchsius als Untertan des Großherzogs von Hessen-Darmstadt. Dessen mit Napoleon verbündeten Truppen hatten 1802 Menden und das Herzogtum Westfalen besetzt und damit die Herrschaft des Erzbischofs von Köln über die Stadt Menden beendet.

Fuchsius-Sohn gehtauf die Barrikaden

Sohn Franz Wilhelm Fuchsius (1783-1852) tritt seines Vaters Nachfolge an. Auch er verdient sich durch den Verkauf von Branntwein etwas dazu. Diesmal ganz legal, keiner stört sich nach einem königlichen Edikt mehr dran. Einzige Voraussetzung: Die Arzneimittel-Versorgung der Bevölkerung darf darunter nicht leiden.

Im Jahre 1825 geht der Fuchsius-Sohn auf die Barrikaden, macht das, was die Mendener Kaufmannschaft noch heute gern tut mit ungeliebter Konkurrenz: sie abwehren. Diesmal in Hemer. Da gehörten sowohl Hemer und Iserlohn als auch Menden gemeinsam zu Preußen (ab 1816), es gab also keine Grenze mehr. Der Protest des Franz Wilhelm Fuchsius richtete sich gegen die 5. Apotheke. Bisher gab es je eine in Menden und Balve und derer zwei in Iserlohn. Und jetzt wollte die Bürgermeisterei Hemer auch eine haben. Unerhört war das in den Augen des F.W. Fuchsius. Der Inhalt seines Protestbriefes dürfte auch schon den Geschichtsforscher Gisbert Kranz und den früheren Stadt-Archivar Dr. Paul Koch amüsiert haben.

„Apotheke istkeine Hökerbude“

Eigentlich kann Fuchsius gegen die 5. Apotheke nichts machen. Umso wütender legt er los: „Das fünfte Etablissement ist überflüssig, schädlich und somit unzulässig“. Es sei gesetzwidrig, den Einzugsbereich von vier Apotheken durch die Gründung einer neuen zu schmälern. Seiner Ansicht nach würde sich ein fünfter Apotheker nicht als ehrlicher Mann erhalten können. Fuchsius-Sohn befürchtete also krumme Geschäfte.

Für Dr. Rüngeler war diese Aussage kein Propaganda-Trick, sondern die Erkenntnis eines Notstandes. Von Konkurrenzneid und Angst sind nach Rüngelers Ansicht die folgenden Sätze von Fuchsius getrieben: „Eine Apotheke ist keine Hökerbude, keine Schenke.“ Gebe es davon in einer Stadt genug, dürfe es keine weitere geben. Polizeigesetz. Diese Strenge will Fuchsius auch auf die Apotheken angewendet wissen. „Vier sind genug“, wütet er. „Selbst wenn es nur drei geben würde, das Publikum würde sich nicht über Mangel beklagen. Wozu also noch die 5.?“ Genutzt hat der lauthalse Ärger nichts. Was er wohl heute sagen würde angesichts von immer noch 12 von einst 17 Apotheken in Menden?

Arsenikstaub fliegtdurch die Luft

Das Schicksal nimmt seinen Lauf. F.W. Fuchsius schludert. Revisionen stellen erhebliche Mängel in seiner Apotheke fest, sowohl in der Geschäftsführung als auch in der Sauberkeit und bei der Aufbewahrung von Arzneimitteln und Giften. Ein Giftschrank, „der dem allgemeinen Zugang der Hausbewohner preisgegeben ist“. Bei der Schließung der Schübe innerhalb des Schranks sei Arsenikstaub in die Luft geflogen und zwar nicht in geringen Mengen. Verdorbenes auch in der Kräuterkammer auf dem Dachboden, Durcheinander im Laboratorium im Keller. Die allgemeine Verwahrlosung der Apotheke führte dazu, dass Fuchsius ein Geschäftsführer vor die Nase gesetzt wurde, der die Markt-Apotheke ab 1844 wieder auf Vordermann brachte.

Fuchsius hingegen sah sich in seinem Ehrgefühl verletzt, beantragte seine Wiedereinsetzung als Chef der Apotheke und durfte tatsächlich schon 1845 wieder hinter den Ladentisch seiner Apotheke. Das wiederum ärgerte besorgte Familienväter. Sie schnitten die Markt-Apotheke und erinnerten den Magistrat an die Fuchsius-Zeit, als man Botendienste einrichten musste, um dringend notwendige Medikamente aus Iserlohn zu holen, weil sie in Menden nicht zu haben waren. Es müsse wieder ein Geschäftsführer her.

Apotheker fälltaus dem dritten Stock

Der Ärger war groß, die finanziellen Verluste nicht minder. Fuchsius musste letztlich seine Konzession 1847 an den Apotheker Hackländer verkaufen und der sorgte unfreiwillig dafür, dass Menden jetzt in einem Atemzug mit Prag genannt werden kann: Es gab den „Mendener Fenstersturz“.

Knapp drei Jahre war Hackländer Besitzer und Leiter der Markt-Apotheke, als in der Nacht vom 13. zum 14. Januar 1850 ein Ball im Gasthof Beierlinden (Hotel zur Post/heute Standort des Alten Rathauses) stattfand, an dem auch Hackländer teilnahm. Da er zu viel getrunken hatte, legte man ihn auf ein Bett in einem Zimmer des dritten Stocks. Von Übelkeit übermannt sei er dann, vermutlich um Luft zu schöpfen, ans Fenster getreten, habe das Gleichgewicht verloren und sei auf das Pflaster des Marktes gestürzt. Ärzte hätten ihn „fast ohne Lebenszeichen“ in seine nahe liegende Apotheke gebracht. Dort ist er dann gestorben.

Silvester 1970 schließt die Markt-Apotheke

Die weiteren Betreiber der Markt-Apotheke:

1850 Karl Bösenhagen, 1880 Hermann Cordier, 1909 Rudolf Brüning, 1931 Apotheker Busch, 1936 Ludwig Agne, 1941 übernimmt dann Brünings Tochter Ruth verh. Finke. Am 31.12.1970 schließt die Markt-Apotheke ihre Türen: Für einige Jahre beziehen Einwohnermeldeamt und Standesamt die Räume. 1995 kauft Unternehmer Ernst Schulte (Eco) das Gebäude, renoviert es von Grund auf und richtet im Keller eine Boutique ein, oben Arztpraxis-Räume und Wohnungen.

Neue Apotheke im Hausmit der langen Treppe

Die Schließung der Markt-Apotheke sorgt nicht für Notstand in Menden. Bereits am 1. Januar 1909 hatte an der Hauptstraße die „Neue Apotheke“ (Betreiber Leonhardt) eröffnet. Er ließ sich mit seiner Apotheke im „Haus mit der langen Treppe“ nieder. Die wurde später gekürzt. Leonhardt starb 1923, Apotheker Klotz war Nachfolger. 1928 erwarb Wilhelm Paal die Apotheke und führte sie 30 Jahre. Nach seinem Tod blieb sie in Familienbesitz und wurde von seinem Schwiegersohn Arnold Strötgen geleitet, unterstützt von seiner Ehefrau Hedwig. Anfang der 60er Jahre ließen die Strötgens das Gebäude abreißen und ersetzten es durch einen Neubau, in dem sich nach wie vor die „Neue Apotheke“ befindet. 1988 ging das Ehepaar Strötgen in den Ruhestand. Seit 2003 leitet Elisabeth Breidenbach die „Neue Apotheke“, die nach der Schließung der Markt-Apotheke nunmehr die aktuell älteste Apotheke in Menden ist.