Die einen befreit, die anderen gefangen

Menden..  Es ist erst wenige Wochen her, dass die Bombenfunde an der Edelburg zwischen Menden und Hemer wieder an den zweiten Weltkrieg erinnerten, der hier vor 70 Jahren zu Ende ging. Die Übergabe von Menden, Hemer und Iserlohn verlief damals nahezu kampflos, auch weil sich deutsche Offiziere den Durchhaltebefehlen Hitlers widersetzten. Wäre hier wie andernorts im Sauerland noch gekämpft worden, dann hätten alle drei Städte heute ein anderes Gesicht.

Davon zeigt sich Peter Müller, einer der Initiatoren der Ausstellung „Die Amis kommen!“ aus dem Jahr 2005, überzeugt: „Gegen Kriegsende ist noch mancher Ort für sinnlose Kämpfe dem Erdboden gleichgemacht worden.“

Auch Hemer blieb das erspart, zugleich wurde mit der Einnahme der Mendener Nachbarstadt am 14. April 1945 eine neue grausige Realität offenbar: Die Befreiung des Kriegsgefangenenlagers Stalag VI A gab den Blick frei auf unerträgliche Zustände, die in diesem Lager geherrscht hatten – und unter denen auch amerikanische Kriegsgefangene zu leiden hatten. Während die Überlebenden nun befreit wurden, begann für die deutschen Soldaten die Gefangenschaft.

Dazu heißt es in der Dokumentation von Peter Müller, Franz Rose und Andreas Reiser, auf der diese WP-Serie fußt: Der Druck auf den östlichen Teil des Ruhrkessels wurde Mitte April 1945 immer größer. Die deutschen Einheiten unter Generalleutnant Bayerlein hatten sich in den Raum Iserlohn-Hemer zurückgezogen. Bayerlein besuchte Hemer und das Stalag VI A am 12. und 13. April. Seiner Meinung nach sollte das Stalag VI A ordnungsgemäß an die Amerikaner übergeben werden, um die Sicherheit der Stadt – es befanden sich immerhin 23 000 Gefangene auf dem Gelände – zu gewährleisten.

Einheiten der 7. Armored Division und der 99. Infantrie-Division lagen vor der Stadt. Man konnte sich jedoch nicht gleich einigen. Ohne Rückhalt seiner Vorgesetzten führte Hauptmann Albert Ernst persönlich Gespräche mit Colonel Kriz zur Übergabe Hemers. Das Ergebnis der Verhandlungen war, dass Ernst freien Abzug nach Iserlohn erhielt und die im Raum Hemer eingesetzten Truppen entwaffnet wurden und in Gefangenschaft gingen.

Damit war der Weg zur kampflosen Übernahme der Stadt Hemer durch die Amerikaner frei, und 4500 deutsche Soldaten gingen in Gefangenschaft. Am 14. April war Hemer vollständig besetzt.

Ein grausames Kapitel in der Stadtgeschichte Hemers ist das Kriegsgefangenenlager. 25 000 meist russische Kriegsgefangene ließen hier ihr Leben. Sie ruhen in Massengräbern auf den Kriegsgräberstätten Duloh und Höcklingser Weg. Später wurde aus dem Lager die Blücher-Kaserne. Die Gebäude stehen heute im Sauerlandpark.

Unmenschliche Zustände im Lager

Die Lebensbedingungen in dem Lager waren unmenschlich: Im Hospital waren 9000 Patienten mit Typhus, Lungenentzündung, Fleckfieber, Tuberkulose und Darmerkrankungen. Diese Krankheiten verbreiteten sich unkontrolliert im Lager. Es gab täglich durchschnittlich 100 bis 150 Tote, und die Leichen lagen unbegraben herum.

Das Schlimmste war trotz allem die Ernährungslage. Vor der Ankunft der Amerikaner hatte es mehr als vier Tage nichts zu essen gegeben. Bei der ersten Essensausgabe mussten die Befreiten in der Schlange mit Schüssen in die Luft ruhig gehalten werden.

Problematisch gestaltete sich zugleich die Unterbringung und Versorgung der deutschen Kriegsgefangenen. Viele Soldaten aus dem Raum Menden-Hemer-Iserlohn wurden zunächst in Sümmern in einem Camp auf freiem Feld gesammelt. Später wurden sie dann auf Lkw nach Brilon und andere „Zwischenlager“ gebracht. General Major Walter E. Lauer gibt in seinem Buch „Battle Babies“ eine Gefangenenzahl von 44 240 für die Tage zwischen dem 5. und 17. April 1945 im Bereich der 99. Infantrie-Division an. Später wurden die Gefangenen in die großen Lager Remagen und Rheinhausen transportiert.

So war für die einen die Gefangenschaft zu Ende, für andere begann eine oft lange Leidenszeit. Für die Bevölkerung in Menden, Hemer und Iserlohn aber war der Krieg aus.