10 Jahre nach der OP – Das Leben mit der Lunge eines Fremden

Der Mendener Claas Tido Weidner neben Dr. Urte Sommerwerck, Leitende Oberärztin in der Essener Ruhrlandklinik.
Der Mendener Claas Tido Weidner neben Dr. Urte Sommerwerck, Leitende Oberärztin in der Essener Ruhrlandklinik.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Am 22. Januar 2005 wurde Claas Tido Weidner eine neue Lunge transplantiert. Nun spricht Weidner über sein Leben mit einer "Lunge aus zweiter Hand".

Menden/Dortmund.. Die Lunge dieses Mannes muss einfach gut funktionieren, sonst würde er hier nicht wohnen. Wer Claas Tido Weidner besucht, muss – ohne Fahrstuhl – ins dritte Stockwerk des Mehrfamilienhauses laufen. Dass der Mendener für den täglichen Treppenspurt ausreichend Luft hat, ist alles andere als selbstverständlich. Nur dank einer Lungentransplantation geht es Claas Tido Weidner so gut. In wenigen Tagen liegt die Organspende zehn Jahre zurück.

An die Zeit vor der Transplantation kann sich Claas Tido Weidner noch gut erinnern. Jeden Tag musste er sechs Stunden inhalieren, schon wenige Meter zu Fuß schlauchten ihn wie ein Marathon. Ursache war die Stoffwechselerkrankung Mukoviszidose, mit der Claas Tido Weidner auf die Welt kam. „Bis ich 16 oder 17 war, ging es mir eigentlich nicht schlecht“, erinnert sich der heute 38-Jährige, der sein Abitur am Walram-Gymnasium ablegte.

Oft im Krankenhaus

Doch in den dann folgenden zehn Jahren musste er immer wieder in Kliniken. Durch die unheilbare Erbkrankheit verklebte zäher Schleim seine Lunge. Das Lungengewebe wurde immer weiter zerstört; er bekam zunehmend schlechter Luft.

Wenn sich Claas Tido Weidner an das Weihnachtsfest und Silvester vor zehn Jahren erinnert, sieht er sich im Krankenhaus. Die letzten Monate vor seiner Transplantation durfte er die Essener Ruhrlandklinik nicht mehr verlassen. Die WESTFALENPOST besuchte ihn damals, Anfang Januar 2005, erstmals in der Ruhrlandklinik, dem Westdeutschen Lungenzentrum am Uniklinikum Essen.

Auch in den zwei Jahren zuvor war er sehr häufig in der Klinik: „Wenn ich mal nach Hause konnte, habe ich oft am selben Abend Fieber bekommen und musste wieder ins Krankenhaus.“ Auch die bei Mukoviszidose gefährliche Komplikation des Bluthustens trat bei ihm mehrmals auf.

Dennoch blieb er immer zuversichtlich, gab die Hoffnung, dass er rechtzeitig eine neue Lunge bekommen würde, niemals auf. Die Essener Ruhrlandklinik war in dieser Zeit „quasi mein Zuhause. Ob Weihnachten oder Silvester – das waren damals für mich Tage wie andere auch.“

Zweieinhalb Jahre hoffte er auf ein Spenderorgan. Nach einem Fehlalarm – die zunächst für Claas Tido Weidner vorgesehene Lunge war nicht einwandfrei in Ordnung – wurde ihm schließlich am 22. Januar 2005 in der Uni-Klinik Essen eine neue Lunge transplantiert. „Das war ein völlig neues Lebensgefühl“, blickt Claas Tido Weidner zurück.

Stadtmeister im Tennis

Nach der Transplantation erholte sich der Mendener schnell. Er beendete sein Betriebswirtschafts-Studium in Dortmund, fand eine Arbeitsstelle – zunächst bei einem Wirtschaftsprüfer, anschließend wechselte er ins Dezernat Finanzen bei der Fern-Uni Hagen, wo er auch heute noch tätig ist. Zwar hat er aufgrund der Transplantation einen Schwerbehinderten-Status, aber im Berufsalltag spielt dies für ihn und seine Kollegen keine Rolle, berichtet er. Die meisten anderen lungentransplantierten Patienten, so erzählt Claas Tido Weidner, sind nicht berufstätig. Für ihn keine Option: „Wofür habe ich denn die Lunge sonst bekommen?“

Im Herbst 2005, wenige Monate nach der Transplantation, wurde Claas Tido Weidner in Menden Stadtmeister im Tennis. Bis heute ist der Sport ein wichtiger Bestandteil seines Lebens. Regelmäßig spielt er Tennis, mittlerweile nicht mehr beim TCM in Menden, sondern in einer Mannschaft in Dortmund, wo er seit einigen Jahren lebt. Nach wie vor ist der Kontakt nach Menden durch Familie und Freunde eng.

Regelmäßig Kontrolluntersuchungen

Wer Claas Tido Weidner begegnet, sieht ihm auf den ersten Blick nicht an, dass sein Leben anders verlaufen ist als das anderer junger Männer. Wenn er allerdings die große Plastikkiste mit den unzähligen Medikamentenschachteln holt, wird klar, dass er viel dafür tun muss, damit seine Lunge weiterhin so gut funktioniert.

Etwa 60 bis 70 Tabletten nimmt Claas Tido Weidner jeden Tag, darunter Immunsuppressiva, die verhindern sollen, dass sein Körper das Spenderorgan abstößt, und auch Medikamente, die die Nebenwirkungen der Immunsuppressiva mildern sollen. Hinzu kommt, dass er alle drei Monate zu Kontrolluntersuchungen in die Ruhrlandklinik muss.

Im Alltag ist die Lungentransplantation für Claas Tido Weidner kein großes Thema mehr. Er weiß, dass er anfälliger ist für Infekte als andere Menschen, „und manchmal fühle ich mich morgens beim Aufwachen nicht so gut“. Insgesamt lebe er „ein vernünftiges Leben, „ich gucke, dass es mir gut geht“. An den Spender habe er in der ersten Zeiten nach der Transplantation oft gedacht, „irgendwann wird das weniger, aber ich bin natürlich dankbar“.

An seinem Schlüsselanhänger trägt Claas Tido Weidner einen kleinen USB-Stick. Darauf gespeichert sind Arztbriefe und die Namen der Medikamente, die er regelmäßig braucht. Im Portemonnaie befindet sich stets ein Zettel mit einem Hinweis auf den Stick. Was Claas Tido Weidner auch immer bei sich trägt: seinen Organspendeausweis, darauf der Hinweis „Lunge aus 2. Hand“. „Ich weiß nicht, ob meine Organe verwendet werden könnten. Das müssen dann Ärzte entscheiden. Aber wenn, dann würde ich meine Organe auf alle Fälle spenden wollen.“

Abstoßung der Lunge so lange wie möglich hinauszögern

Je länger eine Transplantation zurückliege, desto unvorsichtiger werden viele Patienten, berichtet Dr. Urte Sommerwerck, die als Leitende Oberärztin in der Essener Ruhrlandklinik Claas Tido Weidner behandelt. „Dann nimmt man alles für selbstverständlich.“ Mit Blick auf den Mendener sagt die Fachärztin für Innere Medizin, Pneumologie und Allergologie: „Es gibt kaum einen Patienten, der so folgsam ist.“ Die besten Patienten seien die, die selbst gut auf sich aufpassen.

Und das tut Claas Tido Weidner. Ob Urlaub oder Wochenende: Er nimmt pünktlich um 8 Uhr morgens seine Tabletten. „Ich wache mittlerweile automatisch um die Zeit auf“, berichtet er. Ohnehin ist er sehr diszipliniert. Viele Jahre ist der Mendener morgens um halb sechs Uhr aufgestanden und hat zwei Stunden inhaliert – vor der Schule, später vor der Ausbildung und dem Studium.

Knapp zehn Jahre lebt Claas Tido Weidner nun mit der Spenderlunge. „Niemand spricht gern darüber, aber fest steht: Die chronische Abstoßung kommt“, sagt Dr. Urte Sommerwerck. Es gehe darum, diesen Zeitpunkt so lange wie möglich hinauszuzögern.

Wichtig sei eine gesunde Balance zwischen einem sorgfältigen Blick auf die eigene Gesundheit auf der einen Seite und dem (maßvollen) Genießen des Lebens auf der anderen Seite.

Nachdem Patienten die ersehnte Lunge transplantiert bekommen haben, stehen oft kleine, alltägliche Wünsche im Vordergrund, die für gesunde Menschen selbstverständlich sind: „Viele Patienten“, so berichtet Dr. Sommerwerck, „sagen, dass sie gern einfach mal ohne Sauerstoffgerät durch den Wald gehen möchten.“