An Weiberfastnacht Berliner Ballen gebacken

Fremdsprachenkorrespondentin Ille Günnewig geb. Kemper und ihr Mann, der Konditormeister Rolf Günnewig, beim Kindergeburtstag im Cafe Kissing. Sie hatten das Cafe von 1956 bis 1965 gepachtet.
Fremdsprachenkorrespondentin Ille Günnewig geb. Kemper und ihr Mann, der Konditormeister Rolf Günnewig, beim Kindergeburtstag im Cafe Kissing. Sie hatten das Cafe von 1956 bis 1965 gepachtet.
Foto: WP

Menden..  Karneval im Café Kissing? Die beiden Damen Ille Günnewig (Jahrg. 1928) und Anne Fäsing (Jahrg. 1936) am anderen Telefonhörer lachten: „Luftschlangen ja, und viele, viele Berliner Ballen an Weiberfastnacht haben wir verkauft.“ Da hatte die Backstube Hochbetrieb.

Aber darüber hinaus kaum Helau und Narretei in der „guten Stube“ Mendens. Höchstens tagsüber, wenn die Jecken sich mal für Momente ausruhen wollten.

Prüfung in einer Männerdomäne

Die gelernte Fremdsprachen-Korrespondentin für Englisch und Französisch, Ille Günnewig geb. Kemper von der Turmstraße 26, und die Schleswig-Holsteinerin Anne Fäsing, gelernte Schneiderin und später die erste Frau, die in der bisherigen Männerdomäne die Prüfung als Konditormeister ablegte (1962), müssen es wissen: Sie waren mit ihren Männern Rolf und Friedrich Karl nacheinander fast 20 Jahre lang Pächter des Cafés. Bis dort an der Bahnhofstraße 1975 die Lichter ausgingen. 53 Jahre nach der Gründung durch Josef und Elli Kissing.

Karneval am Abend war nicht möglich. Das Café war ein Tages-Café, schloss um 19 Uhr. Kein Wunder, wenn morgens bereits um 7.30 Uhr geöffnet wurde. Anne Fäsing erinnerte sich, dass nur an den Kirmestagen zu Pfingsten das Café bis 23 Uhr geöffnet hatte.

Dann kamen viele noch abends ins Café. Auch da war es die beste Anlaufstelle, um die Beine vom Latschen über die Kirmes zu entlasten.

Ille Günnewig: „Für uns war im Sommer 1965 Schluss mit dem Café. Was noch an Kuchen und anderen Sachen vorhanden war, wurde zu Billigpreisen abgegeben.“ Aber auch nach der Café-Zeit gab es ein Leben. Weil es in Menden in der Jugendzeit des Frl. Ille Kemper noch nicht möglich gewesen war, das Abitur zu machen, hatte sie das als junges Mädchen in Iserlohn gemacht, anschließend Fremdsprachen studiert und bei der Union in Fröndenberg eine Anstellung gefunden. Der schon mit 62 Jahren verstorbene Konditormeister Rolf Günnewig versetzte die Fremdsprachenkorrespondentin in eine völlig andere Arbeitswelt, als er sie 1956 heiratete und mit ihr das Café Kissing pachtete. Als es nach knapp zehn Jahren vorbei war mit Torten, Kaffee und anderen Leckereien, ging Ille Günnewig halbtags wieder zurück zur Union in ihren erlernten Beruf.

Die beiden Konditorenmeister Anne und Friedrich Karl Fäsing. Sie hatten das Cafe Kissing von 1965 bis 1975 gepachtet. Foto: Fäsing-priva Getränke zur Feuerwehr gebracht

Anne Fäsing übernahm bekanntlich nach ihrer Mendener Zeit die gemeindeeigene „Rastatt“ in Nachrodt-Wiblingwerde. Sie weiß, was los war, als sie und ihr Mann Friedrich Karl (verstorben schon mit 48 Jahren) 1975 im Café aufhörten. „Mein Mann hatte bei der Feuerwehr einen Lebensrettungskurs gemacht. Er kannte sie alle. Also haben wir die Getränke, die noch da waren, zur Feuerwehr gebracht.“

Wie schwer der Kampf um Kunden ist, kennt jeder Handwerker, kennt auch die Kaufmannschaft. Zumal in Zeiten von hoher Arbeitslosigkeit und wenig Geld. Den schon bitteren Wandel in den Cafés beschrieb mir Anne Fäsing so: „Josef und Elli Kissing hatten viel Geld in die Ausstattung ihres Cafés gesteckt. Aber wer geht heute noch ins Café? Alle wollen sparen.“ Ich konnte durch die Telefon-Leitung nicht sehen, ob ein geringschätziges Lächeln in ihren Zügen stand, als sie ein Café in einer Nachbarstadt beschrieb: „Da werden Pommes serviert. Unter einer Silberhaube.“

Für mich ist schon der Gedanke an Pommes in einem Café absurd.