Beten, damit Schwester Oberin nicht krank wird

Fahrt mit dem ADAC ins Sauerland. Für die Kinder eine Abwechselung. Ein Foto von 1929.
Fahrt mit dem ADAC ins Sauerland. Für die Kinder eine Abwechselung. Ein Foto von 1929.
Foto: WP

Menden..  Leicht hatten es die Waisenkinder nicht. Das wussten die Mendener. Etliche Vereine und Institutionen mühten sich in den Jahren zwischen 1910 und 1967, ihnen das Leben zu erleichtern. Dazu gehörten die Schützenvereine, die sie zu Nikolaus bescherten oder deren Königspaare sie am Tag nach dem Fest einluden. Der ADAC nahm sie mit ins Grüne und sorgte mit Ausflügen für unbeschwerte Stunden.

Problematisch war es in den Sommerferien. Zwar konnten einige Kinder ihre Großeltern besuchen, andere aber mussten zu Hause bleiben und gingen mit ihren Nonnen in die Wälder. Tagesausflüge gab es auch, so auch mal in den Westfalenpark nach Dortmund. In den heimischen Wäldern, so wollen Chronisten wissen, haben sich die Jungen und Mädchen am wohlsten gefühlt. Vor allem in den Kapellenberg soll es sie gezogen haben, weil sie dort einen Platz kannten, an dem sie am besten spielen konnten. Unvergessen waren auch die Erholungstage auf Braukmanns Wiese im Heim dort oder in Zelten.

Ich frage mich dennoch nach vielen Gesprächen mit früheren Waisenkindern, wie sie all diese Jahre im Waisenhaus verwunden haben.

Elf Kinder schonan der Ostsee verteilt Die Theatergruppe des Waisenhauses spielte zu Weihnachten und besonderen Anlässen „Die Herbergssuche“. Eine Aufnahme um 1940/41. Die Gruppe soll ein beachtliches Können gehabt haben. Foto: Sammlung Traude

Hubert Dobberstein ist Jahrgang 1944. Der Vater war im Krieg gefallen, die Mutter wurde 1948 mit elf Kindern aus dem Landkreis Deutsch Krone in Westpreußen vertrieben. Mutter starb auf dem Treck nach Westen an der Ostsee an Typhus. Noch unterwegs haben die Behörden die Familie aufgeteilt: Die Familie wurde auseinander gerissen. Hubert Dobberstein und seine etwas älteren Brüder Herbert und Konrad kamen ins Waisenhaus nach Menden, drei Schwestern ins Mendener Lyceum (WBG) und besuchten dort die Haushaltsschule. Die älteren Geschwister im Berufsalter mussten sich irgendwo allein durchschlagen.

Zehn Jahre bis 1958 blieb Hubert Dobberstein im Waisenhaus, wechselte von dort in die Heimstatt auf der Kluse. Besonders an die Weihnachtstage erinnert er sich lebhaft: „Die waren wunderbar.“ Was übrigens auch von anderen bestätigt wurde, die allesamt sagten, Weihnachten sei es am schönsten gewesen. „In der Nacht vor Heiligabend“, so Dobberstein, „haben wir in der Küche im Keller auf Matratzen geschlafen. Die Schwestern haben uns gesagt, wir hätten oben nichts verloren, das Christkind sei unterwegs“, lachte er.

Der Aufenthalt auf Braukmanns Wiese war für alle ein herrlicher Freizeitspaß. Solche Unternehmungen waren Mitte der 50er Jahre keine Selbstverständlichkeit. Eine Menge Vorbereitung war vonnöten. Foto: Sammlung Dobberstein Paul Trost kam überdas Dach ins Waisenhaus

Er hat geholfen, die Kapelle zu schmücken, um 7 Uhr die Messe gedient, immer brav vorher die Turnschuhe angezogen wie ich auch. Vielleicht sind wir uns sogar mal in der Kapelle über den Weg gelaufen. Er hat frühmorgens den Dechanten Cöppicus zur Messe abgeholt. Und er hat sich über Pastor Kalthoff gefreut. Durfte er bei ihm die Messe dienen, erhielt er von ihm eine Mark, aber das sollte er tunlichst nicht den Nonnen sagen. Schaden macht klug.

Denn das Kaufhaus Semer bot älteren Waisenkindern an, um die Weihnachtszeit beim Einpacken der Geschenke zu helfen. Für den Sonntag (vor Weihnachten waren die Sonntage verkaufsoffen) gab es pro Helfer 10 Mark. Das kriegten die Nonnen spitz, nahmen den Kindern das Geld unter dem Vorwand weg, es für sie zu verwahren zu wollen. Nur wiedergesehen haben die Kinder das Geld nicht.

Eingefädelt hatte den Arbeitsdeal ein Nachbarsjunge: Paul Trost vom Kaufhaus Semer, der spätere UWG-Politiker. Er kannte die Kinder aus dem Waisenhaus. Sobald er sich frei machen konnte von Schularbeiten und anderen Pflichten, rannte er über das Kaufhaus-Dach (damals der niedrigere Altbau), kletterte über einen Baum auf das Waisenhaus-Gelände, spielte mit den Kindern, aß manchmal auch mit ihnen und machte sich auf dem selben Weg wieder zurück zum Kaufhaus nach Hause.

Gute Erinnerungen hat Hubert Dobberstein an seine Waisenhauszeit trotz manchmal derber Strafen. „Wir haben sie mal ordentlich mit dem Kleiderbügel gekriegt. Aber dann hatten wir es auch verdient“. Bei so vielen Kindern auf einem Haufen war das offensichtlich nicht einfach für die Nonnen.

Dechant morgensmal fallen lassen

Wie mag man sich als Junge fühlen, wenn Vater im Krieg geblieben ist, Mutter in die Klinik kam, Verwandte ihn abschoben ins Waisenhaus und er schon neun Jahre alt ist, also viel versteht. Bernhard Klüting aus Iserlohn ist es so ergangen. Bis zum 15. Lebensjahr blieb er in Menden, von 1945 bis 1951. Seine Erinnerungen sind „durchwachsen“. Wie Hubert Dobberstein hat er Dechant Cöppicus frühmorgens zur Messe von zu Hause abgeholt. Mit dem Unterschied, dass es im Winter glatt war. Da war Klüting 13. In einer Gasse rutschte Cöppicus weg und fiel zu Boden. So schnell konnte der Jüngling gar nicht zufassen. Cöppicus anschließend: „Jetzt kannst du dem Lehrer sagen, du hast den Dechanten fallen lassen.“

Bittgebete auf der Wallfahrtnach Werl War das eine Freude für Jungen und Mädchen, wenn sie einige Tage zu Braukmanns Wiese durften und dort im Jugendheim bzw. in geliehenen Zelten übernachteten. Foto: Sammlung Dobberstein

Theater gab es wohl häufig. Das hatte mir schon Traude, Jahrgang (1930) gesagt, die der Theatergruppe des Waisenhauses angehörte. „Wir haben oft ,die Herbergssuche’ gespielt. Traude, ihren Namen soll ich nicht nennen, war ins Waisenhaus gekommen, weil Vater Lungenentzündung hatte und die neun Kinder der Familie vor der Ansteckungsgefahr bewahrt werden mussten. Traude war da sechs Jahre alt.

Weihnachten war für alle also ein besonderes Fest im Waisenhaus. Bernhard Klüting weiß noch, wie dann Kinder das Christuskind in einer Krippe durch die Alten-Station getragen haben. Beten war immer angesagt. „Wenn die Oberin krank wurde, mussten wir zu Fuß nach Werl pilgern und dort in der Basilika für sie beten. Deshalb war es besser, schon vorher zu beten, damit sie gar nicht erst krank wurde“… und die Kinder nicht nach Werl laufen mussten, füge ich mal an.

Himbeersaft verdünntmit Hönne-Wasser

Begehrt waren die Waisenhauskinder bei den Mendener Theatergruppen, wenn es Massenszenen gab, auf Feiern für Senioren in Volkringhausen oder bei Hoenhorst in Halingen, um dort Gedichte aufzusagen. Schlimmer war es da schon auf den eigenen Nikolausfeiern, wo Knecht Ruprecht manche Rute kaputtgehauen haben soll.

Unterwegs in der Natur waren sie aber auch. Mit dem Ruthenberg- LKW, um Obst, Bucheckern, Himbeeren zu sammeln. Ziel war das Hönnetal. Auf Ausflügen nahmen sie Himbeersaft in Flaschen mit und verdünnten ihn mit Hönne-Wasser. Hauptsache: noch süß genug. „Wir haben uns da noch an den kleinen Dingen erfreuen können, die Zeit war danach.“

Vergessen hat er nie, dass er nach dem Unterricht in der Wilhelmschule immer sofort ins Waisenhaus zurückkehren musste. Dadurch fühlte er sich stark eingeengt. Wer ihm das nachfühlen konnte, war sein Lehrer Karl Gossner, der damals noch an der Klosterstraße wohnte. Er sagte den Nonnen, er brauche einen Jungen, der für ihn Einkäufe erledige. Das sollte Bernhard Klüting sein. Gossner schenkte ihm sogar ein Fahrrad. Ein unverhofft gewonnenes Stück Freiheit.

Im Jahr 1967 erneutdie Heimat verloren

9. August 1967. Die Zeitungen überraschten übereinstimmend mit der Schlagzeile: „Waisenhaus in der Hönnestadt schließt seine Pforten“.

Die Nachricht ließ an Klarheit nicht zu wünschen übrig: „Mit dem 1. Oktober dieses Jahres schließt das Mendener Vinzenz-Waisenhaus endgültig seine Pforten. Bereits zum 1. September werden die Schulkinder unter den Waisen ihre traute Umgebung verlassen müssen, weil sie zu diesem Zeitpunkt wegen des Schulbeginns in Waisenhäusern der Umgebung untergebracht werden müssen. In Zusammenarbeit mit den zuständigen Jugendämtern in Hemer, Werl, Hamm, Detmold und anderen Städten werden sie eine neue Heimat finden. Wie aus dem Mendener Vinzenz-Waisenhaus verlautet, ist die Schließung unumgänglich geworden, weil drei Kinderschwestern vom Mutterhaus abgezogen werden mussten. Das Altenheim ist von den Maßnahmen nicht betroffen.“

Damit wurden die Waisenhauskinder ein weiteres Mal entwurzelt. 1967, im Jahr der Schließung, hatte das Waisenhaus 67 Kinder in seiner Obhut.