Das aktuelle Wetter Menden 19°C
So war es früher

Auf dem Sofa übermannte ihn das Fernweh

13.02.2016 | 04:00 Uhr
Auf dem Sofa übermannte ihn das Fernweh
Für viele Türken ist Bodrum der Inbegriff des Paradieses. Von 1993 bis zu seinem Tod 2013 wohnte Karlheinz Klüter in diesem geschichtsträchtigen Ort am Mittelmeer und lebte seine Liebe zur Jazzmusik in örtlichen Radiosendungen aus.Foto: Klüter

Menden. Hobby ist zu wenig, so etwas geht nur mit Leidenschaft. Das Leben des Mendeners Karlheinz Klüter (1935-2013) war keines auf einem Sofa, auch wenn er 1983 auf einem Sofa den Beschluss fasste, sofort aufzubrechen zu neuen Ufern. Da hatte er gerade das 10. Balver Jazzfestival in der Höhle erfolgreich abgeschlossen (siehe Teil I). Er wollte weg.

In Bodrum habe ich ihn gefunden, dümpelnd an der Mittelmeerküste in der Türkei. Wie die Kabinenschiffe, die er mit seiner Agentur „blue cruise“ Touristen für Erlebnisreisen vermittelte. Dort war auch die Endstation seiner Sehnsucht, dort besiegte ihn der Krebs.

Das war schon ein Schlag für alle Jazz-Liebhaber, dass „ihr“ Karlheinz so einfach alles hinwarf, was er sich und für sie in vielen Jahren aufgebaut hatte. Er hatte sich ja nicht nur der Jazz-Fotografie verschrieben, sondern vor allem dem Jazz selbst, der Musik, produzierte Platten. Er war nicht nur der Motor im Jazz-Keller an der Turmstraße in Menden, organisierte nicht nur das erste Jazz-Festival am Walram-Gymnasium. Er begründete den Jazzclub Henkelmann in Iserlohn mit, der zum Anlaufpunkt für viele Mendener wurde.

Er setzte auch seine Idee um, Festivals mit bedeutenden Formationen an besonderen Orten anzubieten und damit Tausende Besucher anzulocken. Erst auf der Burg Altena, dann 10 Jahre lang in Europas größter Kulturhöhle in Balve, jeweils über die Pfingstfeiertage und ohne nennenswerte finanzielle Unterstützung (s. Teil I). Vor allem diese Festivals in der Höhle an der Hönne haben ihn unvergessen gemacht.

Solche Gulets vermietete Karlheinz Klüter in Bodrum an Erholungssuchende wie Thomas Gottschalk. Schnittige Schiffe, die nur auf Bodrum gebaut werden. Foto: Archiv Klüter Im Hafen vonCala d’Or abgesoffen

„Wie es dazu kam, dass ich als doch sehr bewusster Mendener der Heimat Adieu gesagt habe, ist ganz simpel erklärt,“ erinnerte er sich. „Es war 1983, ich lag auf dem Sofa und las alles über das Segeln. Das Fernweh rief...“

Klingt ganz einfach. Aber so wie Klüter die weitere Entwicklung schildert, war es das wohl doch nicht. Er kaufte sich ein Schiff auf Mallorca, das jedoch nach drei Monaten mitten im Hafen von Cala D`Or nach Ventilschaden absoff.

Aber aufgeben war nie Klüters Sache, aufheben schon eher. Er ließ also sein Schiff heben, verkaufte sein Haus in Sümmern und zog von einem 180-Quadratmeter-Haus auf ein 14-Quadratmeter-Schiff um. Das Ausbauen des Bootes brauchte Zeit; zu lernen, mit einem solchen Kahn umzugehen, ebenso. „Diese Zeit auf dem Schiff habe ich als eine große Bereicherung erlebt. Ich habe mir selbst beigebracht, mit dem Sextanten nach der Sonne die Position zu errechnen, denn damals gab es die GPS-Geräte noch nicht.“ Irgendwie war das für den hemdsärmeligen Klüter wie eine Rückkehr in die Zeit der 50er Jahre, als er mit Hilfe von Pastor Funke von St. Vincenz in Menden die erste Pfadfinder-Gruppe gründete.

In Finca-Ruine fehltdas Zuhause-Gefühl

Irgendwann landeten Klüter und sein Schiff, das er nach der Jazz-Größe Louis Armstrong „Satchmo“ nannte, in der Türkei im Hafen von Bodrum. Zuvor war er noch nie in der Türkei gewesen. In Bodrum lernte er seine zweite Frau kennen: Pinar, die seit Jahren bereits Sommerurlaub auf dem Campingplatz machte, vor dem sein Boot ankerte. Ihr Haus stand einsam auf einem Berg; sie aber bevorzugte wegen der sozialen Kontakte ihr Zelt auf dem Campingplatz.

Da auch Pinar das Meer liebte, segelten beide ab Richtung Mallorca und bauten dort unternehmungslustig eine Finca-Ruine aus mit Gästehaus, Sauna und Swimmingpool. Sie übten sich anschließend im Tourismusgeschäft, wurden aber mit den Mallorquinern nie richtig warm. Das Zuhause-Gefühl fehlte. Nach fünf Jahren war beiden klar: „Wir gehen jetzt dahin, wo wenigstens einer zu Hause ist.“ Und das war in Pinars Haus in Bodrum. Dort lebte Karl-Heinz Klüter ab 1993.

Eigene Jazz-Sendungim Bodrum-Radio Seine zweite Frau Pinar lernte Karlheinz Klüter auf einem Campingplatz in der Türkei kennen, wo er mit seinem Boot ankerte. Sie genossen die gute Luft von Bodrum. Foto: Archiv Klüter

Bodrum ist ähnlich groß wie Menden, ist aber eine Stadt mit weitaus älterer Geschichte. Bodrum ist das antike Halikarnassos, das den Geschichtsschreiber Herodot und König Mausolos mit dem Weltwunder Mausoleum in seinen Mauern hatte und heute noch für Türken der Inbegriff des Paradieses ist. Bodrum ist für die Türken das, was Sylt für die Deutschen oder St. Tropez für die Franzosen bedeutet.

„In dieser kosmopolitisch geprägten Stadt“, schwärmte Klüter, „fühlte ich mich schnell zu Hause.“ Das hatte auch damit zu tun, dass er sich ausleben konnte mit seinen Hobbys. In den ersten fünf Jahren hatte er wöchentlich Jazz-Sendungen im örtlichen Radio. Wenn auch ohne Bezahlung. Er drehte und produzierte ein Video über Bodrum, stellte die erste Bodrum-Webseite ins Netz. Der NDR wurde auf ihn aufmerksam und filmte ein Interview mit Dagmar Berghoff und Karlheinz Klüter für die Sendung „Heimat in der Ferne“. Noch heute wundert sich Klüter, warum der NDR mit 13 Leuten für eine 2-Minuten-Sendung anrückte. „Reine Geldverschwendung.“

Bootreisen aufGulets vermittelt

Computer und Webseiten aber machten dem gelernten Grafikdesigner mehr und mehr Spaß. Erst erstellte er Webseiten für örtliche Firmen, dann vor allem für sich selbst, besser gesagt für seine Agentur Blaue Reisen. „Diese Seiten werden mittlerweile bei Google ganz oben genannt,“ freute er sich. Schlüsselwort ist das englische „blue cruise“: Diese Agentur vermittelt Bootsreisen, die offenbar so gut ankommen, „dass das schon in Stress ausarten kann“.

Mit seiner Frau genoss er das Leben in der südlichen Sonne mit dem gesunden Klima von Bodrum. „Wir haben eine Menge Freunde, zumeist türkisch, sind beide umtriebig und nehmen am sozialen Leben auch im Winter recht aktiv teil. Denn Bodrum“, so betonte er, „ist keine von den Touristenstädten, die im Winter die Bürgersteige hochklappen.“ Aber, auch das gestand er abschließend: „Sorge bereitet uns beiden die schleichende Islamisierung in der Türkei.“

Kontakt nach Menden und Iserlohn hielt er durch überragende Ausstellungen von Jazz-Fotografien sowohl im Druckhaus Schmücker in Menden als auch im Henkelmann in Iserlohn.

Auch Gottschalk aufeinem Klüter-Schiff

In Bodrum kreuzte auch Thomas Gottschalk seinen Weg und ließ sich auf einer der Klüterschen Gulets verwöhnen. Ein Freund von Thomas Gottschalk hat ihn angeschrieben. Er suche ein Schiff für eine Gruppe, für einen Männer-Freundeskreis von sechs Leutchen.

Darunter beispielsweise Thomas Gottschalk und Fernsehkoch Alfons Schuhbeck. Es muss ihnen wohl gefallen haben, denn die Gottschalk und Freunde buchten ein zweites Mal.

Gulets sind typisch ägäische Holzschiffe unter Segeln und werden nur auf Bodrumer Werften gebaut. Sie sind perfekte Urlaubsschiffe für acht bis 16 Personen, die in großzügigen Doppelkabinen untergebracht sind und Rundumverpflegung genießen. An Bord befindet sich dazu noch die Mannschaft mit Kapitän, Koch und Schiffsjunge.

Ja zu ‘’Wetten, dass...’’:„Ich kann nichts anderes“

Von Gottschalk sagte er, er sei auch als Privatperson die reinste gute Laune. „Ich habe das schon bei meinen Jazzfestivals in Balve erfahren: Die bekanntesten Stars sind die umgänglichsten und natürlichsten Typen.“

Natürlich hat Klüter Gottschalk auf „Wetten, dass…“ angesprochen, ihn bei einem Glas Wein nach der Hype um diese Sendung gefragt und ob er es denn nicht Leid sei, nach so vielen Jahren immer die gleiche Sendung zu machen?

Thomas Gottschalk sei erstaunlich offen gewesen und habe gesagt: „Ich kann doch nichts anderes. Das ist das, was ich gelernt habe.“ Und er hat Klüter von seiner ersten großen Liebe zu einer Türkin in Istanbul erzählt. „Mit ihr hat er über Jahre Liebesbriefe getauscht. Ihre Adresse konnte er jetzt noch postalisch fehlerfrei wiederholen,“ schmunzelte Klüter. Als er mir das erzählte, war er schon vom Krebs gebeutelt, aber noch ungebeugt: „Manchmal fällt es mir schwer zu arbeiten,“ gab er zu. „Ich habe seit zwei Jahren in Istanbul Chemo-Behandlung. Aber auch als 78-Jähriger muss man ja nach vorn denken.“

Claus-Peter Levermann

Kommentare
Funktionen
Fotos und Videos
Bösperde gegen Hombruch
Bildgalerie
Handball Landesliga
Akrobatik statt Mathe
Bildgalerie
Zirkusprojekt
article
11560612
Auf dem Sofa übermannte ihn das Fernweh
Auf dem Sofa übermannte ihn das Fernweh
$description$
http://www.derwesten.de/staedte/menden/auf-dem-sofa-uebermannte-ihn-das-fernweh-id11560612.html
2016-02-13 04:00
Menden