An den Rosengarten können sich alle erinnern

Hinter dem Cafe Kissing blühte dieser prächtige Rosengarten, auf den die Gäste des Cafes aus großen Fenstern ihre Blicke werfen konnten. Heute ist dort ein Parkplatz.
Hinter dem Cafe Kissing blühte dieser prächtige Rosengarten, auf den die Gäste des Cafes aus großen Fenstern ihre Blicke werfen konnten. Heute ist dort ein Parkplatz.
Foto: WP

Menden. Zehn Jahre lagen zwischen dem Mord an Margot Kissing und dem Tod ihres Vaters Josef Kissing. Mutter und Ehefrau Elli Kissing geb. Filthaut musste zwei Schicksalsschläge hinnehmen, die sie bis zu ihrem Lebensende nicht verkraftet hat. Eine der Folgen war, dass das Café an der Bahnhofstraße ab 1956 nicht mehr von Familienhand betrieben werden konnte, sondern von Pächtern. Rolf und Ille Günnewig geb. Kemper übernahmen das Café von 1956 bis 1965, danach Anne und Friedrich Karl Fäsing von 1965 bis 1975.

Im etwa um 1922 gegründeten Café war Hedwig Reif (1910-1987) angestellt. Sie war zuständig für den Verkauf und blieb dem Café und den Kunden über 40 Jahre ein Begriff. Sie galt als angenehme Person und soll von Margot Kissing als einzige über ihre Liebschaft ins Vertrauen gezogen worden sein. Das Drama aber konnte auch sie nicht voraussehen und verhindern.

Margot Kissing 1946 im Alter von 21 Jahren. Foto: Sammlung Adelheid Rudolf Das Drama um Margot Kissing

Margot (1925-1946) hatte sich zu einem hübschen Mädchen entwickelt, als sie in den letzten Kriegsjahren den in Menden stationierten 24 Jahre alten Kurt R. kennenlernte und sich mit ihm anfreundete. Als Mutter Elli Kissing dahinter kam, verlangte sie von ihrer Tochter, diese Verbindung zu lösen. Sie sollte einen Konditormeister heiraten und mit ihm das Café weiterführen. Das Drama ist bekannt: Der verschmähte Liebhaber fand sich mit dem Liebes-Aus nicht ab, und bei einer letzten Aussprache Ende 1946 ermordete er Margot (s. „Mendener Geschichten“ Band 1).

Ein besonderer Anziehungspunkt blieb das Café für Manfred Reif (Jahrg. 1940) aus der Fuchshöhle. Seine Mutter Maria Reif, geb. Schwarzkopf, war im Haushalt der Kissings beschäftigt. Bei der Geburt von Manfred starb sie. Das Kind aber suchte jetzt die Nähe der Tante Hedwig Reif und besuchte das Café häufig. Manfred durfte sogar in die Backstube und wurde dort verwöhnt. Manfred Reif schilderte „den alten“ Josef Kissing als ruhigen Mann. Von dessen Frau Elli bekam er Café-Eis, nicht das Straßen-Eis, wie sie betont habe. Seine Tante Hedwig sei in den 60er Jahren zum Café Rössler gewechselt und habe manchen Kunden mitgenommen.

Verlust des Kindesnie verwunden

Den Verlust ihres Kindes hat Mutter Elli bis an ihr Lebensende nicht verwunden. Anne Fäsing, letzte Pächterin im Café Kissing, hat noch die Szene vor sich, wie Elli Kissing ihr erzählte, sie verwahre Kleider der toten Tochter im Schrank. Wenn ihre Verzweiflung zu groß werde, öffne sie die Tür und rieche an der Kleidung. Danach gehe es ihr besser.

Als Josef Kissing 1956 starb, war guter Rat teuer. Das Café musste weitergeführt werden. Aber Elli Kissing war jetzt allein. Ohne Ehemann, ohne das einzige Kind, die Tochter. Bereit stand nach wie vor Konditormeister Rolf Günnewig (1925-1987). Zehn Jahre waren seit Margots Tod vergangen. Rolf Günnewig hatte seine Augen auf Ille Kemper (Jahrg. 1928) von der Turmstraße 26 geworfen, Tochter von Franz Kemper. Die beiden heirateten 1956 und pachteten das Café. „Ein Lebenswechsel für uns“, sagte mir Ille Günnewig. Wohl auch finanziell. „Aber wir konnten bei meinen Eltern frei wohnen.“ Heute lebt sie wieder im Elternhaus.

Am Café-Einganggab es Abitur-Schnaps Josefa Vornweg (links) aus Hövel war im Cafe Kissing beschäftigt. Die Aufnahme zeigt sie anno 1947. Sie heiratete 1949 Fritz Gurris. Die Erfahrung im Cafe Kissing ermutigte sie 1953, mit ihrem Mann das Ausflugslokal „Zum Korbe“ zu eröffnen. Foto: Sammlung Theo Ostermann

Es begann allgemein eine Wandlung in den Cafés. Schüler hatten das behagliche Dasein eines Cafés entdeckt und für sich erobert. Ich gehörte auch dazu. Andere Schüler des Walram-Gymnasiums verrieten mir, dass sie manche geschwänzte Schulstunde bei Kissing verbracht haben.

Ein Café zu betreiben ist kein Zuckerschlecken. Arbeit vom frühen Morgen bis zum frühen Abend. So viel Zeit investierte Ille Günnewig auch noch, als sie schon schwanger war, so dass Besucher sich liebevoll sorgten, sie werde wohl direkt aus dem Café ins Krankenhaus gebracht.

Viele Schüler kamen auch nachmittags. Selbst Schularbeiten wurden dort gemacht. Ich gehörte zu einer Arbeitsgemeinschaft, die sich zusammenschloss, um gemeinsam Aufgaben zu lösen z.B. in Mathematik. Nach der letzten mündlichen Abitur-Prüfung , als wir das Abitur endlich in der Tasche hatten, standen Ille und Rolf zum Empfang in der Eingangstür und kredenzten uns einen Schnaps. Diese erlösende Geste habe ich nie vergessen.

Tanz-Café am Abendvon Elli verboten

Während Rolf sich um Torten und Kuchen kümmerte, versuchte Ille zu helfen, wo es eben ging. Der Zustrom junger Leute war enorm. Zu gern hätten die Günnewigs abends im Café noch Tanzabende angeboten, zumal die Tanzkurse bei Karl und Resi Grewe großen Zuspruch fanden. Doch Elli Kissing als Vermieterin hat ihnen ein Tanz-Café untersagt. Vermutlich, weil sie direkt über den Räumen wohnte.

Obwohl es nur neun Jahre waren, die Rolf und Ille das Café betrieben, war es eine Zeit, die „mir Freude gemacht hat. Mir kommen jedes Mal die Tränen, wenn ich heute sehe, was aus dem Café geworden ist“ (erst Gemüseladen, jetzt Imbiss), gestand mir Ille vor wenigen Tagen. Rolf Günnewig wurde nur 62 Jahre alt. Von den Preisen bei den Günnewigs kann man heute nur träumen. „Soweit ich mich mit 85 Jahren erinnern kann“, lachte Ille Günnewig, „kostete ein Stück Obsttorte ohne Sahne 80 Pfennig, Sahnetorte 1 bis 1,20 DM, eine Tasse Kaffee 80 Pfennig.“ Deftiges gab es auch: Ein Ragout-Fin-Töpfchen für 1,40 DM und die Flasche Coca Cola (0,25) für gerade mal 80 Pfennig.

Anne Fäsingerste Konditormeisterin

Anne Fäsing (Jahrgang 1936) lebt heute in Bexhöwede bei Bremerhaven. Sie übernahm das Café Kissing zusammen mit ihrem Mann und Konditormeister Friedrich Karl (1930-1978). Er wurde nur 48 Jahre alt. Sie war die erste Frau, die 1962 als Konditorin die Meisterprüfung bestand, hatte bereits in Iserlohn ein Café mit 20 Sitzplätzen gehabt und übernahm jetzt eines mit 104 Sitzplätzen.

Sie hat noch lebhaft vor Augen, wie die Schüler schon morgens um 7.30 Uhr kamen und noch vor der Schule heiße Zitrone und Kakao bestellten. „Blau machen“ war nicht ungefährlich, denn die Lehrer waren auch damals nicht auf den Kopf gefallen und kannten die „Verstecke“ der Schüler: die Cafés, die Bahnhofsgaststätte oder Tchibo/Eduscho an der Hauptstraße.

Die Cafehaus-Besucher saßen wie in einem Separee, nicht auf dem Präsentierteller. Eine Aufnahme von 1927, aus der erkennbar ist, dass man im Cafe durchaus für sich sein konnte. Dazu eine geschmackvolle Polsterung der Sessel, Stühle und Sofas und lange Läufer am Boden, eigene Haken für Garderobe und ein Ständer für Regenschirme Foto: Archiv Klaus Kimna Partei gründeteihren Ortsverband

Die Innenstadt-Konkurrenz unter den Cafés war zu jener Zeit mit Rössler und Ries besonders groß. Die Preise waren immer noch niedrig. Aber schon etwas höher als bei Günnewigs. Da lagen ja auch zehn Jahre zwischen. Tasse Kaffee für eine DM, Berliner Ballen für 25 Pfennig, Torten zwischen 1 und 1,50 DM pro Stück. Viel Kuchen sei über die Theke gegangen. „Wir haben alles gemacht: Modellierte Marzipan-Torte und -Früchte, Schweinchen und Schokofiguren, Torten und Baumkuchen.“

Nicht mitbekommen hatte das Pächterpaar Fäsing, dass in ihrer Anfangszeit Politik Einzug ins Café hielt. Auf meinen Aufruf, mir Erinnerungen an das Café Kissing mitzuteilen, schrieb mir Günther G. Giese unter anderem: „An einem hellen Sonnentag …1966 oder 1967 … trafen sich im Café Kissing drei Gleichgesinnte: der ältere Herr Zitzke, Heimatvertriebener, … der Schlesier Franz Bürger, allzeit bekennender Katholik, und meine Wenigkeit. Diese drei, Franz Bürger und ich als Parteimitglieder, gründeten einen Ortsbereich der … NPD. Die Partei trat zweimal zur Kommunalwahl an, wenngleich erfolglos. Die Parteifreunde trafen sich später im Bahnhofsrestaurant und im ,Anker’…“

Alle drei Lokalitäten existieren heute nicht mehr.

Anne Fäsing erzählte mir aus der Kirmeszeit. Da hat die Familie Kissing vor dem Café eigenes Eis verkauft (es gab auch eigenes Café-Eis für drinnen). Elli Kissing habe voller Stolz von früher geschwärmt, beim Eisverkauf auf der Pfingstkirmes „haben wir soviel verdient, dass wir davon die Steuer fürs ganze Jahr bezahlen konnten“.

Bettler nahm mehr einals das Café

Eine besondere Begebenheit, über die wir uns auch heute trefflich ärgern würden, verriet mir Anne Fäsing aus der eigenen Pächterzeit. In einem Jahr fiel Heiligabend auf einen Sonntag. Viele Kunden hatten Knusper- und Schokoladenhäuschen, Kuchen und Torten bestellt. An jenem Morgen des Heiligabend aber habe es dermaßen geschüttet, dass kaum jemand den Weg zur Bahnhofstraße genommen habe, um bis 14 Uhr die bestellten Sachen abzuholen. Fäsings blieben auf den meisten Waren sitzen.

Als sie mal einen Schritt vor die Tür wagen konnten, sahen sie im Kohlenschacht neben dem Café einen Bettler sitzen. Ein erbärmlicher Anblick. „Ein armer Hund“, sagten sie sich und gaben ihm eine Mark. „Kurz bevor das Café geschlossen wurde, kam der Bettler an die Kuchentheke und fragte, ob wir ihm 100 DM Kleingeld wechseln könnten. Er stand auf gesunden Beinen, was man vorher im Kohleschacht nicht sehen konnte. Wir selbst hatten keine 100 DM in der Kasse.“ Fäsings haben den Mann zur Tür hinausgejagt. Später kam heraus, dass er bei Wolters Jupp an der Balverstraße („Twietestuben“) einen Mercedes stehen hatte und nach der Betteltour nach Hause fuhr.

Anne Fäsing erinnert sich gern an das schöne Café, an die Chippendale-Möbel, an die grün und dunkelrot gepolsterten Sitze und Sofas. Sie hatte auch noch ein Foto von dem herrlichen Rosengarten, auf den Café-Besucher aus zwei großen Fenstern schauen konnten. Heute ist dort ein Parkplatz. Als ihre Pachtzeit im Café Kissing beendet war, übernahm Anne Fäsing in Nachrodt-Wiblingwerde die gemeindeeigene „Rastatt“ und führte sie zu neuer Blüte.

Schwärmen vomFrankfurter Kranz Margot Kissing (vorn Mitte) anno 1933 im Rosengarten von Cafe Kissing. Sie war die Tochter von Josef und Elli Kissing und sollte dereinst die Cafe-Leitung übernehmen. Doch eine Untat verhindert das. Margot Kissing war acht Jahre alt, als sie mit Freunden und Freundinnen feierte. Im Bild von links: Gertrud Reif (später Frau Vaßen), Hans-Kurt Hüttermann, Ulla Tremblau, Hilde Hüttermann, Gertrud Quinke, Gitta Buse, ??? Hochstein. Foto: Archiv Klaus Kimna

Für Anne Fäsing war abzusehen, dass es mit dem Café Kissing zu Ende ging. Gründerin Elli Kissing war 1974 verstorben. Der Pachtvertrag lief 1975 aus. Es gab gewisse atmosphärische Störungen mit Teilen der Erbengemeinschaft und deren Aussage, das Haus müsse jetzt endlich Geld bringen. Die Konsequenz ist bekannt, das Haus wurde verkauft, das Café 1975 geschlossen.

In Erinnerung geblieben ist Mendens gute Stube bei Christel Ehlert (Jahrg. 1935) von der Papenhausenstraße. Sie arbeitete von 1950 bis 1966 mit Hingabe in der Buchhandlung Kissing gleich neben dem Café. „Dort gab es den besten Frankfurter Kranz“, schwärmt sie. Dazu diese Eleganz mit Orientteppichen und Brücke. Und dann der Blick auf den Rosengarten: Aber diese ganze Schönheit konnte sie nur manchmal genießen. „denn man verdiente ja nicht das Geld, um sich das leisten zu können.“ Sie weiß noch, dass viele ältere Menschen ins Café gingen. „Alle sehr gepflegt“. Offensichtlich wenigstens auf diesem Gebiet eine „gute alte Zeit“.