Aus Angst um das eigene Kind nach Menden geflohen

Bei der „Mendener Weltreise“ stehen die Menschen und ihre Kultur im Vordergrund.
Bei der „Mendener Weltreise“ stehen die Menschen und ihre Kultur im Vordergrund.
Foto: Laura Oswald-Jüttner
Was wir bereits wissen
Beim Projekt "Mendener Weltreise" laden Familien mit Migrationshintergrund Gäste in ihr Heim ein. Ein Austausch der Kulturen und Geschichten.

Menden.. Zehn Jahre ist die erste „Mendener Weltreise“ her. 2005 luden erstmals Mendener Familien mit Migrationshintergrund fremde Menschen in ihr Heim ein, um Kontakte zu knüpfen, die eigene Kultur vorzustellen und etwas über ihre Gäste zu erfahren. „Es sind Kontakte geknüpft worden, die noch immer Bestand haben“, freut sich Uschi Schulte Pieper von der Jugendbildungsstätte „Die Kluse“, die nach 2005 auch 2015 mit von der Partie ist.

Am Samstag brachen vier Reisegruppen mittags von der Kluse aus auf. Ihre Reise führte sie zu Menschen aus Syrien, dem Iran, Russland oder der Türkei. Jede Gruppe besuchte zwei Gastgeber, die Westfalenpost durfte bei zwei Familien dabei sein.

Aus Kabul geflohen

Die erste Reise führt zu den Schwestern Hadia und Soha (Namen von der Redaktion geändert). Die beiden jungen Frauen stammen aus Kabul, der Hauptstadt Afghanistans. Sie sind vor gut einem Jahr zusammen mit Hadias Sohn geflohen. Die Begrüßung ist sehr herzlich, die Gastgeberinnen freuen sich sehr über den Besuch. Das Eis ist schnell gebrochen, Hadia und Soha erzählen, wie schön ihre Heimatstadt trotz des Krieges noch immer ist.

Warum sie nach Deutschland gekommen sind, möchten die Gäste wissen. Hadia wird ernst, ihr herzliches Lächeln schwindet kurz: „Als ich 16 war, wurde ich mit einem viel älteren Mann verheiratet.“ Eigentlich ist ihre Familie recht liberal, die insgesamt drei Schwestern mussten sich nicht verschleiern. Doch beim Heiraten waren ihre Eltern traditionell. „Mein Mann hatte noch eine Frau und auch weitere Kinder, das wollte ich nicht“, sagt Hadia. Deshalb hat sie die Scheidung eingereicht. In Afghanistan ist es allerdings dann üblich, dass das Sorgerecht für die Kinder den Vätern zugesprochen wird. Ihr Ex-Mann habe sie bedrängt, den Jungen herauszugeben. „Ich hätte mein Kind niemals zurückgelassen“, erklärt die junge Mutter.

Jeden Tag Deutschunterricht

Obwohl sie erst so kurze Zeit in Deutschland ist, klappt die Verständigung ziemlich gut. Hadia und Soha gehen jeden Tag zum Deutschunterricht, Hadias Sohn geht ganz normal zur Schule. An ein Leben in Afghanistan erinnert er sich kaum noch. Er hat gute Freunde gefunden, fühlt sich in Menden sehr wohl. Nach anfänglichen Schwierigkeiten haben sich auch seine Mutter und Tante eingelebt. Als sie nach Menden kamen, habe sie die Kleinstadt als sehr eng empfunden, erzählt Hadia. Sie habe nicht bleiben wollen, „weil alles so klein und dicht war“. Die Skepsis hat sich in ein Wohlgefühl verwandelt: „Menden ist so eine schöne und relaxte Stadt“, sagt sie heute.

Beim gemeinsamen Essen tauchen die Gäste noch weiter in die afghanische Kultur ein. Hadia hat traditionell gekocht. Es gibt Reis mit Hähnchen und gekochtem Gemüse. Reis gehört zu den Hauptnahrungsmitteln in Afghanistan. Es fällt schwer, diese lustige Runde zu verlassen, aber die nächste Familie wartet.

In der Fröndenberger Straße erwarten Sabina Dzemic und Marko Stefanovic eine weitere Reisegruppe. Das Paar aus Serbien lebt mit seinen drei Kindern seit knapp fünf Jahren in Menden. Vater Marko hat mittlerweile eine Aufenthaltsberechtigung und verdient den Lebensunterhalt als Techniker für CNC-Maschinen bei einem Unternehmen in Hemer. Der älteste Sohn David kommt dieses Jahr in die Schule, seine kleine Schwester Teodora besucht ab August den Kindergarten. Auch diese Familie nimmt ihre Besucher sehr herzlich auf. Die Kinder zeigen nicht die geringsten Berührungsängste, die fast zweijährige Teodora wuselt durch das Wohnzimmer und beobachtet die Gäste.

Sabina wechselt immer wieder zwischen Küche und Wohnzimmer, während Vater Marko die Kinder im Auge behält. „Wir freuen uns sehr, dass wir an der Weltreise teilnehmen dürfen“, sagt Sabina, wird aber sofort ernst. Ihre Situation macht ihr sehr zu schaffen. Während ihr Mann in Menden anerkannt ist, steht Sabinas dauerhafter Aufenthalt in den Sternen, über ihren Asylantrag wurde noch nicht entschieden.

Sabina kam als Kleinkind erstmals mit ihren Eltern nach Menden, damals tobte auf dem Balkan der Bürgerkrieg und als Roma hatte die Familie kaum eine Chance, zu überleben. „Wir wurden dennoch immer wieder abgeschoben, kamen wieder zurück und so weiter. Wir wollten unbedingt bleiben“, sagt Sabina traurig. Was passiert, wenn ihr Asylverfahren abgelehnt wird, darüber mag sie nicht nachdenken. „David hat Angst, dass seine Mama weggeht“, erzählt Marko Stefanovic. Der Fünfjährige musste miterleben, wie seine Großeltern abgeschoben wurden. „Menden ist nach so vielen Jahren meine Heimat, ich gehöre hierher“, sagt Sabina.

Trotz ihres Schicksals wird am Samstag viel gelacht. David zeigt den Gästen sein Zimmer und besteht darauf, immer mittendrin zu sein. Sabina hat ein tolles Menü zusammengestellt mit selbst gebackenem Brot, Salat, Suppe, Kohlrouladen und Grillfleisch. Alles schmeckt herrlich, ein Abendessen wird wohl niemand mehr brauchen.

In der kommenden Woche hat Sabina den nächsten Termin bei der Ausländerbehörde zur Verlängerung ihrer Duldung. Wieder drei Monate warten, hoffen und bangen. Die Familie ist nicht zu beneiden. Dass sie aber dennoch so viel Lebensfreude verbreitet, ist zutiefst beeindruckend. Bei der „Mendener Weltreise“ stehen die Menschen und ihre Kultur im Vordergrund, ihre Schicksale blendet man aber nicht aus. Hier wird dann auch Mendens Integrationsbeauftragter Rüdiger Midasch ein bisschen wehmütig. Er kennt Sabina seit fast 20 Jahren und hofft, dass sie bald endlich ihre Aufenthaltsgenehmigung bekommt. „Wir haben heute Paradebeispiele für gelungene Integration erlebt“, so Midasch. Bleibt zu hoffen, dass das auch bei den zuständigen Stellen deutlich wird.

Zwischen Serbien und Afghanistan liegen hunderte Kilometer. In Menden ist die Entfernung am Samstag auf ein paar Meter geschrumpft. Beide Familien sind unendlich dankbar, dass sie als Gastgeber ausgewählt wurden. „Es wäre schön, wenn die geknüpften Kontakte erhalten bleiben“, sagt Sabina Dzemic zum Abschied und lächelt.