Die goldene Regel

„Was du nicht willst, das man dir tu, das füg’ auch keinem anderen zu.“ Dieses alte und bekannte Sprichwort wird die „Goldene Regel“ genannt. In fast allen Religionen der Welt gibt es diesen Grundsatz, der beschreibt, welchen Umgang die Menschen miteinander pflegen sollten. Positiv formuliert heißt die Regel im Matthäus-Evangelium etwa: „Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.“ (Mt 7,12) Da sie keine inhaltlichen Vorgaben für richtiges oder falsches Verhalten benennt, wurde sie historisch verschieden gedeutet: etwa als Aufruf, die Vor- und Nachteile zu erwartender Reaktionen auf das eigene Handeln zu bedenken oder als Forderung nach Fairness, die Interessen und Wünsche Anderer als gleichwertig mit den eigenen zu berücksichtigen oder auch als Achtung der Menschenwürde.


Doch was macht diese Regel zu einer „goldenen“? Die Auszeichnung „Gold“ ist ein Ausdruck für ihren besonderen Wert und ihre einzigartige Bedeutung. Sie gilt nicht als irgendeine Regel, die zusätzlich zu schon vorhandenen Verboten und Geboten hinzukommt, sondern sie wird verstanden als der Kern aller Moral, als die eine Regel in oder über allen anderen Regeln des Umgangs miteinander. Dieses Sprichwort wird also deshalb „Goldene Regel“ genannt, weil es ein wichtiges Verhaltensmuster formuliert: eine Kurzfassung und Zusammenfassung dessen, wie Menschen sich benehmen bzw. nicht benehmen sollten.

Nichts ist gerade aktueller als diese Forderung. Derzeit vergeht kein Tag ohne neue Terroranschläge, Angst macht sich breit, und Menschen gehen auf die Straße, um für mehr Toleranz und Freiheit zu demonstrieren. Unsere Gesellschaft sucht Frieden und Sicherheit, aber der Terror zerrüttet das gegenseitige Vertrauen. Religion wird missbraucht, um Sünde zu rechtfertigen.


Darunter leiden nicht nur die Opfer der Anschläge, sondern auch viele Unbeteiligte, die in friedlichen Glaubensgemeinschaften leben und die Gewalt ablehnen. Sie werden zu Unrecht angeklagt, manchmal sogar auf offener Straße beleidigt oder sogar angespuckt. Und das nur, weil sie Muslime sind.


Dabei gibt es doch auch im Islam die „Goldene Regel“, die hier etwa so lautet: „Keiner von euch ist ein Gläubiger, solange er nicht seinem Bruder wünscht, was er sich selber wünscht.“ Zwar sind unsere religiösen Traditionen und Bräuche oft verschieden und manche Glaubens- und Lebenseinstellungen sind anders, was wir aber gemeinsam tun können ist, uns gegenseitig das zu wünschen, was wir auch für uns selber wünschen. In diesem Sinne und für dieses gerade begonnene Jahr 2015 können wir auch Menschen aus anderen Religionen Frieden wünschen. Außerdem können jeweils in unseren religiösen Gemeinschaften darum beten, dass der Frieden Gottes auf die Erde kommen möge. Im Judentum, Christentum und Islam ist der Gruß „Friede sei mit dir!“ (Salam aleikum, Schalom alejchem) von alters her üblich.


Dieser Gruß hat die Kraft, zu einem Symbol zu werden, wenn wir ihn uns auch gegenseitig sagen. Vielleicht kann er allein durch das Weitersagen Realität in unseren Köpfen, in unserer Gesellschaft, in unserer Stadt und in unserem Land werden.


Ellen Gradtke
Berufsschulpfarrerin aus Menden