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„So war es früher“

An der Turmstraße stand Mendens „Jazz-Keller“

06.02.2016 | 11:00 Uhr
An der Turmstraße stand Mendens „Jazz-Keller“
Die „Tower Street Stompers“ an Bord eines Schiffes, das sie um 1960 von einem Konzert auf der Nordsee-Insel Langeoog zurück ans Festland bringt. Im Bild Volker Erftmann, Clemens Wegener, Pit Westermann (Rücken), Ernst Chmilewski, Büschers „Vati“, „Stacho“ Mertens (am Bass), Herbert Klockenhof, Herbert Kipper, Gerhard Mertens und Paul Gerard. Foto: Archiv Reinhold „Stacho“ Mertens (+)Foto: Foto: Archiv Reinhold „Stacho“ Mertens (+)

Menden. „Wenn mir diese verdammte Krankheit doch nicht so die Kraft aus dem Körper ziehen würde!“ Ein Verzweifelungsruf von Karlheinz Klüter, mit dem ich gerade einmal mehr ein langes Telefongespräch geführt hatte. Er in Bodrum in der Türkei, ich in Menden, in der Stadt, in der er aufgewachsen und zur Schule gegangen ist.

Wir kannten uns aus dem Jazzkeller an der Turmstraße, von dessen Existenz heute wohl nur noch Eingeweihte wissen. Wenige Monate nach unserem Gespräch starb Karlheinz Klüter Ende Februar 2013. Er wurde 78 Jahre alt. Die Jazzwelt aber horchte ungläubig und fassungslos auf, denn dieser Mann hat in der Szene deutliche Spuren hinterlassen.

Jazz in Balver Höhleund auf Burg Altena

Womit anfangen? Mit den Jazz-Festivals auf Burg Altena, den noch aufwühlenderen in der Balver Höhle? Mit seinen Editionen von Schallplatten der Jazz-Größen aus aller Welt oder mit seiner alles überragenden Leidenschaft, der Jazz-Fotographie? Da gab es ja auch noch sein Ausbüchsen 1983, als sich der Mitbegründer des Jazzclub Henkelmann in Iserlohn (ab 1977) von Sümmern fortmachte und mit einem Segelboot übers Mittelmeer schipperte, bis er im geschichtsträchtigen Bodrum, dem früheren Halikarnassos, an Land ging und dort blieb.

Ein waghalsiger Spagat, der 1935 in seinem Geburtsort Iserlohn begann. Zur Schule gegangen in Menden, laut Klaus Kimna bei Oma am Klevesberg gewohnt. Bei R&G Schmöle eine Lehre gemacht, im Druckhaus von Klaus Vorsmann (später Schmücker) praktische Erfahrungen gesammelt im grafischen Bereich und im Jazz. Klaus Vorsmann war selbst Jazzer (Drummer). Klüter hat sich dann selbstständig gemacht als Grafiker und Photograph. Das Auswärtige Amt in Bonn gehörte 15 Jahre lang zu seinen Kunden für audiovisuelle Medien.

Der Keller lagzu ebener Erde

Aber Jazz und Jazz-Fotografie hatten ihn schon mit 16 Jahren gepackt. 1960 organisierte Karlheinz Klüter am Mendener Walram-Gymnasium (heute Gymnasium an der Hönne) das erste Jazz-Konzert. In jenem Jahr gab es bereits die „Tower-Street Stompers“. Gespielt und geprobt wurde im „Jazzkeller“. Klaus Eckel, der diesen Keller in der WP mal szenisch beschrieb: „Die Bezeichnung Keller führt in die Irre. Das lokale Mekka der Mendener Jazzfans liegt zu ebener Erde und ist mit Tageslicht über zwei Fenster sowie eine große gläserne Dachluke versorgt, durch die der Rauch der vielen Zigaretten aufsteigt…“ Klaus Eckel 1960 über Karl-Heinz Klüter: „Er ist der Boss und geistige Vater der „Stompers“.

Heute steht dortdas neue Rathaus

Obwohl ich später selbst eifriger Besucher des Jazz-Kellers war, habe ich kein Foto von diesem Flachgebäude der Jazz-Musiker. Wir haben damals immer nur von einer Doppel-Garage gesprochen. War sie aber nicht. Dieter Lehmkühler war Vermieter und weiß noch von den Anfängen. Eines vorweg: Wo früher Jazz im „Keller“ gespielt wurde, steht heute das neue Rathaus. Darin für lange Jahre der Technischer Beigeordneter und Jazz-Trompeter bei der Cologne Dixieland-Companie, Werner Velte. Wenn das nicht verbindet.

Laut Dieter Lehmkühler (Jahrg. 1939) ist der Jazzkeller Ende der 50er Jahre von Pit Westermann, Gerhard Mertens, Clemens Wegener und Eckhardt Hübner gegründet worden. Sie waren alle in einer Klasse der ersten Mendener Realschule, ein offensichtlich gelb gestrichener Bau, denn sie nannten ihre Band dort „Yellow Boys Band“.

Die gelben Jungs zogen dann um zur Turmstraße in eine Art „Doppelgarage“ und nannten sich von da an „Tower Street Stompers“. Aber,
diese Doppelgarage war keine
Garage. Sie war erst eine Werkstatt von Textiler Otto Rest. Als der
dort auszog, quartierte sich ein Architekt mit seinem Atelier ein.
Als auch der auszog, übernahmen die Jazzer das Flachgebäude, das in der Verlängerung von Garagen stand.

Pit Westermannwar Mitbegründer

Speditionsunternehmer Dieter Lehmkühler, selbst in deren Alter, überließ den jungen Musikern den Flachbau, sah sich aber nicht als Vermieter. „Ich nahm keine Miete, nur einen Kostenbeitrag.“ Er wusste noch von den ersten Jazzfestivals im Saal des Kolpinghauses, dann bei Menne Oberkampf und auf der Wilhelmshöhe. Pit Westermann, der später als Pastor und Missionar in Südamerika wirkte, lebt laut Dieter Lehmkühler nach seiner Pensionierung auch heute noch in Paraguay. Jetzt als Landwirt.

Als sich die „Tower Street Stompers“ auflösten, weil sich die jungen Musiker beruflich in alle Wind zerstreuten, folgte die zweite Welle der Jazz-Musiker in Menden, angeführt von Klaus Vorsmann (Buchdruckerei). In diese Zeit gehörten Dirk Landwehr, Siggi Reisigge, Willy Berends, Hartmut Erben und viele mehr. Und immer war Karlheinz Klüter als Antriebsmotor dabei. Die Band nannte sich „Town Dixieland Jazz Band“. Anlaufstelle war auch die Gastwirtschaft von Peter Buse an der Bahnhofstraße.

Holz begehrtfür den Kanonenofen

Ich habe Teile dieser zweiten Periode im Jazz-Keller miterlebt. Hautnah. Geändert hatte sich nichts gegenüber den Anfängen. Kanonenofen mitten im Raum. Gespeist wurde er im Winter von allem Brennbaren, was man kriegen konnte. Überwiegend von Holz. Neben Stühlen und Zaunstücken aber auch mal von zu Hause geklauten Kohlen. Oder ein langes dickes Vierkantholz sollte brennen. Das wurde vorn in die Ofenklappe hineingeschoben und hinten von einer Stuhllehne gestützt, damit es nicht auf den Boden krachte. Ständiges Nachschieben sorgte für knisternde Glut.

Es gab feste Probenabende, kein Tanzen, auch wenn Mädchen dabei waren. Keine Alkoholexzesse. Es ging stets gesittet zu. Eltern brauchten nicht um ihren Nachwuchs zu bangen. Einblick von außen war nicht möglich, weil, erstens, die Fenster nie geputzt wurden und, zweitens, die Blendläden ständig geschlossen waren.

Zwischen Philosophieund Weltschmerz

Der Jazz-Keller ist in den knapp 10 Jahren seines Bestehens von Ende 1950 bis Ende der 60er Jahre eine Anlaufstelle für die Jugend geworden, wie man sie sich besser kaum wünschen konnte. Im „Keller“ selbst standen Sofas, Sessel, Stühle, Tische mit gemauerten Steinstützen, lagen Felle auf dem Boden, klebten Schallplattenhüllen und Poster von Jazz-Größen an den Wänden. Musik bis abends 10-11 Uhr, danach wurde philosophiert über Gott und die Welt.

Andere Musik war durchaus zugelassen. Hauptschlager meiner Zeit waren „Peggy Sue“, das Weltschmerzlied von Klaus Vorsmann, oder „Donne-moi ma Chance“ mit Richard Anthony aus dem Jahr 1963.

Klassische Musik gehörte dazu. Ich weiß noch, wie ich im „Weltschmerz“ meiner Jugendzeit auf einem Sofa liegend an einem Samstag tagsüber Beethovens Schicksalssymphonie in voller Lautstärke im Jazz-Keller abspielte. Die Klänge waren bis auf den Westwall zu hören. Plötzlich öffnete sich die Tür. Sabine, des Pastors Töchterlein, trat ein, setzte sich in einen Sessel und hörte zu. Als die Musik endete, sagte sie nur „Danke, Claus“ und marschierte wieder ab. Von dem begnadeten Jazz-Pianisten Siggi Reisigge wussten alle, dass er morgens nach dem Aufwachen am liebsten Beethoven spielte. Hartmut Erben (Iserlohn), auch Bandmitglied und oft in Menden dabei, schilderte das Ende des Mendener Jazz-Kellers kurz und bündig. „Etwa um 1968/69 sind wir rausgeflogen, weil wir ihn nicht mehr nutzten“.

Wie Fledermäusean Höhlenwänden

Der Jazz-Keller war tot, aber Karlheinz Klüter war unermüdlich von Jazz besessen, obwohl er selbst kein Instrument spielte. Er steckte voller Ideen. Burg Altena hatte er sich als verwunschenen Ort schwarzer Jazz-Rhythmen ausersehen. 1970 das erste New Jazz Meeting auf der Burg mit der ersten Jugendherberge der Welt. Die Jazz-Fans von überall her strömten nach Altena.

Ab 1974 hatten es die Mendener Fans näher: Das Festival wechselte in die Balver Höhle, in die größte offene Hallenhöhle Europas. Klüter wusste mit den Pfunden, mit den Superlativen, zu wuchern. Zehn Jahre organisierte er das „Jazzfestival Balver Höhle“ und zog die Jazz-Fans aus aller Welt in die kleine Mendener Nachbarstadt.

Die Jazz-Größen spielten in dieser Höhle, die zum „Felsendom“ umgetauft wurde. An den Festival-Tagen strömten mehr als 7000 Besucher nach Balve. Rundfunk und Fernsehen berichteten, die Tageszeitungen und dpa suchte nach Worten, um das Geschehen zu beschreiben. Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) verbreitete die musikalische Kunde aus dem „Steinzeit-Loch“, sah die Besucher unglaublich dicht an dicht „wie die Fledermäuse an den Höhlenwänden“ hängen.

Vielleicht kann man nachvollziehen, wie groß der Schock in der Jazz-Szene war, als Karlheinz Klüter 1984 alle Zelte zu Hause abbrach und sich einen anderen Traum von Freiheit gönnte (Teil II).

Claus-Peter Levermann

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An der Turmstraße stand Mendens „Jazz-Keller“
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2016-02-06 11:00
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