Drei „ernste Verwarnungen“ für die Familie Frohne

Menden. Der Angriff der Nazis auf das Fest Fronleichnam und seine Prozessionen begann schon 1936 und machte auch nicht Halt vor dem erzkatholischen Menden. Ein Erlass des Innenministers engte erst einmal die Beamten ein. So durften ab 29. Mai 1936 die Mendener Beamten nicht mehr in amtlicher Eigenschaft teilnehmen an einer Fronleichnamsprozession, weder den Verkehr regeln noch sonst für sie tätig werden. Privat durften sie zwar dabei sein, ihnen war aber klar, dass auch das nicht mehr gern gesehen war. Eigentlich logisch, dass zu den Prozessionen auch Fahnen und Altarschmuck an öffentlichen Gebäuden nicht mehr zulässig waren. Auch nicht an den Schulen.

Tischtennis und Zeltennur in der HJ

In Menden spielte sich 1939 ein kleines Drama ab. Die Nazis hatten sich den Fronleichnamstag bis ins Kleinste vorgeknöpft. Damit keiner der Katholiken auf dumme Gedanken kam, hatten sie für die Kinder ganz normalen Unterricht angesetzt. Konsequent hatten sie die konfessionellen Schulen in Gemeinschaftsschulen umgewandelt. So wurde zum Beispiel aus der Westschule die „Horst-Wessel-Schule“. In seinem Buch „Menden, eine Stadt in ihrem Raum“ beschreibt der frühere Stadtarchivar Dr. Paul Koch, wie die kirchlichen Verbände gerade im Kinder- und Jugendbereich gegängelt wurden. „Jede nicht ausgesprochen religiöse Betätigung war ihnen verboten. Die Jugendlichen durften kein Tischtennis spielen, keine Kluft und kein Abzeichen tragen und keine Fahrten unternehmen. Selbstverständlich war ihnen das beliebt gewordene Zelten verboten.“

Das zielte auf einen ganz gewissen Effekt. Die Nazis wollten die Jugendlichen in ihre Organisationen locken, in die Staatsjugend, die Hitlerjugend (HJ), wo all das erlaubt war, was den christlichen Verbänden untersagt war.

Hauptstraße war tabufür die Prozession

In dieser für alle kirchlich geprägten Menschen in Menden gefährlich gewordenen Zeit war es für sie besonders schwierig, ihren Glauben zu praktizieren. In der Familie Frohne sind noch Schreiben der Stadtverwaltung Menden erhalten, die ihnen 1939 deutlich machten, in welch großer Gefahr sie schwebte, als sie den Nazis trotzte.

1939 fand in Menden die letzte große Stadtprozession zu Fronleichnam statt. Über die Hauptstraße durfte sie sich nicht mehr bewegen. Sie nahm daraufhin ab Vincenz-Kirche einen ganz anderen Weg mit den vier Stationen 1. Walburgiskirche, 2. Walburgis-Gymnasium, 3. Kapellenberg, 4. Kapellenstraße und zurück zur Vincenz-Kirche.

Wenigstens eine Vergünstigung erlaubten die Machthaber den Mendener Schülern. Sie durften die erste Schulstunde ausfallen lassen, um an einem Gottesdienst teilzunehmen. Dann aber sollten sie zurück zum Unterricht in ihren Klassen.

Prozession stattSchulunterricht

Nicht so machten das Agnes (Jahrg. 1926 +), Ernst (Jahrg. 1927 +) und Werner Frohne (Jahr. 1927) von der Bergstraße 27 (heute An der Stadtmauer). Sie ließen Fronleichnam die Schule ganz außen vor und marschierten mit ihren Eltern in der Prozession mit. Werner Frohne erklärte mir jetzt, warum sie das taten gegen alle Anordnungen von oben: „Wir waren nicht aufmüpfig, wie waren christlich und sind freiwillig mitgegangen. Nicht weil wir mussten, sondern weil wir wollten. Wir sind gerne mitgegangen, um Gott zu ehren.“

Die Reaktion der Behörden ließ nicht auf sich warten. Hoch offiziell und höchst eindringlich. Regierungspräsident Dr. Runte aus Arnsberg unterschrieb eine „ernste Verwarnung“, die von Mendens Bürgermeister Rau als Ortspolizeibehörde in Menden beglaubigt wurde.

Glück gehabt:Keine Polizeistrafe

In den Schreiben an die Eltern Eberhard und Josefa Frohne, die heute irgendwie unwirklich erscheinen, steht unter anderem:

„Durch Schreiben vom 20. Mai 1939 – Tgb. Nr. 3785 – trug das Erzbischöfliche Generalvikariat in Paderborn dem Herrn Oberpräsidenten in Münster folgende Bitte vor: Wir bitten ergebenst, den katholischen Schülern und Schülerinnen dadurch die Möglichkeit zur Teilnahme am Gottesdienst zu geben, dass man ihnen die erste Stunde freigibt.

Diesem Wunsche wurde durch Erlass des Herrn Oberpräsidenten vom 27.5.1939 entsprochen. Sie haben trotzdem Ihren Sohn Werner am 8. Juni 1939 vom Besuche des Unterrichts ferngehalten und dadurch gegen eine auf Anregung des Erzbischöflichen Generalvikariats getroffene Maßnahme gehandelt.

Mit Rücksicht darauf, dass Ihnen das Schreiben des Erzbischöflichen Generalvikariats nicht rechtzeitig bekannt geworden ist, sehe ich davon ab, gegen Sie die verwirkte Polizeistrafe zu verhängen und lasse es diesmal dabei bewenden, dass ich Ihnen eine ernste Verwarnung ausspreche.“

Insgesamt erhielten die Eltern Frohne drei „ernste Verwarnungen“. Für jedes Kind eine.

Kohleförderungstatt Fronleichnam

1940 folgte eine Verordnung, die den Fronleichnamstag gänzlich an die Seite drückte: „Mit Rücksicht auf dringend notwendige Kohlenförderung und die sonstigen Produktionsmöglichkeiten wird der Fronleichnamstag (immer donnerstags)… auf den Sonntag verlegt…“

Öffentlich Umzüge hatten „im Bereich der Provinz Westfalen“, also auch in Menden, zu unterbleiben. Darunter fiel auch ausdrücklich die Fronleichnamsprozession. Erlaubt war nur noch ein „Umgang um die Kirche“.

Dass die Mendener Pfarreien am kommenden Donnerstag, 4. Juni 2015, Fronleichnam nach altem Brauch feiern dürfen, hat zu tun mit einer Bekanntmachung der Militärregierung 1946: „Am Donnerstag findet in Menden wie früher die große Fronleichnamsprozession statt, die nun wieder im gleichen Umfang den staatlichen Schutz wie vor 1933 üblich genießt…“ (s. „Mendener Geschichten“, Band 2).

Der Weg der Prozession wird auch diesmal wieder optisch von Birkengrün, Fahnen und Blumenteppichen und prächtig geschmückten Stationsaltären geprägt sein. Zahlreiche Gläubige werden dafür in aller Frühe aufstehen und wahre Kunstwerke vollbringen.

Vision derHeiligen Juliana

Laut einschlägiger Literatur leitet sich die Bezeichnung Fronleichnam vom mittelhochdeutschen „vrone licham“ab, was „des Herren Leib“ bzw. „Leib des Herrn“ bedeutet. Fronleichnam ist das „Hochfest des Leibes und Blutes Christi“. Die Anregung zu der Schaffung dieses Festes, so heißt es, geht auf eine Vision der heiligen Juliana von Lüttich, einer Augustinerchorfrau, im Jahr 1209 zurück. Diese berichtete, sie habe in einer Vision den Mond gesehen, der an einer Stelle verdunkelt gewesen sei. Christus habe ihr erklärt, dass der Mond das Kirchenjahr bedeute, der dunkle Fleck das Fehlen eines Festes des Altarsakramentes. Das mit der Bulle „Transiturus de hoc mundo“ von Papst Urban IV in die lateinische Kirche eingeführte Fest war das erste, das von einem Papst in den liturgischen Kalender der Gesamtkirche aufgenommen wurde.

Vor diesem Hintergrund verwundert es wenig, dass die Reformation das Fronleichnamsfest ablehnte. Martin Luther soll gesagt haben: „Ich bin keinem Fest mehr feind.. als diesem…“

Früher BaldachinHeute im Museum

Das Bild der Fronleichnamsprozessionen ist in Menden den meisten vertraut. Ein Diakon oder Priester trägt die Monstranz mit dem Allerheiligsten, beschirmt von einem Stoffbaldachin. Vier Außenaltäre sind die Regel, an jedem wird ein Abschnitt aus einem Evangelium vorgetragen, werden Fürbitten gesprochen und der sakramentale Segen in alle Himmelsrichtungen über die Stadt erteilt. Die Prozession, so erinnere ich mich an meine Zeit als Messdiener, endet in der jeweiligen Pfarrkirche mit dem Tantum ergo und dem Te Deum.

Die erste Fronleichnamsprozession soll es in St. Gereon in Köln im Jahr 1296 gegeben haben. Eine der bekanntesten ist die Schiffsprozession „Mülheimer Gottestracht“ auf dem Rhein in Köln-Mülheim.