Angeklagter Flüchtling spricht von Krieg in Asylunterkünften

Thomas Hagemann
Thomas Hagemann
Foto: WP
Ein 35-jähriger Marokkaner steht vor dem Arnsberger Landgericht. Der Mann berichtet von schockierenden Zuständen in Flüchtlingsheimen.

Menden/Arnsberg.. Nach einem blutigen Streit im Flüchtlingsheim an der Bischof-Henninghaus-Straße muss sich der mutmaßliche Täter nun vor dem Landgericht Arnsberg verantworten. Der 35-Jährige ist nach einem Messerstich wegen versuchten Mordes angeklagt. Der Asylbewerber streitet die Tat aber vollständig ab. Vor Gericht kommt zum Auftakt auch eine andauernde Fehde zwischen jungen Männern aus Algerien und Marokko zur Sprache.

Das Herz knapp verfehlt

Der mutmaßliche Täter wird in Handschellen in den Gerichtssaal geführt. Er sitzt seit der Tat am 24. September 2014 wegen Fluchtgefahr in Untersuchungshaft. Der Mann soll damals in der Asylbewerber-Unterkunft einen heute 27-jährigen Algerier mit dem Messer niedergestreckt haben. Das Messer durchbohrte einen Lungenflügel, verfehlte nur knapp das Herz.

Der 35-Jährige sagt, dass er sich vor Gericht selbst verteidigen will. Das darf er nicht. Wegen des schweren Tatvorwurfs hat er einen Pflichtverteidiger zur Seite gestellt bekommen. Ein Dolmetscher übersetzt aus dem Arabischen. Das kostet Zeit.

Der Asylbewerber holt zu einem ausführlichen Vortrag über sein Leben aus. Er erzählt, wie er von einem Leben als Seemann träumte, Schiffsmechaniker lernte und Fischer wurde. Wegen der schlechten Menschenrechtssituation und der Armut in Marokko habe er nach Europa gewollt, kam über Spanien, Portugal und Belgien nach Deutschland.

Es gibt Widersprüche

Im September 2014 war er erst wenige Tage in Menden. Mit dem Messerstich habe er nichts zu tun, sagt der Angeklagte. Es gehe ihm schlecht in der Haft. Aktuell ist er im Justizvollzugskrankenhaus Fröndenberg inhaftiert. „Es ist schon fast ein Jahr meines Lebens vergangen“, sagt er und bricht in Tränen aus.

Am ersten Verhandlungstag gibt es kaum neue Erkenntnisse zum Tatablauf. Die Anklage stützt sich in weiten Teilen auf die Aussage des Opfers. Der 27-Jährige sagt aus, dass es einen Streit in der Küche gegeben habe. Beide seien nach draußen gegangen, um das zu regeln. Der Marokkaner habe da schon ein Messer mitgenommen. „Er hat mich geschlagen. Ich habe zurückgeschlagen. Dann hat er mit dem Messer auf mich eingestochen.“ Der damals alkoholisierte Angeklagte selbst bestätigt nur einen Streit, dann habe er geschlafen. Polizisten nahmen ihn drei Stunden nach dem Messerstich fest.

Viele Details bleiben unklar. Vor allem bei den Ortsangaben gibt es Widersprüche. Auch die Tatwaffe bleibt verschwunden. Die Richter zeigen dem Opfer zwei Messer aus einer Küche des Heimes und ein Messer, das Tage später im Wald gefunden wurde – die mutmaßliche Tatwaffe. Keines der drei Messer habe er jemals gesehen, sagt das Opfer.

Rassistische Dauerfehden

Was öffentlich bislang nur selten zur Sprache kam: Der Angeklagte spricht rassistische Dauerfehden in Heimen an. Marokkaner würden als Hunde beschimpft. Er selbst halte alle Algerier für kriminell. Der Streit werde von jungen Männern ausgetragen. In den Unterkünften schaukele sich das hoch. Diese Erfahrungen habe er auch schon in Hemer und Unna gemacht. „Das ist wie ein Krieg zwischen beiden Parteien.“ Das Opfer sieht das anders: Er habe auch marokkanische Freunde, sagt der vollständig genesene Mann.

Das Verfahren wird am 3. Juni fortgesetzt.

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