August Weine und seine „Spezereien“

Nach dem Übereignungsvertrag 1950 hieß die Drogerie an der Hauptstraße 28 anfangs weiterhin Weine, aber mit dem Zusatz Inhaber Schulze Bertelsbeck.
Nach dem Übereignungsvertrag 1950 hieß die Drogerie an der Hauptstraße 28 anfangs weiterhin Weine, aber mit dem Zusatz Inhaber Schulze Bertelsbeck.
Foto: WP

Menden..  Da unterrichtet mich ein „Zugereister“, wie es in Menden um 1950 aussah. Zugegeben, ich war da erst acht Jahre alt und er schon 25, aber sein Wissen ist für mich „Gold wert“, weil er es damals aufgeschrieben hat und dadurch noch heute greifbar gemacht hat. Kaum jemand wird mir heute noch sagen können, wer 1950 an Haupt-, Kirch- oder Hochstraße ein Geschäft hatte? Josef Schulze Bertelsbeck, der aus Soest kam und in Menden ein Begriff wurde, kann es und lässt mit den Namen ein Menden auferstehen, das selbst Ältere sich heute kaum noch vorstellen können. Nicht umsonst sagen wir: Wenn unsere Eltern heute noch mal auf die Welt kämen, sie würden Menden nicht wieder erkennen.

Josef Schulze-Bertelsbeck (Jahrg. 1925) hat mich in seinen „Erinnerungen“ und Foto-Alben stöbern lassen. Eine unerschöpfliche Quelle, die er über Jahrzehnte selbst überaus aktiv hat sprudeln lassen.

Drogeriename „zum Roten Kreuz“ verboten

Ich habe nicht gewusst, dass Menden 1898 eine „Drogerie zum Roten Kreuz“ hatte, die sich genau da befand, wo heute der Modeladen Bonita zu finden ist. An der Hauptstraße 28. Aber das war nur für kurze Zeit. Weil August Weine der später geschützte Name „Rotes Kreuz“ untersagt wurde, hieß sein Geschäft fortan „Drogerie August Weine“. Und auf die hatte 1950 der Kaufmann und Fachdrogist Josef Schulze Bertelsbeck, gerade mal 25 Jahre alt, sein Auge geworfen. Er hatte nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft 1947 in einer Apotheke in Bentheim gearbeitet und in der Drogistenzeitung gelesen, dass man in Menden einen Nachfolger für eine Drogerie mit Lebensmitteln suche. Josef Schulze Bertelsbeck nannte später den 12. Mai 1950 seinen Schicksalstag, denn da übernahm er in Menden die Regie an der Hauptstraße 28.

Bescheinigung überden Umgang mit Giften

Aber der Reihe nach. Am 2. Oktober 1897 erschien in der Tageszeitung ein Inserat „Geschäfts-Uebertragung“. Darin gibt Peter Linden bekannt, dass er sein „Drogen-, Material- und Kolonialwarengeschäft“ an den „Herrn August Weine aus Arnsberg“ verkauft habe. Zugrunde lagen Bescheinigungen mit polizeilicher Beglaubigung, ohne die August Weine wohl kaum hätte tätig werden können. Die erste vom 7. April 1898, am selben Tag in Köln beglaubigt: „Ich bescheinige hiermit dem Herrn August Weine aus Arnsberg, jetzt wohnhaft in Menden, daß er in dem Farb-, Materialwaren- und Drogen-Geschäfte der Firma Happe und Bolhöfer zu Lippstadt… tätig war. In diesem Geschäfte wurden auch diejenigen Gifte geführt, welche dem freien Verkauf überlassen sind.“ Unterschrift Fritz Happe.

Erstaunlich eine weitere Bescheinigung, die ein Licht wirft auf die damalige Vorgehensweise: „In Vervollständigung der umstehenden Erklärungen bemerke ich noch, daß der Herr August Weine nach meiner Überzeugung diejenigen Fähigkeiten besitzt, welche im Verkehr mit den in Frage kommenden Giften verlangt werden können.“ Der Leumund stimmte also.

Weine und Suren: kein Konkurrenzdenken

Am 8. Juni 1898 erhielt August Weine vom Deutschen Reich die „Erlaubniß“-Urkunde zum Verkauf von Giften und Chemikalien, die nicht der Apothekenpflicht unterlagen. Aus den Schilderungen seines Nachfolgers Josef Schulze Bertelsbeck geht hervor, dass August Weine aber auch mit „Spezereien“ handelte. Heute nennt man sie Delikatessen.

Absprachen unter Geschäftsleuten gab es damals schon. In diesem Fall wohl eher eine Abgrenzung der Verkaufsinteressen. Weines Ehefrau Wilhelmine erzählte später, es habe Freundschaft bestanden zur Familie Suren, die nach August Weine ebenfalls eine Drogerie in Menden eröffnet hat. Ohne großen Vertrag sei man sich einig geworden, sich gegenseitig keine Konkurrenz zu machen und sich zu spezialisieren. So wollte Suren nur noch Drogerie-Artikel verkaufen, August Weine vornehmlich „Spezereien“.

Feine Gesellschaftkauft bei Weine

Laut der mir vorliegenden Aufzeichnungen von Josef Schulze Bertelsbeck florierte das Delikatessen-Geschäft von August Weine so gut, „dass er alsbald über die Grenzen Mendens hinaus bekannt wurde“. Seine Hauptkundschaft war die Hautevolee (in der Literatur mit vornehme Gesellschaft, Schickeria, Society übersetzt). Dazu gehörten „große und kleine Fabrikanten, Selbstständige und Genießer im ganzen Sauerland“. Die feine Gesellschaft eben. Der Umsatz wurde so groß, dass ein zweigeschossiges Lager mit Wildkeller zur Brandstraße hin angebaut wurde. Weine hatte sich zum führenden Feinkost-Geschäft im Kreis Iserlohn entwickelt.

Prompte Bedienungper Laufbursche und Rad

Es muss damals schon ein überragender Kundendienst bestanden haben. Abgesehen von Freundlichkeit, Sauberkeit und Service. Bestellte Waren wurden durch einen Laufburschen mit Fahrrad prompt zugestellt.

August Weine muss ein geachteter, arbeitseifriger, kluger und lebensfroher Kaufmann gewesen sein, vermutet Schulze Bertelsbeck. Er habe in seinem Geschäft alle guten Markenartikel, besonders Delikatessen, Weine und Spirituosen geführt. Zu Weihnachten soll der neue Wildkeller voll abgehangen gewesen sein mit Hasen, Kaninchen, Fasanen, Rebhühnern. Weines Ansehen in Menden war offensichtlich groß. Der Frühaufsteher war im Vorstand der Volksbank. Es habe kaum eine Sitzung ohne ihn stattgefunden, wird überliefert.

August Weine starb 1940. Seine Frau Wilhelmine geb. Gurris führte das Geschäft weiter bis 1950. Sie stammte aus der Kirchstraße, wo die Familie ein gut gehendes Geschäft mit Lebensmitteln, Haushaltsartikeln und Porzellan betrieb. Auch das ist ein Stück Geschichte über das Leben in Menden um 1900: An Sonntagen hatten diese Geschäfte geöffnet. Vor allem die Landbevölkerung, die nicht so oft mit Pferd und Wagen in die Stadt kam, kaufte nach dem Kirchgang in St. Vincenz in den Innenstadt-Geschäften ein. Heute undenkbar.

Hier nun die Liste von Geschäften, die sich um 1950 an Haupt-, Kirch-, Hoch- und Unnaer Straße befanden. Ein Vergleich mit heute ergibt, dass die meisten nicht mehr bestehen.

Hauptstraßenseitemit den geraden Nummern

Hausnummer 2 Mühle Bongard, Nr. 4 Kappen Filthaut, Nr. 6 Metzgerei Oberkampf, Nr. 8 Miederwaren und Bestecke Dameris, Nr. 10 Möbelhaus Liefländer.

Nr. 12 Textilien Tigges, Nr. 14 Metzgerei Drautzburg, Nr. 16 Tabak Semer, Nr. 18 Apotheke Strötgen, Nr. 20 Schmuck-Uhren Schewe. Nr. 22 Schuhhaus Rössler.

Nr. 24 Porzellan Ammelounx, Nr. 26 Eisdiele Butkamar, Nr. 28 Feinkost und Drogerie Schulze Bertelsbeck, Nr. 30 Bäckerei Pantel. Nr. 32 Spielwaren Brönies.

Nr. 34 Kurzwaren Nahl, Nr. 36 Metzgerei Lesser. Nr. 38 Gasthof Krabus, Nr. 40 Gasthof Knoke bzw. Tengelmann, Nr. 42 Uhren-Schmuck Kaufmann, Nr. 44 Schuhhaus Hammerschmidt.

Nr. 50 Schreibwaren Pferdekämper, Nr. 50 a Drogerie Jochheim, Nr. 52 Lederwaren Langhardt, Nr. 54 … Lebensmittel, Nr. 56 Tapprogge, Nr. 58 Seifen-Waschmaschinen Fastenrath, Nr. 60/62 später Textilhaus Steinhof, Nr. 64 Textilien Dechene.

Hauptstraßenseitevon Hemer bis Sinn

Nr. 5 Kaufhaus Semer, Nr. 9 Textilhaus Grieß & Steinhof, Nr. 11 Lebensmittel Schröder, Nr. 15 Lebensmittel Bach, Nr. 17 Gasthof Löher, Nr. 19 Lebensmittel Friederich, Nr. 21 Musikhaus Dornsaft, Nr. 21 a Textil und Hüte Brockkötter.

Nr. 23 Tabak Grahs, Nr. 25 Kinderkleidung Esser, Nr. 27 Schreibwaren Mommer, Nr. 29 Tic Tac Schröder, Nr. 29 Kaisers Kaffee, Nr. 31 Pelzhaus Köster, Nr. 33 Haushaltswaren Amecke, Nr. 37 Drogerie Suren, Nr. 41 Hutmoden Schwingenheuer.

Nr. 43 Tapeten Alberts, Nr. 45 Lederwaren Hunold, Nr. 47 Betten Heinecke, Nr. 49 Fisch-Feinkost Rump, Nr. 51 Lebensmittel Homberg-Lilotte, Nr. 53 Uhren-Schmuck Bannenberg, Nr. 55 Cafe Ries, Nr. 57 Textilhaus Sinn, Nr. 59 Hotel Mendener Hof.

Von der Hauptstraßeabzweigende Straßen

Hochstraße: Nr. 20 Gasthof Rehbein, Nr. 18 Schirmhaus Neuerburg, Nr. 16 Kino Stöss.

Kirchstraße: Nr. 6 Bäckerei Hollmann, Nr. 7 Frisör Scharpenack, Nr. 8 Drogerie Türich, Nr. 9 Metzgerei Schladot, Nr. 10 Uhren Tuschhoff.

Unnaer Straße: Nr. 1 Lebensmittel Otto Mess, Nr. 3 Hotel zur Post später Feinkost Schulze Bertelsbeck, Nr. 5 Mode Otto Rest später ebenfalls Feinkost Schulze-Bertelsbeck, Nr. 7 Mode Bürger, Nr. 9 Ofen-Böckelmann, Bäcker-Einkauf.

In Teil II schildert Josef Schulze Bertelsbeck, wie sich ihm die Innenstadt so kurz nach dem Krieg präsentierte, was seine unkonventionelle Meinungsumfrage in Menden ergab und was er bei der Übernahme der Drogerie August Weine erlebte. Ein spannendes Stück Nachkriegsgeschichte.