Brieftauben unterwegs mit dam „Kabi“

Der neue Kabinenexpress, „Kabi“, für 250 000 DM war 1990 der Stolz der RV Menden.
Der neue Kabinenexpress, „Kabi“, für 250 000 DM war 1990 der Stolz der RV Menden.
Foto: WP

Menden. Was muss das für eine Erlösung gewesen sein, als die RV Menden 1959 ihren ersten Kabinenexpress anschaffte. Weg von der Bahn auf die Straße. Alles war plötzlich flexibel. Bei schlechtem Wetter am Auflassort konnte der Taubentransporter einfach Richtung Heimat umschwenken oder eine Gegend mit besserem Wetter ansteuern.

1972 folgte ein zweiter Kabinenexpress, größer als bisher, aber auch gebraucht wie sein Vorgänger.

Den Maximalschritt aber machte die RV 1990, als sie einen neuen Kabinenexpress mit Anhänger anschaffte und sich dabei gewaltig in Kosten stürzte. 250 000 DM kostete das gute Teil. Darin steckte zwar eine Menge an Eigenarbeit, aber der finanzielle Anteil war dennoch beträchtlich. Jeder Mitgliedsverein der Reisevereinigung Menden nahm in Darlehen von 5500 DM auf. Aber dieser finanzielle Kraftakt sorgte dafür, dass dieser „Kabi“, wie er genannt wurde, alles das hatte, was seine Vorgänger nicht hatten: Automatische Tränkeanlage, automatische Zufuhr von Frischluft und einen Mittelgang zum Versorgen der Tauben. Die Boxen haben die Mitglieder in monatelanger Arbeit selbst gebaut, um die Kosten nicht höher werden zu lassen.

Im Lauf der Jahre gab es weitere Erleichterungen: Mobiles Telefon, Internetabfrage von Wetterbedingungen am Auflassort, Wetterverhältnisse unterwegs auf der Strecke usw. Das alles kam den Tauben zugute.

Heute Chip am Fuß statt Gummiring

Vor dem Einsetzen in die Reisekörbe mussten die Tauben mit einem Gummi-Ring am linken Fuß „beringt“ werden, damit sie registriert werden konnten. Unmittelbar nach ihrer Rückkehr in den Heimatschlag wurde sie eingefangen, der Züchter zog ihr den Ring vom Fuß und steckte den Ring, nicht den Fuß, in die Taubenuhr zur Ankunftskontrolle.

Seit 1992 werden Gummiringe nicht mehr benötigt. Heute tragen die Tauben einen Elektrochip am linken Fuß. Der Chip wird an der Einsatzstelle eingelesen, die Taube ist registriert und kann in den „Kabi“ eingesetzt werden. Bei der Rückkehr in den Heimatschlag läuft sie über eine Antenne, die unsichtbar am Einflug angebracht ist. Der Chip in ihrem Ring am Fuß gibt die gespeicherten Daten an die Antenne weiter. Anhand der Daten können die Preislisten erstellt werden.

So einfach war es bis Ende der 50er Jahre nicht. Die Reisevereinigung hatte nur drei so genannte „Konstatier-Uhren“, also Registrier-Uhren, weil die einfach zu teuer waren. Jede kostete 150 DM. Viel Geld damals. Was tun, um nach Wettflügen den Taubenring mit der verdeckten Kontrollnummer in eine solche Uhr eindrehen zu können und so offiziell festhalten zu lassen, wann eine Taube im Heimatschlag angekommen war? Eine dieser drei Uhren stand im Einsatzlokal Löher, ganz zentral für Innenstadt-Züchter.

Tempo-Staffellaufzur Konstatier-Uhr

Um ja keine Zeit zu verlieren, packten die Züchter die Ringe, die sie ihren Tauben abgezogen hatten, in Streichholzschachteln. An der Werringser Straße gab es zu jener Zeit sieben Züchter, erzählte mir Willi Wallmeier. Junge Burschen steckten in den Startlöchern, um die Schachteln im Spurt zu Löher zu bringen. Staffelwechsel an der Vincenz-Kirche. Alles im Eiltempo. Es ging um Zeit.

Als Lohn erhielten die Staffelläufer kleine Geschenke. Friedhofsgärtner Anton Rosier, ein erfolgreicher Züchter, belohnte zum Beispiel mit Sprudel oder Blumen. Willi Wallmeier, damals noch sehr jung an Jahren, gehörte zu den jungen Sprintern und bekam eine Flasche Bier. Mit 13. „Die erste meines Lebens“, lachte er. Ab Mitte der 60er Jahre hatte jeder Züchter seine eigene Uhr und konnte die Taubenringe an Ort und Stelle eindrehen. Die Uhren waren erschwinglich geworden.

Mendener Züchterbundesweit vorn

Anfangs wurden die Tauben im Hinterhof der Gaststätte Löher an der Hauptstraße eingesetzt. Bis 1959. Löher kennen noch viele als das Vereinslokal des Mendener Schachklubs. Später war nebenan „Der Lord“ zu finden. Als das Einsetzen bei Löher nicht mehr möglich war, wurde als Übergangsort eine Stelle unweit des damaligen Bäcker-Einkaufs an der Galbreite gefunden. Ab 1964 war ein ehemaliger Holzsägeschuppen auf freier Wiese der Einsatzort. Heute ist dafür „An der Sägemühle 3“ eine moderne Taubeneinsatzhalle zuständig (gegenüber „Im Loch“). Treffpunkt der Reisevereinigung Menden ist der Gasthof Hünnies. Zusätzlich hat jeder Verein sein eigenes Vereinslokal.

Mendener Taubenzüchter haben bundesweit Anerkennung gefunden. So holte die Schlaggemeinschaft Pazulla-Brauner im Jahr 2011 auf Bundesebene den 11. Platz bei der Jungtaubenmeisterschaft unter mehr als 30 000 Brieftaubenzüchtern. Und die Gebrüder Hans und Uli Menke errangen 2010 sogar den 1. Platz beim Klinik-Cup des Verbandes, an dem 26 000 Züchter teilnahmen. Hans Menke ist auch Vorsitzender der RV Menden.

A propos Klinik-Cup. Der Verband unterhält eine eigene Taubenklinik in Essen mit drei fest angestellten Tierärzten. Alles zum Wohle der Tauben, aber auch anderer Vögel wie Papageien.

Kulturgut Brieftaubesoll erhalten bleiben

Ich habe mir mal sagen lassen, wie teuer den Züchtern ihr Hobby wird: Pauschal 5 Euro am Tag, so Willi Wallmeier. Man rechne pro Taube etwa 50 Cent pro Tag. Darin ist alles enthalten. Dazu kommt ein Jahresbeitrag von 40 Euro.

Willi Wallmeier beschreibt in seinem „Jahrhundert-Buch zum Jubiläum der RV Menden“ den Werdegang einer Brieftaube: „Jede Brieftaube bekommt neun Tage, nachdem sie aus dem Ei geschlüpft ist, einen Ring am rechten Fuß angelegt. Dieser Ring weist sie Zeit ihres Lebens als Brieftaube aus. Diesen Ring mit seiner Nummernkombination gibt es weltweit nur einmal, er ist unverwechselbar.“

RV-Vorsitzender Hans Menke stellt fest, dass Brieftauben „bereits im Altertum als Überbringer von Nachrichten und Botschaften … dienten“. Bewundernd betont er ihre Fähigkeiten, im „Non-Stop-Flug Entfernungen von 600 km und weit mehr in einem Weg zur Heimat nach Menden zu bewältigen. Den Mendener Züchtern wie denen im Bund und in aller Welt gehe es um die Bewahrung des Kulturgutes Brieftaube und sie in ihrer Art zu erhalten.

Vereinsnamensprechen für sich

Folgende 18 Vereine gehören der RV Menden an (in Klammern das Gründungsdatum): „Heimkehr“ Neheim-Hüsten (1910), „Heimatliebe“ Menden (1920), „Heimkehr“ Fröndenberg (1912), „Treu der Heimat“ Halingen (1925), „Brieftaubenfreunde“ Holzen-Bösperde-Landwehr (1911), „Luftbote“ Ense (2010), „Ruhrbote“ Langschede (1912), „Heimkehr“ Dellwig (1924), „Bergbote“ Neheim-Hüsten, „Auf zur Heide“ Menden (1959), „Vereinte Freunde“ Menden (1924), „Zum Kühlen Grund“ Menden (1986), „Auf zur Heimat“ Lendringsen (1932), „Blitz“ Hüingsen (1971), „Edeltaube“ Böingsen (1957), „Nie gedacht“ Ense (1912), „Treu der Heimat“ Oesbern (1912), „lot gohn wiet well“ Drüpplingsen (1965).