Christus-Kopf in einer Schublade aufbewahrt

Franz Lürbke um 1995 mit dem Christuskopf, den er Jahre lang in einer Schublade aufbewahrt hatte.
Franz Lürbke um 1995 mit dem Christuskopf, den er Jahre lang in einer Schublade aufbewahrt hatte.
Foto: WP

Menden. Die Geschichte ereignete sich vor mehr als 200 Jahren. Gänzlich unbekannt ist sie nicht, doch oft nur in groben Zügen. Sie hält noch Überraschungen bereit, hat zu tun mit Napoleon und seinen Truppen, mit einem Wegekreuz und mit all den Unabwägbarkeiten, die teils mündliche Überlieferungen so an sich haben. Was der damalige Oberst der St.-Sebastianus-Schützenbruderschaft 1888 Brockhausen, Theo Schulte (1927 - 1991), in der Festschrift zum 100-jährigen Bestehen der Schützen-Bruderschaft über das Kreuz am Homberg schrieb, ist kurz und knapp ein Ereignis, das einem gläubigen Christenmenschen die Nackenhaare aufrecht stehen lässt. Was Theo Ostermann (Jahrg. 1945) aus Werringsen später dazu herausfand, rundet im 21. Jahrhundert das Geschehen auf eine wundersame Weise versöhnlich ab.

Genickbruchals Strafe Gottes

In der Festschrift 1988 steht ein Text zu lesen, den Theo Schulte nach eigener Aussage irgendwo im Archiv gefunden hat. Wo, das wollte er nicht sagen:

„Am Fuße des Hombergs stand in westlicher Richtung im Grenzbereich von Lürbke Rohaus und der von-Mellinschen-Stiftung ein Wegekreuz mit dem Corpus des Erlösers. Nach 1806 und vor den Befreiungskriegen von 1813-1815 beunruhigten durchziehende französische Truppen die hiesige Gegend. Ein ungläubiger französischer Offizier zerstörte den Corpus mit seinem Säbel. Nur wenige Meter weiter stürzte das Pferd und der Soldat fiel so unglücklich, dass er sich das Genick brach. Er verstarb noch an der Unglücksstelle. Die Menschen werteten damals dieses Ereignis als Strafe Gottes. Der Längsbalken, wo noch der fürchterliche Säbelhieb erkennbar war, hat bis Mitte des 20. Jahrhunderts dort gestanden. Ein Tagelöhner hat dieses Stück Holz für einen ausgedienten Zaunpfahl angesehen und unwissentlich entfernt.“

Soweit die bis dahin bekannte Geschichte des Frevels.

Das Geheimnisder Eichen-Wäschetruhe

Wenige Jahre vor dem 100-jährigen Bestehen der Bruderschaft spielten eine Wäschetruhe und ein Nazi-Brief eine bedeutende Rolle im Leben des 1980 erst 35 Jahre alten Theo Ostermann. Da lebte auch noch sein Vater Theo (1903-1996) auf dem Hof in Werringsen 39. Sohn Theo, ein begeisterter Schütze, entdeckte 1980 für sich die Lust, heimischer Geschichte auf den Grund zu gehen. Und das mit einer Ausdauer, die Früchte trug.

In einem längeren Gespräch erzählte er mir, was passiert war. „Auf jedem Bauernhof gibt es Eichen-Wäschetruhen mit einem gewölbten runden Deckel. Die kriegte jede Frau mit in die Ehe.“ Eine solche Truhe stand 1980 auch bei den Ostermanns auf dem Dachboden. Abgeschlossen. Von Opa Theo Ostermann behütet. Geheimnis umwittert. Enkel Benedikt (Jahrg. 1970), damals 10 Jahre alt, hatte immer wieder mal nachgefragt, was denn drin sei in der Truhe und Opa hatte geantwortet: „Da sind Schätze drin.“

Nazi-Warnungan den Erbhofbauern

Das war elektrisierend für Benedikt und seinen Vetter Georg. Heimlich kletterten sie auf den Dachboden, schafften es irgendwie, mit Schraubenzieher und Hammer das Schloss zu knacken und fanden einen Wust an Papieren, Schriftsätzen und Hof-Übertragungsurkunden über Generationen der Ostermanns. Als die beiden Jungen mit beiden Händen in der Truhe wühlten, fiel unbemerkt ein Brief aus der Truhe in die Tiefe bis hinunter auf den Tennenboden. Dort fand ihn Benedikts Vater und erstarrte: Ein Brief vom 13.4.1937 „an den Erbhofbauern Ostermann jun. in Werringsen“. Abgeschickt von der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, Kreis Iserlohn, Stützpunkt Schwitten. Und daraus ging hervor, dass Erbhofbauer Ostermann jun. kurz vor der Verhaftung gestanden haben dürfte.

Was hatte er getan? Der Stützpunktleiter formulierte es so: „Wie ich mit meinem größten Erstaunen erfahren musste, haben Sie in der Vergangenheit die Plakettenverkäufer sowie Sträusschen-Angebote mit einem dummen Grinsen und ekelhaften Bemerkungen abgewiesen. Das Gesagte ist für einen DEUTSCHEN BAUERN (in Großbuchstaben) unwürdig und reicht schon mehr in ein prozendes (ohne t!) Benehmen, das sagt, was geht mich so ein Mann oder so ein Kind an, wie diese hier, die nur zum Betteln kommen und einem das Geld aus der Tasche jagen wollen…“

Dann wird der Führer hoch gejubelt, werden seine Leistungen für das deutsche Volk in den Himmel gehoben und die warnende Mahnung ausgestoßen, „in Zukunft an meiner und unserer Leine“ zu ziehen und ihm, dem Stützpunktleiter aus Schwitten, jeden weiteren Schritt zu ersparen.

„Erlösung“ durchFranz Lürbke sen.

Benedikts Vater Theo hat seinem Vater später gestanden, dass er den Inhalt der Truhe jetzt kenne. „Er war mir nicht böse“, sagte mir Theo Ostermann. Seit jener Zeit ist sein Interesse an Heimatgeschichte geweckt und so stark geworden, dass er nicht aufhört, bis er ihr auf den Grund gegangen ist. Dieses Fragen nach dem „Wie war es früher“ erstreckt sich auch auf die Historie von Bauernhöfen in der Umgebung, wo ihm bislang keine Tür verschlossen blieb.

Was Theo Ostermann an Urkunden und Briefen der eigenen Familie aus Jahrhunderten fand, hat er dem inzwischen verstorbenen Studienrat Karl Hartung zur Übertragung ins Hochdeutsche vorgelegt. Hartung, mein früherer Latein-Lehrer, selbst geschichtsbewusst, hat das offenbar gern getan, jegliche Geldbezahlung abgelehnt und ab und zu nur mal eine selbst gemachte Wurst vom Bauernhof akzeptiert.

Das Eintauchen Theo Ostermanns in die Geschichte machte auch nicht Halt vor dem „Kreuz am Homberg“. Was er herausfand, wurde anno 2013 beachtenswerter Inhalt des Jubiläumfestbuches zum 125-jährigen Bestehen der Brockhauser Bruderschaft. Ostermann bekannte darin, dass ihm die Geschichte rund um das Kreuz keine Ruhe mehr gelassen habe. Er hatte schon auf dem Jubiläumsfest von 1988 sämtliche ältere Besucher „gelöchert“. Ohne Erfolg. Bis er Franz Lürbke Rohaus (1914-2002) nach dem Kreuz befragte. Der war da schon 80 Jahre alt und antwortete: „Das war bei uns.“

Im Festbuch 2013 beschreibt Theo Ostermann, was da in ihm vorging. „Dieser Moment war für mich wie eine Erlösung oder wie der Lohn für unermüdliches Nachhaken. Ich ließ den alten Mann erzählen.“

„Ich durfte den Kopfnicht anfassen“

Richtig spannend sei es geworden, als Franz Lürbke sen. erzählte, dass seine Vorfahren den Kopf des zertrümmerten Corpus gerettet und zu sich ins Haus geholt hatten. Sie beauftragten, so die Überlieferung, den Oesberner Schreiner Plümper, dieses kostbare Stück so zu bearbeiten, dass man es an einer Wand aufhängen konnte. Irgendwann aber muss es von der Wand gefallen sein. Seitdem lag der Christus-Kopf wohl behütet in einer Schublade.

Ostermanns und Lürbkes Höfe in Werringsen liegen nicht weit auseinander. Franz Lürbke, so Theo Ostermann, „spürte mein großes Verlangen, holte den Kopf aber nur sehr zögerlich hervor, hielt ihn fest in seiner Hand. Berühren durfte ich ihn nicht, ein Zeichen dafür, wie heilig ihm das edle Stück war. Die Bemalung wirkte erstaunlich frisch, nichts deutet auf die Zerstörung von damals hin…“

Wegekreuz um1720 aufgestellt

Fünf Jahre lang besuchte Theo Ostermann die Lürbkes in immer kürzer werdenden Abständen. Sein Ziel: Er wollte den Christus-Kopf der Bevölkerung zugänglich machen. Lange war es ein vergebliches Bitten. Franz Lürbke jun. fand die rettende Idee, schlug eine Dauer-Leihgabe an eine Kirche vor. Sein Vater erklärte sich um die Jahrtausendwende nach einem Reha-Aufenthalt ebenfalls einverstanden.

Doch damit war die Mission des Theo Ostermann noch immer nicht beendet. Er zog den anerkannten Iserlohner Historiker Dr. Wilhelm Bleicher hinzu. Der begutachtete den Christus-Kopf und kam zu folgendem Ergebnis: Der Corpus wurde von einem westfälischen Künstler aus Lindenholz geschnitzt, nie restauriert. Das Kreuz wurde um 1720 aufgestellt. Die Zerstörung durch französische Soldaten erfolgte wohl um 1807.

Werringser Bürgerstiften Glasschatulle

Theo Ostermann hat bei einem Mendener Glasunternehmen die Sonderanfertigung einer Glasschatulle passend für den Christus-Kopf in Auftrag gegeben. Werringser Bürger haben sie gespendet. Sie fand Platz in einer heimischen Kirche, deren Namen ich nicht nennen soll, weil bei Franz Lürbke jun. die berechtigte Furcht besteht, dass die Schatulle mitsamt Inhalt zerstört werden könnte. Ich musste ihm das versprechen, sonst hätten er und Theo Ostermann nicht die Erlaubnis gegeben, über diese einzigartige Geschichte zu schreiben. Der Name der Kirche ist zwar an anderer Stelle schon mal genannt worden, doch in nur geringer Auflage.

Theo Ostermann abschließend: „Franz Lürbke sen. starb am 30. Oktober 2002 im Alter von 88 Jahren. Am 12. März 2001, also eineinhalb Jahre vor seinem Tod, brachte ich ihn in die …-Kirche, weil es seinem Wunsch entsprach, den Christus-Kopf an seinem neuen Ort zu sehen. Altersbedingt war der Weg für ihn sehr mühsam, aber lohnend. Er saß auf einer Bank und guckte minutenlang zufrieden auf seinen Christus-Kopf.“

Es war auf eine sonderbare Weise wie Auferstehung.