Als Gastschüler am Rahel-Varnhagen-Kolleg Deutsch lernen

Mathe-Lehrerin Helen Prünte, Integrationsbeauftragter Rüdiger Midasch und Boje Peters von der Stadt sowie Englisch-Lehrerin Maria Löchter unterstützen den Sprachunterricht.
Mathe-Lehrerin Helen Prünte, Integrationsbeauftragter Rüdiger Midasch und Boje Peters von der Stadt sowie Englisch-Lehrerin Maria Löchter unterstützen den Sprachunterricht.
Foto: WP

Menden..  Sie sind Elektriker, Lkw-Fahrer oder Metallarbeiter. Haben schon mehrere Jahre in ihren Berufen gearbeitet. Aber jetzt drücken sie wieder die Schulbank. Lernen ihre ersten Worte auf Deutsch. Freiwillig. Auch die ersten Benimmregeln sind Thema. „Keine Kaugummis im Unterricht. Und keine Mobiltelefone“, sagt Dr. Gabriele Schulte-Kurteshi mit Nachdruck.

24 Männer sitzen vor der Leiterin der Mendener Außenstelle des Rahel-Varnhagen-Kollegs. Es ist eng in den beiden Sitzreihen. Deutsche Eltern wären gegen diese Platzverhältnisse für ihre Kinder wohl Sturm gelaufen. Doch die jungen Männer aus Syrien, Eritrea und Marokko jammern nicht. Sie alle sind als Flüchtlinge nach Menden gekommen und haben weit Schlimmeres erlebt als Enge. Nun wohnen sie in der Flüchtlingsunterkunft an der Bischof-Henninghaus-Straße. Aber ein Dach über dem Kopf zu haben, reicht nicht. Sie wollen am Leben in ihrer neuen Heimat teilhaben. Dazu ist eines unerlässlich: Deutsch sprechen können. Das ist offenbar ein sehr starkes Motiv: Die Anmeldezahlen für den Sprachkurs sind höher als erwartet.

Stadt zahlt die Fahrtkosten

Aber nicht nur die Teilnehmer sind freiwillig hier. Das ganze Projekt ist ein freiwilliges Angebot, gemeinsam gestemmt durch das Rahel-Varnhagen-Kolleg und die Stadt Menden. Weder das Land Nordrhein-Westfalen noch der Bund organisieren solche Kurse. Geld zahlen sie dafür auch nicht. Denn die „Schüler“ sind Erwachsene im laufenden Asylverfahren – staatlich organisierte Integrationsangebote erhalten sie nicht, die gibt es nur für schulpflichtige Kinder und für Erwachsene mit Bleiberecht. Bis die 24 Männer aus dem Sprachkurs dieses Bleiberecht bekommen, kann es aber im Asylverfahren Monate, ja Jahre dauern.

Dr. Gabriele Schulte-Kurteshi und der Integrationsbeauftragte der Stadt, Rüdiger Midasch, wollen die Zeit bis dahin nicht ungenutzt verstreichen lassen. „Die meisten dieser Männer werden in Deutschland bleiben“, prognostiziert Midasch. „Es ist wichtig, ihnen Perspektiven zu schaffen, Potenziale zu erkennen, sie frühzeitig zu fördern“, begründet er das Projekt. Davon profitiere auch Menden. Und so zahlt die Stadt die Busfahrtkosten für die Teilnehmer von der Flüchtlingsunterkunft Bischof-Henninghaus-Straße zum Steinhauser Weg, und am Rahel-Varnhagen-Kolleg bringen die Lehrkräfte den Unterricht irgendwie in ihrem Wochenplan unter.

Selbstverständlich wäre es schön, wenn Bund oder Land die Kommunen bei solchen Angeboten unterstützen würden, räumt Rüdiger Midasch ein. Standardisierte Kurse zum Beispiel wären ideal, also in allen Städten nach demselben Muster und mit Extra-Geld vom Bund finanziert. Weil es das nicht gibt, müsse die Stadt Menden improvisieren und Partner für freiwillige Angebote suchen. „Ich will den Begriff ,Betteln’ nicht überstrapazieren“, fügt er hinzu. Immerhin: „Das hier ist besser als nichts“, sagt Dr. Schulte-Kurteshi. Auch die Volkshochschule und die AWO sind für Kurse dieser Art offen. Falls weitere Flüchtlinge unterrichtet werden wollen und sich Lehrer finden, kann sich Boje Peters, Stadtverwaltung, zusätzliche Sprachkurse vorstellen.

Deutsche Zahlen kennen lernen

Dass es sich bei dem Angebot nur um einen absoluten Basisunterricht handelt, zeigt der Unterrichtsplan: Vier Stunden pro Woche Deutsch als Fremdsprache, dazu vier Stunden Englisch und zwei Stunden Mathematik. Thema ist alles, was den Schülern im Alltag in Menden weiterhilft. Für den Mathe-Unterricht bedeutet das beispielsweise: Deutsche Zahlwörter kennen lernen und simple Rechenaufgaben fürs Einkaufen.

Englisch-Lehrerin Maria Löchter und Mathe-Lehrerin Helen Prünte müssen dabei Menschen mit sehr unterschiedlicher Vorbildung unterrichten. Manche Teilnehmer waren in ihrer früheren Heimat Studenten. Andere haben nur drei Jahre als Kind die Schule besucht und können so grade eben schreiben und lesen. „Das ist eine große Herausforderung“, sagt Maria Löchter.