Das erstaunliche Wachstum der Bäckerei-Kette Niehaves

Foto: Jakob Studnar
Was wir bereits wissen
Keine Filiale der Bäckerei-Kette Niehaves soll weiter von Wickede entfernt sein. Beeindruckendes Wachstum entlang der Ruhr-Schiene.

Wickede.. Den Hermann kennt jede Hausfrau. Der Teig geht nicht aus, lässt sich durch „Fütterung“ immer weiter vermehren. Glückskuchen wird das Brot deshalb genannt, das man daraus bäckt. So gesehen scheint es nicht verwunderlich, dass sich die Bäckerei-Filialen Niehaves in den vergangenen Jahrzehnten stetig in Südwestfalen vermehrt haben. Hermann hieß schon der Gründer. Und Hermann junior ist heute gemeinsam mit seinem Bruder Martin geschäftsführender Gesellschafter der Firma.

Anfänge in Fröndenberg

Mit einer Bäckerei in Fröndenberg ist der Vater 1978 gestartet. Mittlerweile betreiben die beiden Söhne 49 Bäckerei-Konditorei-Filialen von Wickede über Menden, Iserlohn, Hemer, Neheim, Hagen, Dortmund, Unna, Schwerte bis Plettenberg. Darunter auch Standorte in Lidl- und Rewe-Märkten. 300 Mitarbeiter sind in den Läden beschäftigt, 12 in der Verwaltung des Unternehmens, 60 in der Produktion in Wickede. Auf 3000 Quadratmetern werden hier 4000 Brote täglich gebacken und durchschnittlich 45 000 normale Brötchen – für die Samstage sogar bis zu 80 000. Gearbeitet wird in drei Schichten rund um die Uhr.

Ein erstaunliches Wachstum in Zeiten, da Billig-Ketten mit Brötchen-Rohlingen aus dem Ausland längst vielen Handwerks-Bäckern die Butter vom Brot genommen haben. Und auch bei den Niehaves gab es schwierige Jahre, nachdem man die Produktion nach Wickede verlagert, dort viel investiert hatte. Der Markt veränderte sich durch die Billig-Konkurrenten. „Die Branche war damals von Insolvenzen geprägt“, erinnert sich Hermann Niehaves.

Zudem sei sein Unternehmen so mit der Produktion beschäftigt gewesen, dass man den Verkauf und die Präsentation vergessen habe, räumt er ein. Die Umsätze gingen zurück. Man habe versucht, ein neues System zu etablieren, eine klares Filialkonzept und einen Marktauftritt, erklärt sich Hermann Niehaves, wie man aus den Schwierigkeiten wieder herausfand. Was bei Niehaves verkauft wird, wird auch von Niehaves gefertigt, von der Praline bis zum Paderborner, um den Bäckereien eine unverwechselbare Auslage zu geben. Man kaufe nicht zu – höchstens Getränke, so Hermann Niehaves.

Drei Filialen in Hagen eröffnet

Damit scheint das Unternehmen gut aufgestellt, hat im Jahr 2011 zum Beispiel allein in Hagen drei Filialen eröffnet. Und erst jüngst ein Traditionscafé in Menden ersteigert – obwohl die Niehaves in der Stadt doch bereits 14 Läden betreiben. Man müsse heute schon eine gewisse Größe haben, um die Produktionskosten in den Griff zu bekommen, erklärt Hermann Niehaves die Strategie des Unternehmens. Als Einzelunternehmen mit einer Backstube könne man nur dann „überleben“, wenn man eine Nische besetze, glaubt er. Dazu aber brauche man den richtigen Standort. Das funktioniere in Düsseldorf, in Münster – aber kaum im Sauerland: „Hier fehlt einfach die Menge an Kunden“, so Niehaves.

Trotz der Größe legen die beiden Brüder großen Wert darauf, keine Industrieware zu fertigen und zu verkaufen, sondern Handwerksprodukte. 22 Meter lang ist zwar die Maschine, die sich quer durch die Produktionshalle zieht. Vorn kommt der Brotteig hinein, wird ausgewalzt zu langen Stangen gerollt, bis am Ende Baguettes herauskommen.

Doch in die Maschine sollen nur die Produkte, die darunter nicht leiden, sich von Hand nicht besser herstellen lassen, betont Produktionschef Martin Niehaves. Ciabatta etwa auf keinen Fall, weil es nicht fluffig genug würde. Und so wird in der großen Produktionshalle noch viel von Hand geknetet, geformt, glasiert. Niemals würde er ein Rezept an die Maschine anpassen, fügt Martin Niehaves hinzu.

Nicht mehr als 50 Kilometer

Vermutlich hat auch deshalb die wundersame Filialvermehrung ihre Grenze: 50 Kilometer beträgt der Höchstradius, den sich die beiden Brüder rund um Wickede gesteckt haben. „Wenn wir uns weiter entfernen, kennen wir dort die Kunden nicht mehr, wissen nicht was sie wünschen. Und auch die Mitarbeiter nicht“, so Hermann Niehaves. Zudem lasse sich die Qualität der Backwaren nicht kontrollieren.

Als ihnen vor Kurzem wieder einmal ein Laden angeboten wurde, haben sie abgelehnt. Das Geschäft war 51,7 Kilometer weit weg.