Auch Sternenkinder sind in Gottes Hand

Menden..  Es gibt für Eltern kaum etwas Schlimmeres als den Tod eines Kindes. Besonders entsetzlich ist es jedoch, das Kind noch vor der Geburt, während oder kurz nach der Entbindung zu verlieren. In früheren Zeiten blieben die Eltern mit ihrer Trauer und Verzweiflung meist alleine. Das St.-Vincenz-Krankenhaus steht Betroffenen seit einigen Jahren zur Seite – mit seelsorgerischer Begleitung, aber auch ganz praktischer Unterstützung, die von Anette Schürmann-Basse mit großem Engagement koordiniert wird.

Die Nachricht trifft Eltern wie ein Schock. Aus der Vorfreude auf neues Leben wird blankes Entsetzen. Krankenhausseelsorgerin Anne Berens weiß mittlerweile, was sie erwartet, wenn die Ärzte in der Geburtsabteilung sie zu Hilfe rufen. Weil ein Kind bei der Geburt verstirbt. Oder weil bereits im Mutterleib das Herzchen aufgehört hat zu schlagen. „Die Eltern fragen wieso, weshalb, warum?“, beschreibt die Theologin die Emotionen. Manche Mütter hätten Schuldgefühle, weil sie denken, sie hätten in der Schwangerschaft etwas dramatisch falsch gemacht. „Auf viele Fragen gibt es keine Antwort“, sagt Anne Berens, „wir können nicht trösten, nur gemeinsam mit den Eltern die Trauer aushalten“.

Würdevoll

Die Seelsorgerin hält ein würdevolles Abschiednehmen vom Kind für unverzichtbar. Nur wer sich verabschiede, könne den Verlust verarbeiten. Eine ganze Reihe von Mendenern trägt mittlerweile zu diesem Ritus bei. Die Nähgruppe vom Ludwig-Steil-Haus sowie Beate Hossbach-Schuster nähen und stricken kleine Strampler, Mützen und Tücher für die Sternenkinder. In unterschiedlichen Größen liegen sie im Kreißsaal bereit, um die Kinder nach der Entbindung liebevoll einzukleiden. Es gibt ein kleines Körbchen, Moses-Körbchen genannt, in das das Kind gelegt wird. Die Eltern können Fußabdrücke ihrer Kinder anfertigen lassen. Vom Krankenhaus erhalten die Eltern eine Mappe mit Informationen und Hilfsangeboten. An all den Kosten beteiligen sich Annelie Giacuzzo und Susanne Schmidt-Wolff von der Praxis für Physiotherapie. Und der Oberrödinghauser Künstler Markus Werny hat ein Metallkreuz geschaffen, das die Hoffnung auf Auferstehung ausdrückt. Anne Berens, die eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin absolviert hat, ermutigt die Eltern, ihr Kind beim Namen zu nennen und in den Arm zu nehmen. Das helfe im Wortsinn beim „Begreifen“ des Unfassbaren. Aus diesem Grund werden die Eltern sogar zu Erinnerungsfotos ermutigt.

Gräberfeld auf katholischem Friedhof

Große Anteilnahme finden die verwaisten Eltern auch bei der Beisetzung eines Sternenkindes. Vor einigen Jahren hat die Vincenz-Gemeinde auf dem katholischen Friedhof ein Grabfeld für die Sternenkinder angelegt. Hier finden viermal im Jahr Gemeinschaftsbestattungen statt. Dazu fertigt Bestatter Frank Kämmerling kostenfrei kleine Särge an. Den Blumenschmuck stellt Alexandra Trappmann von „Blumen am Neumarkt“ zur Verfügung, die Beisetzung selbst ist kostenfrei – das sei eine banale, aber nicht zu unterschätzende Hilfe für die Eltern, wie Bärbel Hillebrand vom Kirchenvorstand St. Vincenz weiß. Denn auf die Kosten einer Bestattung sind sie oft nicht vorbereitet. Manche haben gerade erst viel Geld für eine Kinderzimmerausstattung ausgegeben.

Dieses Auffangnetz für die Eltern ist mehr als das Zusammenspiel von Profis. Krankenpflegerin Annette Schümann-Basse bezeichnet es als „Glücksfall“, dass sich so viele Menschen mit denselben Werten und derselben Energie zusammengefunden haben. Nicht nur im Krankenhaus arbeite man Hand in Hand. Auch die Pfarrer von St. Vincenz – früher Bernhard Brackhane und jetzt Jürgen Senkbeil – leisten Unterstützung. „Die katholische Kirche will das Leben von Anfang an schützen, deshalb sorgen wir auch für eine würdige Beisetzung der toten Kinder.“

Das Angebot für die Eltern der Sternenkinder ist ein freiwilliges. Kein Vater, keine Mutter muss es annehmen. Ganz bewusst steht es nicht nur katholischen Eltern zur Verfügung, sondern allen – auch nichtchristlichen – Glaubensrichtungen. Es sind allerdings christliche Worte, mit denen Anne Berens den trauernden Eltern ein wenig Hoffnung machen will: „Die Sternenkinder sind nicht verloren“, sagt sie. „Sie sind in Gottes Hand.“