caput ist eben „etwas anders“

Die Mitglieder der caput-Redaktion.
Die Mitglieder der caput-Redaktion.
Foto: WP

Menden/Hemer..  Der Mann auf dem Zeitschriften-Cover trägt Sonnenbrille und Lederjacke. Ein cooler Typ, wie er da mit dem Rücken an der Mauer lehnt. Nur: Er sitzt im Rollstuhl. Und: Er hat keine Beine. caput, so heißt das Magazin der Iserlohner Werkstätten, das Florian Sitzmann, den Mann ohne Beine, auf die Titelseite gehoben hat. Es versteht sich als Marktplatz für Menschen (mit Behinderung), die ihre Geschichte erzählen.

Das Magazin ist hoch professionell gemacht, aber eben „etwas anders“. So wie auch die Redakteure, die caput nach eigenen Ideen planen, Geschichten recherchieren und Artikel schreiben, auf den ersten Blick etwas anders sind. Sie alle sitzen im Rollstuhl, aus unterschiedlichen Gründen. Hendrik Michler (23) aus Bösperde hat Muskeldystrophie, eine erblich bedingte Muskelerkrankung. Marianna Metta (23) kam mit ihren Eltern als Achtjährige aus der Ukraine nach Deutschland. Die junge Frau hat die Glasknochenkrankheit, lebt damit aber in ihrer Wohnung in Hemer ein völlig unbehindertes Leben. Caroline Horstmann (18) aus Iserlohn-Dröschede und die Mendenerin Carina Groenewold (25) leben mit einer Tetraspastik, einer spastischen Lähmung.

Idee entstand vor sechs Jahren

Die vier caput-Redakteure arbeiten gemeinsam mit ihrem Redaktionsleiter Pascal Wink in einem eigens eingerichteten Redaktionsraum der Iserlohner Werkstätten in Hemer. Den eigentlichen Anstoß zu diesem Projekt gab vor Jahren die Frage, welche Arbeit Menschen, die zwar körperlich stark eingeschränkt, aber mental absolut fit sind wie Marianna, Hendrik, Carina und Caroline, angeboten werden kann. „Für sie eignet sich ja weder die Arbeit zum Beispiel in der Montage, im Bereich der Landschaftsgärtnerei oder Wäscherei – noch in irgendeinem anderen speziellen Bereich der Werkstatt“, blickt Pascal Wink zurück auf die Anfänge. Damals, vor sechs Jahren, entstand die Idee, eine Computergruppe ins Leben zu rufen.

Zunächst arbeiteten die jungen Leute an einer internen Werkstattzeitschrift, „Fahrtwind“. Schon bald aber war den Beteiligten klar: Der Weg sollte woanders hingehen. So entstand das Buch „Glasknochen sucht Therapiehund – Wie man in Deutschland behindert wird“. In diesem Gesellschaftsratgeber – so nennen sie ihr Buch – beschreiben die Autoren mit viel Humor, aber durchaus ernst den Alltag der Werkstätten und die Erfahrungen mit ihren Mitmenschen. Aufklärung und Berührungsängste nehmen statt erhobener Zeigefinger ist dabei ihre Devise. Über 1000 Bücher haben sie verkauft, zeitgleich besuchte die Gruppe Schulen und organisierte in Kooperation mit dem Mendener Buchhändler Andreas Wallentin Lesungen. „Das war wie ein Stich ins ‘inklusive Wespennest’“, sagen die jungen Redakteure.

caput als Wortspiel gewählt

Nach diesen Erfahrungen war es bis zum Magazin caput nur noch ein kleiner Schritt. caput heißt lateinisch „Kopf“, gleicht vom Wortklang her aber dem Adjektiv „kaputt“. Ein Wortspiel, das die Gruppe bewusst gewählt hat, erzählt Marianna. Anregungen für Geschichten holen sich die caput-Redakteure aus dem Internet, aus Zeitschriften oder dem Fernsehen bei Dokumentationen wie „37 Grad“ oder „7 Tage“. „Wenn uns etwas interessiert, recherchieren wir die Kontaktdaten und verabreden uns zu einem Treffen oder einem Interview per Telefon“, sagt Marianna. „Guildo Horn beispielsweise haben wir in Köln getroffen. Zwei Stunden lang haben wir dort mit ihm in einem Szenelokal gesessen.“ Wie die caput-Redakteure ihr mittlerweile bundesweit erscheinendes Magazin selbst beschreiben würden? „Soziales Reportage- und Lifestylemagazin“ trifft es ihrer Meinung nach ganz gut.

Zu Gast im Lila Salon

Für die neueste, inzwischen neunte Ausgabe sind die caput-Redakteure unter anderem nach Essen gefahren, um über ein ungewöhnliches Bürgerprojekt im Schauspiel Essen zu berichten. Ein paar Seiten weiter kommt der Autist Dr. Peter Schmidt zu Wort. Eingangs befassen sich die Redakteure selbst mit dem Thema Inklusion. Denn Inklusion, sagen sie, ist ja viel mehr als nur der Bereich Schule, auf den der Begriff häufig reduziert werde.

In Menden wollen sie den Begriff Inklusion deshalb in der kommenden Woche mit leicht verständlichem Inhalt füllen und den Besuchern dabei auch ein ums andere Mal den Spiegel vorhalten. Gemeinsam mit der Cellistin Katharina Reichelt, die mit dem Down-Syndrom lebt, sind sie am 25. September zum Auftakt der Mendener Inklusionstage zu Gast beim Lila Salon im Bodelschwingh-Haus (siehe Infobox).

Auflage wuchs von 350 auf 1500 Stück

Das Magazin caput erscheint inzwischen in einer Auflage von rund 1500 Stück. Anfangs waren es 350. Die Hefte werden über einen eigenen Verteiler verschickt, allein 50 Exemplare hat das Hönne-Berufskolleg abonniert, 30 Hefte bekommt das Placida-Viel-Berufskolleg.

caput erscheint viermal im Jahr. Wer interessiert ist, kann Kontakt zur Redaktion aufnehmen unter Tel. 02371/9766-639 oder per Mail caput@iswe.de

Die Autoren der caput-Redaktion sind gemeinsam mit der Cellistin Katharina Reichelt, die mit dem Down-Syndrom lebt, bei der Auftaktveranstaltung der Mendener Inklusionstage „Menden all inclusive“ zu Gast im Lila Salon. Termin: 25. September, 19.30 Uhr, Bodelschwingh-Haus. Der Eintritt ist frei, es wird um eine Spende für die Cellistin und die caput-Redaktion gebeten.

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