Am Leib köstlich nass und wieder trocken werden

Das war ein Prachtbau: Ganz rechts hinten die Sporthalle, vorn rechts mit den Fenstern in der Wandmitte und mit dem geschwungenen Treppenaufgang das Jugendheim. Darunter im Erdgeschoss die Wannen und Brausen des Warmwasserbades. Zu sehen links das Eingangsportal zu allen Einrichtungen. In den oberen Räumen die Wohnung des Bademeister-Ehepaares. Das Haus ganz links gehörte zum Schlachthof. Vorn die Verlängerung der Walramstraße und der plätschernde Mühlengraben. Eine Aufnahme von 1922.
Das war ein Prachtbau: Ganz rechts hinten die Sporthalle, vorn rechts mit den Fenstern in der Wandmitte und mit dem geschwungenen Treppenaufgang das Jugendheim. Darunter im Erdgeschoss die Wannen und Brausen des Warmwasserbades. Zu sehen links das Eingangsportal zu allen Einrichtungen. In den oberen Räumen die Wohnung des Bademeister-Ehepaares. Das Haus ganz links gehörte zum Schlachthof. Vorn die Verlängerung der Walramstraße und der plätschernde Mühlengraben. Eine Aufnahme von 1922.
Foto: WP

Menden..  In der Planung sah das protzig aus, in der Realität durchaus schön. Der „Bau des Jugendheimes mit Badeanstalt (Kaiser-Wilhelmbad) und Turnhalle“ an der späteren Walramstraße wurde im Frühjahr 1914 in Angriff genommen und bereits Anfang 1915 im Rohbau vollendet. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 beunruhigte Stadt und Architekten offensichtlich nicht. Die Mendener gingen wohl davon aus, dass sie vom Kriegsgeschehen nicht betroffen sein würden. Die Planer waren so fröhlich bei der Arbeit, dass sie ihre Planbilder sogar mit einem Boot auf der Hönne und mit flanierenden Menschen am Wasser garnierten. Keine üble Vorstellung: Die Hönne als schiffbarer Weg über Ruhr und Rhein bis zur Nordsee.

Die Wirklichkeit holte Stadtobere wie Planer ein. Es gab kriegsbedingte Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Baustoffen und von Arbeitskräften. Die Turnhalle konnte zwar im Spätherbst 1915 in Betrieb genommen werden, die Badeanstalt aber musste bis 1919 warten.

Zu Badeanstalt und Turnhalle gehörte auch ein Jugendheim. Werner Bussmann, erster Jugendamtsleiter der Stadt Menden nach dem 2. Weltkrieg, erzählte mir davon. Als solches habe ich die Räume nicht kennen gelernt, wohl aber zu einem späteren Zeitpunkt als Klassenräume des nahe gelegenen Walram-Gymnasiums.

Feuerwehr hatteVorfahrt auf dem Sportplatz

Die Gesamtsicht wird in der Bauplanung so beschrieben: Die Anlage liegt auf dem vom Realprogymnasium (später Walram-Gymnasium), der Hönne, dem städtischen Schlachthaus und der projektierten Straße umgebenen Spiel- und Sportplatz neben dem städtischen Schlachthof. Ein bisschen schwer zu verstehen. Unsere älteren Bürger sagen einfach dazu: Die lag direkt am Alemannen-Sportplatz. Und wem das nicht reicht, der schwärmt noch heute von den rassigen Feldhandball-Spielen auf diesem Aschenplatz. Die bekanntlich dann in ihrem Spielfluss unterbrochen wurden, wenn aus der Feuerwehrbaracke neben dem Gymnasium die Rettungs- oder Feuerwehrwagen zu Einsätzen ausrückten. Mit Blaulicht und Sirene über die Kampfbahn, dann wieder Anpfiff.

Egal wie, der vorgesehene Neubau wurde 1914 als wirkungsvoller Abschluss des Sportplatzes angesehen, was er dann ja auch war.

Das Gebäude lag imZweistromland

Der Haupteingang zu Badeanstalt und Turnhalle befand sich in etwa gegenüber der heutigen Kreuzung Walramstraße/Brückstraße, nur durch das neue Stück Walram-Straße getrennt vom Mühlengraben. Die Gesamtanlage lag quasi in einem Zwei-Strom-Land in unmittelbarer Umklammerung von Hönne einerseits und Mühlengraben andererseits.

Die Ärzte der Stadt Menden hatten schon vor 150 Jahren gewettert und gemahnt, Menden brauche Bäder, damit die Menschen sich reinigen könnten und so Krankheiten vorbeugten. Ich kann mir kaum vorstellen, wie unsere Mitbürger früher gegen den Wind gestunken haben müssen ohne vernünftige Hygiene. Nicht von ungefähr gab es diese Warmwasser-Bäder bereits in der Badeanstalt Jost an der Stiftstraße (seit 1881) und im Waldschlösschen (s. beide in „Mendener Geschichten“ Band 1). Das waren teils einfache Holzbottiche mit erwärmtem Wasser einer Ofenheizung. Aber sie erfüllten ihren Zweck, auch wenn die Bevölkerung erst einmal an den Gesundheitsgedanken herangeführt werden musste.

Menden bezeichnetals Stadt des Mutes

1929 erschien dazu die Schrift eines unbekannten Verfassers, die uns Einblicke erlaubt in die Vorstellungen der damaligen Zeit: „Zur Erhaltung und Kräftigung der Gesundheit gehört vor allem eine vorzügliche Badeanstalt, an der jede Stadt interessiert sein muss. Das Gefühl einer vernünftigen Körperpflege muß bei uns allen Platz greifen, muß machtvoll Einzug halten, um Leib und Seele frisch und munter zu erhalten.“ Als der Verfasser aber durchaus mode-bewusste Menschen ansprechen wollte, zeigte er, dass er von Werbung Ahnung hatte: „Nicht nur der Leib kann dort köstlich naß und wieder trocken werden – auch der Bubikopf kann seit einiger Zeit, ohne sich erkälten zu müssen, die hiesige Badeanstalt wieder mit getrocknetem Haar verlassen. Werfen Sie bitte einen Groschen in den willigen Fönapparat und schon brummt und summt es um ein holdes Köpfchen und zwei Augen blicken sonnig in den neuen Wandspiegel.“

Das klingt ja so wonnig, dass man nicht anders konnte, als ins Badewasser zu gleiten. „Alles lockt dort zum Verweilen“, schreibt der Bewunderer der Warmwasseranstalt. „Neue Badewannen in weißer Frische, neue Farben, auf daß das Auge sich erfreue und das Herz dir fröhlich werde.“ Zuständig in jenen frühen Jahren war das Bademeister-Ehepaar Lechtleitner. Regelrecht pathetisch wird der muntere Verfasser zum Schluss. „Man kann getrost behaupten, daß eine gute Badeanstalt ein Stück wertvollsten Volksgutes darstellt, und die Stadt Menden, die Stadt des Mutes, marschiert auch auf dieser Linie tapfer voran.“

Gut geklimpertauf der Werbeskala

Nicht immer kamen die Mendener in den Genuss der Bäder: 1923 zum Beispiel nicht, weil die Kohlenpreise so gestiegen waren, dass damit der Betrieb der Bäder nicht mehr kostendeckend erfolgen konnte. Über Monate war das Bad geschlossen.

Das war 1927 anders, als gegenüber dem Vorjahr eine Steigerung der Bäderzahl um gleich 42 Prozent zu Buche schlug: 4195 Wannenbäder, 5967 Brausebäder und 1572 Krankenkassenbäder. Da war was los. Zu solch erfreulichen Zahlen kam es, weil die Stadt den Verkauf von Fünfer-Karten einführte statt der 12er-Karten, die beim Kauf gleich mächtig ins Geld gingen. Und wenn schon, dann richtig: Plötzlich wurden auch Ruhebetten aufgestellt für die medizinischen Bäder.

Schüler durftenkostenlos probieren

Verwaltungsberichte jener Zeit sind ein Füllhorn von Überraschungen. So stellte die Stadt 1931 fest, dass manche Bürger die städtische Badeanstalt an der Walramstraße überhaupt nicht kannten. Die Verwaltung griff zu einem Mittel, das im Handel heute noch Wirkung zeigt: kostenloses Ausprobieren. Schulkinder, die zum Entlassjahrgang gehörten, erhielten die Möglichkeit, je ein kostenloses Wannen- und Brausebad zu nehmen. Schulleiter wurden gebeten, mit den oberen Klassen die Einrichtungen der Badeanstalt zu besichtigen.

1939 machte sich die Einquartierung von Soldaten in der Garnisonsstadt Menden bemerkbar. Die Zahl der Bädernutzer stieg auf 11 305, ein Jahr später auf mehr als 12 000. Aber plötzlich machte sich ein Nachteil des gerade ausgebrochenen 2. Weltkrieges bemerkbar. Als 1940 ein neuer Boiler für Heißwasser samt Rücklaufleitung gebaut werden sollte, scheiterte das daran, dass sich kein Handwerker fand, der die Arbeit hätte übernehmen können.

Viele Wohnungenohne Badezimmer

Ich weiß nicht mehr, ab wann ich die Bäder bei Fritz Fabry aufgesucht habe. Er war mein Schachkollege bei Menden 24, ein Schalk sondergleichen, der sich auch um den Karneval verdient gemacht hat. Zusammen mit seiner Frau Gertrud, von allen nur „Trude“ genannt und ebenfalls ein Ausbund an Fröhlichkeit, umsorgte er seine Badegäste. In ihren Wassern fühlte ich mich pudelwohl und wollte gar nicht wieder raus. Wie man mir später erzählte, muss ich wohl alle Opernarien lauthals gesungen haben, die mir vor die Stimmbänder rutschten. Feststeht, dass ich nicht der einzige Jüngere war, der dort badete. Die Zeit der Zinkwannen zu Hause war vorbei, dafür war man zu groß geworden und nicht mehr 5 oder 6 Jahre alt. Aber ein Badezimmer hatten viele Wohnungen noch nicht. Unsere auch nicht.

Es war schon ein ehrgeiziges Vorhaben der Stadt, an der Walramstraße auch ein Schwimmbecken bauen zu wollen. Direkt neben der Warmwasser-Badeanstalt. Platz hätte man gehabt, denn noch befand sich in der unmittelbaren Nachbarschaft der „alte Schlachthof“ (heute Parkplatz). Die Planer gingen davon aus, dass dessen Gebäude zum Teil fallen würden. Nun, ein Hallenbad gab es zwar ab 1969, aber an ganz anderer Stelle. Der 1892 eröffnete Schlachthof fiel trotzdem, aber erst sehr viel später als angedacht. Nach zwischenzeitlich guten Schlachtzahlen geriet er in den Siebziger-Jahren in die roten Zahlen, wurde Ende 1981 geschlossen und im November 1983 abgerissen. Ein Schwimmbad gab es da natürlich nicht mehr an seiner Stelle, stattdessen einen Parkplatz.

Steinholzbodenfür die Turnhalle

Die Sporthalle ist mir mit gemischten Gefühlen in Erinnerung. Für Turner wohl bestens geeignet, das habe ich auf Bildern gesehen vom MTV Jahn Menden. Ich weiß noch, dass an der Stirnwand eine Bühne war für Veranstaltungen und in einer Ecke der Rückwand hohe Kletterstangen standen. An denen sollten wir hoch im Sportunterricht Richtung Hallendecke. Einige schafften das wie die Kletteräffchen, ich gerade mal 2 m und rutschte wieder runter. Am Anfang der Halle Reckstangen, in Seitenbuchten Pferd, Matten, Böcke, Barren und wie sie alle heißen. Auch Medizinbälle. Aber: Turnen war nichts für mich, wohl aber Fußball draußen auf dem Platz und Basketball.

Umkleideräume waren im Erdgeschoss. Leider während der Unterrichtszeit am Morgen leicht zugänglich auch für Fremde, so dass doch manches Kleidungsstück spurlos verschwand. Wer dem Rat nicht folgte, alles aus den Taschen herauszunehmen und besser im Klassenzimmer zu lassen, hatte schon mal das Nachsehen. Ich habe den Hallenboden als sehr hart und glatt in Erinnerung. In der Beschreibung heißt es dazu: „Extra starkes Linoleum auf Steinholzboden.“ Die Bühne war 7 x 4 m groß, Deckenhöhe 6 m, Hallengröße 15 x 25 m.

Einweihung vorSchlussabnahme

Es hat nicht lange gedauert, bis der Gesamtkomplex Bad, Turnhalle und Jugendheim abgerissen wurde. Kaum war das Hallenbad am Hünenköpfchen 1969 eröffnet, lief auch die Planung für eine Dreifach-Sporthalle auf dem ehemaligen Alemannen-Platz. Die Baugenehmigung erfolgte nach Auskunft der Stadtverwaltung 1971, Rohbau 1972, Schlussabnahme 1973. Erstmalige Nutzung durch das Walram-Gymnasium im Schuljahr 1973/74. Das lief ratz-fatz ab.

Schneller waren nur die Sportler der Stadt Menden und ihr Stadtverband für Leibesübungen. Noch vor der Schlussabnahme durch die Stadt luden die Sportler im Dezember 1972 ein zu einem dreitägigen Einweihungsspektakel der neuen Halle vor dicht besetzten Zuschauerrängen mit Welt- und Europameistern in allen möglichen Sportarten. Heinz Mertens vom SV Menden hatte die Daten parat. Ich hätte es eigentlich auch wissen müssen, denn ich habe an diesen drei Tagen moderiert. Der Gesamtkomplex „Kaiser-Wilhelmbad und Turnhalle“ aus 1914 war überflüssig geworden, wurde schon 1970 abgerissen. Die Walram-Schüler mussten für eine Zeit zum Sportunterricht zur Realschule ausweichen.