1950 Marmelade und Rübenkraut aus Eimern verkauft

Nach nur 4 Wochen Umbauzeit präsentierte sich Feinkost Schulze Bertelsbeck 1957 in der ehemaligen Drogerie August Weine in neuem Gewande: Als erster Selbstbedienungsladen in Menden.
Nach nur 4 Wochen Umbauzeit präsentierte sich Feinkost Schulze Bertelsbeck 1957 in der ehemaligen Drogerie August Weine in neuem Gewande: Als erster Selbstbedienungsladen in Menden.
Foto: WP

Menden..  Eifriges Nicken. „Ja, genau so war es in den ersten Jahren nach dem Krieg“. Ich hatte einige Passagen aus den „Erinnerungen“, von Kaufmann und Fachdrogist Josef Schulze Bertelsbeck älteren Mendenern vorgelesen. Sie haben nicht nur genickt, sie waren sichtlich gerührt, wie wieder ein Stück Vergangenheit in ihnen lebendig wurde. Wie ging das in den Nachkriegsjahren und vor allem 1950 in den Tante-Emma-Läden zu, als Schulze Bertelsbeck die Drogerie August Weine an der Hauptstraße 28 (heute Bonita, s. Teil I) übernahm?

Fast alle Nahrungsmittel wie Mehl, Zucker, Grieß, Graupen, Hülsenfrüchte wurden lose verkauft. Bohnenkaffee gab es nur in ganzen Bohnen. In der Regel trank man ihn nur sonntags. Vermutlich aus finanziellen Gründen gönnte man sich nur 1/8 Pfund (62,5 Gramm). Die Geschäfte hatten zum Mahlen der Bohnen eine große Kaffeemühle. An Kaffeesorten gab es Marken wie Costurica, Santos, Guatemala, Costa Rica, Maragogype, Perlkaffee. Kaffeepulver gab es noch nicht. Ansonsten tranken die Mendener wie die Menschen im übrigen Deutschland Getreidekaffee wie Lindes oder Kathreiner.

Lose Ware kamin Spitztüten

Heute ist das ja wie im Schlaraffenland. Alles handlich abgepackt, schön übersichtlich in Regalen. Bunte Vielfalt. Damals aber wurden Essig, Öl und Maggi aus Kanistern in mitgebrachte Flaschen umgefüllt und verkauft. Gurken und Sauerkraut gab es ebenso wie die Sorten Marmelade Erdbeere, Aprikose und Vierfrucht oder Rübenkraut nur aus Eimern. Der Kunde stand vor der Theke, nannte seine Wünsche und die Verkäuferin holte die Ware. Lose Ware wurde in Spitztüten gefüllt. Den Rest kennen wir Älteren alle noch: Alles wurde auf einen Kassenzettel notiert, ausgerechnet und bar bezahlt. Angeliefert in die Geschäfte wurde die Ware in Säcken, Kartons und Kisten.

Aber bis für Josef Schulze Bertelsbeck, der am 28. Juli 90 Jahre alt wird, an der Hauptstraße 28 die große Aufbruchstimmung stattfand und erst 2003 an der Unnaer Straße zu Ende ging, musste der damals 25-Jährige einige Hürden überspringen. Darunter solche, die Mut verlangten. Er kam aus einer alten Münsterländer Bauernfamilie, wohnte zuletzt in Soest und schaute sich, bevor er 1950 das Pachtangebot der Drogerie Weine annahm, und in Menden sesshaft wurde, das Städtchen erst einmal an. Ermutigend muss das nicht gewesen sein, aber das war es wohl in keiner deutschen Stadt so wenige Jahre nach Kriegsende.

Därme für Wurstvon Wilhelmine Weine

Überall, so erinnert er sich, „war man emsig dabei, die Hausfronten zu verschönern und Schäden zu beseitigen. Die Hauptstraße wurde noch gegenläufig befahren. Wenig Autos, Pferdefuhrwerke, Motor- und Fahrräder und Bollerwagen beherrschten die Straße. Da Kisten, Kästen, Fässer und der Güterverkehr insgesamt weitgehend mit der Bahn transportiert wurden, sah man täglich Ammelounx mit Kutscher Alberts Pferdefuhrwerk bei der Auslieferung der Güterwaren im Straßenverkehr. Expressauslieferung hingegen mit dem Auto nahm die Fa. Dröttboom vor.

Moderne Meinungsumfragen wie heute gab es 1950 noch nicht. Also befragte Schulze Bertelsbeck Passanten auf der Straße nach der Drogerie Weine. Das Ergebnis war durchwachsen: Wenig Ware und Auswahl, unordentlich, nur noch zwei alte Damen und eine Hilfe im Geschäft. Viel zu reparieren.

Dabei darf man nicht vergessen, dass Wilhelmine Weine seit 1940 Witwe war und tapfer durchgehalten hatte, bis es über ihre Kräfte ging. Sie war immerhin schon 78 Jahre alt.

Heide Spelsberg geb. Zimmermann (Jahrgang 1942) wohnte damals am Westwall und hat die Drogerie Weine vor dem Verkauf noch gekannt. Sie ging mit ihrer Großmutter Maria Stockebrand, Ehefrau von Emil Stockebrand, der mehr als 30 Jahre in Menden als Schiedsmann tätig war, zu Wilhelmine Weine. Zu Weihnachten machte Oma Maria selbst Würste und Sülze. Fleisch bekam sie von Metzger Schladot, Därme kriegte sie bei Wilhelmine Weine, dazu Gewürze und die Bindfäden zum Zubinden. „Die Leute haben damals bedauert, dass sie Schluss machte,“ sagte Heide Spelsberg.

Geteilte Klobrilleund Mäusejagd

Es gab auch positive Erkenntnisse bei Schulze Bertelsbeck: Gute Verkaufslage, früher Spitzenlokal, hoher Bekanntheitsgrad. Aber Angebot und Ausstattung waren katastrophal. Seine Eltern rieten ihm ab, sich in Menden bei August Weine selbstständig zu machen. Gründe gab es genug. Krieg und Nachkriegszeit hatten keine Erneuerungen zugelassen. Überall war nur geflickt und ausgebessert worden, selbst die Klobrille bestand aus zwei Teilen. Mäuse im Laden, Ratten im Keller. Die Schaufensterscheibe bestand aus vier Teilen. Die große Scheibe ging im Krieg zu Bruch. Neue gab es nicht.

Abends war Mäusejagd angesagt. Die kleinen Nager waren über die Rückwände in die Waren-Schubladen gelangt, hinterließen ihre Losung. Der frühere Wildkeller, in dem zu guten Zeiten über 100 Stück Wild gehangen hatten, war in den Kriegsjahren und danach vom Personal als Müllhalde missbraucht worden. Eine Einladung für Ratten. Auch die wurden ausgemerzt. Allerdings unter Schmerzen, als ein Lehrling auf eine Ratte einschlug, die der Chef mit dem Fuß festhielt. Der Hammer traf beide, Ratte und Fuß. Josef Schulze Bertelsbeck erinnert sich heute noch, wie er vor Schmerzen durch die Räume hüpfte. Aber er hatte ja selbst aufgefordert, feste zuzuschlagen.

Schluss für Schublädenund Kanonenofen

Ein bekannter Mendener Unternehmer musste mit Pferd und Wagen mehrmals fahren, um den Müll aus dem Keller wegzubringen. Unter dem ganzen Müll fand Schulze Bertelsbeck einen halben Sack kostbaren ungerösteten Rohkaffee. „Leider verdorben“, bedauerte er.

Mit Hilfe seines Vaters stellte Josef Schulze Bertelsbeck den Laden auf den Kopf. Nicht nur die Schubläden verschwanden und wurden durch Regalböden ersetzt, auch der große Kanonenofen, dessen lange Ofenpfeife quer durch den Laden zum Kamin führte, damit ja keine Wärme verloren ging. Schulze Bertelsbeck hatte sich ein ehrgeiziges Ziele gesetzt: „Wir wollen in Menden das beste Delikatessengeschäft sein, wollen uns in Auswahl und Spitzenqualität nicht überbieten lassen.“

Unabhängig vom Warensortiment, das nach seinen Vorstellungen großartig und umfangreich sein musste, haben mich drei Merksätze beeindruckt:
Alle Angestellten müssen gut geschult sein, um den Kunden fachlich und umfassend gut beraten zu können.
Wir müssen ständig für gut ausgebildeten Nachwuchs sorgen.
Die Kassiererinnen sollen wegen ihrer Wichtigkeit die freundlichsten und hilfreichsten Angestellten sein, weil sie dem Kunden den letzten Eindruck vom Geschäft mitgeben.

Nach Umbau 1957Teil-Selbstbedienung

In der ehemaligen „Drogerie Weine Inhaber Schulze Bertelsbeck“, sah es nach und nach übersichtlicher und freundlicher aus. Der Kunde sah jetzt mehr Ware in den Regalen. Lose Ware wurde durch abgepackte ersetzt. Ofen und Ofenrohr waren verschwanden, alte Fensterscheiben wurden durch neue ersetzt.

Es ging aufwärts, auch mit Hilfe einer willkommenen Verstärkung. 1953 heirateten Josef Schulze Bertelsbeck und Anni Hagedorn, die eine Lebensmittel-Feinkost-Ausbildung hinter sich hatte und zudem im elterlichen Betrieb die Buchhaltung geführt hatte.

1957 wagte das Ehepaar einen Umbau zur Ladenvergrößerung ohne Betriebsunterbrechung. Im damals leer stehenden Geschäft Nahl an der Hauptstraße 34 (heute Reisebüro Timmermann) wurde während des Umbaus weiter verkauft. Aber das war noch nicht alles: Ein Jahr später eröffnete Schulze Bertelsbeck eine Filiale am Bräukerweg. Das machte Sinn, denn „Opal, mein Strumpf“ ganz in der Nähe, sorgte seit 1948 mit seiner Strumpffabrikation und einer Belegschaft von fast 1000 Mitarbeitern für Aufsehen und Nachfrage (s. „Mendener Geschichten“ Band I).

Nach vier Wochen Umbauzeit waren die Kunden an der Hauptstraße 28 bass erstaunt: Ein moderner Laden mit neuer Einrichtung und umgestellt auf Teil-Selbstbedienung. Es war das erste Selbstbedienungsgeschäft in Menden. Die Kundenströme wuchsen, Erfolg stellte sich ein.

Wochenarbeitszeitvon 48 Stunden

Es war eine harte Zeit für alle, befand Schulze Bertelsbeck. Zwischen 1950 und 1955 lag die wöchentliche Arbeitszeit noch bei 48 Stunden, das Verkäuferinnen-Gehalt zwischen 200 und 300 DM netto. Danach erst wurde die wöchentliche Arbeitszeit auf 45, dann auf 42, 40 und auf 38 Stunden bei vollem Lohnausgleich reduziert. Urlaubsgeld wurde eingeführt, „unser kleiner Betrieb hatte auf einmal 20 000 DM jährlich mehr zu erwirtschaften.“

Es war mehr Zwang als freier Wille, dass es Schulze Bertelsbeck von der Hauptstraße 28 weg zog. Man kann es auch Eigenbedarf der Vermieter nennen, deren Enkelin selbst mit ihrem Partner das Ladenlokal bewirtschaften wollte. Der erste Mietvertrag dauerte acht Jahre von 1950 bis 1958. Der Vertrag wurde mit dem Umbau um zehn Jahre bis 1968 verlängert.

„Hotel zur Post“wird Delikatesse

Suche nach einer neuen Bleibe. Fündig wurde Schulze Bertelsbeck beim „Hotel zur Post“ an der Unnaer Straße, das nicht mehr so gut lief, um es noch wirtschaftlich führen und Reparaturen vornehmen zu können. Er kaufte es 1963, baute es um und zog 1965 ein. Bis dahin hatte sein Geschäft von der ersten Welle des Nachholbedarfs nach der Währungsreform profitiert. Weitere Wellen waren Kleider-Welle, Möbel-Welle, Hausbau- und Anbau-Welle, Reise-Welle und Auto-Welle.

In Teil III folgt die Geschichte des Feinkost-Geschäftes Schulze Bertelsbeck, das auch an der Unnaer Straße für Furore sorgte.