Ein neuer Treffpunkt für sprühende Kunstszene

Hemer..  Radlerfahrer und Spaziergänger, die am Samstag reichlich unterwegs sind, bremsen ab oder bleiben ganz stehen, um zu beobachten, wie über 30 junge Männer die Wände der Unterführung, durch die der Radweg auf der Trasse der ehemaligen Oesetalbahn unter der B7 verläuft, in Hemers größtes Kunstwerk verwandeln. Sie sind Zeugen, wie eine „legale Wand“ – insgesamt 350 Meter lang und mehrere Meter hoch – von Graffiti-Sprayern aus dem weiten Umkreis „in Betrieb“ genommen wird.

Farbenprächtige Aktion

Unter den Sprayern steht Marcel Veneman aus Menden. Den 30-Jährigen juckt es in den Fingern. Am liebsten würde er selbst zur Farbdose greifen, kann und darf es zurzeit aber nicht, weil er an den Folgen eines Autounfalls laboriert. Aber Marcel Veneman hat ein sorgsames Auge auf die Szenerie und das sprühende Geschehen, denn die ganze farbenprächtige Aktion geht auf seine Initiative zurück.

In Menden hat sich Marcel Veneman bereits über die Graffiti-Szene hinaus einen Namen gemacht, als er mit Unterstützung von Bürgermeister Volker Fleige triste Betonwände am künstlerisch Bringhof gestaltete. Als Veneman kürzlich erstmals den neuen Radweg nach Hemer benutze, kam er auch durch die Unterführung. Deren mit sinnlosen Farbschmierereien verunstalteten Wände weckten sofort sein Interesse. Dass er dort die Stadtgrenze zu Hemer bereits überquert hatte, war ihm nicht bewusst, und er wandte sich mit der Idee, die Unterführung der Spray-Kunst zu widmen, an Volker Fleige. Mendens Bürgermeister – weil dort nicht mehr zuständig – stellte sofort den Kontakt zu seinem Hemeraner Amtskollegen Michael Esken her. Der Rest ging schnell: Esken zeigte sich von der Idee angetan, auch weil künstlerisch besprühte Flächen die puren Farbschmierer besser von ihrem lästigen Tun abhalten als alle Verbote und Drohungen.

Zur Premiere am Samstag hat Marcel Veneman viele Künstler eingeladen, die er bei der Arbeit an anderen „legalen Wänden“ kennen gelernt hat. Und über 30 reisen tatsächlich im Laufe des Tages an: aus mehreren Städten des Märkischen Kreises, aber auch aus dem Ruhrgebiet dem Rheinland oder aus dem Münsterland.

Wände schwarz grundiert

Die Wände der Unterführung waren zuvor schwarz grundiert worden. Und jedem Sprayer wird nun ein Abschnitt der beiden Wände zugewiesen, auf dem er loslegen kann. Die Farben hat Marcel Veneman vorher besorgt, die Kosten für die Dosen, die er selbst verbraucht, trägt jeder Künstler allerdings selbst. Die Farbauswahl – Blau, Rot, Weiß und mehrere Zwischentöne wie Rosa, Pink und Violett oder Lila – sind das einzige, was vorgegeben ist. Ansonsten darf sich jeder nach seinen eigenen Vorstellungen entfalten. Wobei die meisten der Künstler abstrakte Formen und Muster wählen. Das einzige, was laut Marcel Veneman nichts auf der „legalen Wand“ zu suchen hat, sind politische oder sonstige Parolen, Werbung für Organisationen oder Fußballclubs. Und auch keine sexistischen Motive.

Es ist durchaus erwünscht, dass die bestehenden Arbeiten irgendwann mit anderen Kunstwerken übersprüht werden.