Ein Riesentalent macht streng chronologisch Musik

Fröndenberg..  Wie ein Lehrgang durch die Musikgeschichte, aber nicht trocken-theoretisch, sondern mit ganz viel Einfühlungsvermögen: Pianist Georg Kjurdian, sicher einer der jüngsten Künstler, der je die Bühne der Stiftskonzerte betreten hat, zeigte das schier unermessliche Talent, das in ihm steckt.

Verborgen scheint dieses Talent bisher aber nicht geblieben zu sein, denn der Stiftssaal präsentierte sich gefüllt. Bis nach vorne hin – natürlich in etwas respektvollem Abstand zum Flügel – wurden noch Stühle herangeschafft. Johannes Marks begrüßte unter den Zuhörern ganz ausdrücklich auch welche, die extra den Weg aus dem Rheinland nach Fröndenberg auf sich genommen hatten.

Gleichzeitig kündigte er dieses erste Stiftskonzert des neuen Jahres als „streng chronologisch“ an, fünf Werke in historischer Reihenfolge, beginnend mit dem Italienischen Konzert F-Dur von Johann Sebastian Bach. Georg Kjurdian ließ in dessen erstem Satz entsprechend das „Dolce Vita“ regieren, verband die unverkrampft-einfachen Ideen der Melodieführung mit den eigenständigen wie -sinnigen Bassläufen. Überhaupt stellte er den Kontrast zwischen rechter und linker Hand – geschuldet Bachs Idee, die Komposition getrennt auf den beiden Manualen des Cembalos zu spielen und sie eher wie den Klavierauszug eines Orchesterwerkes wirken zu lassen – deutlich in den Vordergrund.

Äußerst sensibler Künstler

Das Adagio in der Mitte erfordert sicher noch keinen absoluten Weltklasse-Pianisten, wie Kjurdian zum monoton-traurigen Bass die Melodie sich immer wieder aufbäumen und dann doch zusammenstürzen ließ, zeigte, dass Marks mit der Ankündigung eines „äußerst sensiblen Künstlers“ nicht zu viel versprochen hatte. Und das mit gerade einmal 20 Lenzen. Die oben angesprochene räumliche Nähe des Publikums beförderte bei Kjurdian zunächst eine Schüchternheit, die man – gerade erst dem Teenie-Alter entwachsen – auf der Bühne sicherlich noch haben darf, oder war es vielmehr absolutes Versinken in der Musik? Jedenfalls fiel der Blick des in Riga geborenen und mittlerweile in Düsseldorf studierenden Musikers zu Beginn fast ausschließlich auf die schwarzen und weißen Tasten. Nach der e-Moll-Sonate Joseph Haydns, als der Applaus begeistert und anhaltend wurde, wirkte sein Lächeln wirklich losgelöst. Die leisen Momente ließen das Publikum selbst für vorsichtiges Ausatmen ein schlechtes Gewissen bekommen, ein kurz aus der Stadt heraufheulendes Martinshorn erwischte die Musik glücklicherweise bei einem sehr präsenten Lauf. Was für ein starkes musikalisches Verständnis dieses jungen Künstlers.

Vor der großen Weltkarriere

Das ganz große Drama, funkensprühende Emotionalität, kompositorische Originalität und lyrisches Erzählen verband Kjurdian nach der Pause in den vier Balladen Chopins und ließ ein begeistertes Publikum zurück, dem er sich dann nach dem Konzert wieder als netter, leicht schüchterner Junge von Nebenan zeigte. Eine Weltkarriere wird ihm von Experten sicher zurecht zugetraut. Er hat vorher noch einmal in Fröndenberg Station gemacht.