Rückkehr auf die „Pilgerautobahn”
07.07.2009 | 21:00 Uhr 2009-07-07T21:00:00+0200
„Sie dürfen sich ruhig wieder voll belasten. Achten Sie nur darauf, ob die Krankheitssymptome wieder auftreten.” Mit diesen Worten gab mir mein Arzt grünes Licht zur Fortsetzung des Jakobsweges, den ich im Frühjahr kurz vor Santiago wegen einer Netzhautablösung im rechten Auge abbrechen musste.
Schon kurze Zeit später sitze ich im Flugzeug nach Spanien. Ich will in Sarria einsetzen, wo meine Krankheit begann und dann noch über Santiago hinaus bis ans Ende der alten Welt, nach Finisterre und Muxia, marschieren. Nachdem ich im Frühjahr bereits 550 Kilometer zurückgelegt habe, bleiben nur noch „schlappe” 240 Kilometer übrig.
Kurz hinter Sarria treffe ich auf eine irische Gruppe. Die Iren fühlen sich in diesem Teil Galiciens mit den kleinen Weilern, grünen Wiesen und Natursteinmauern entlang der Straßen an ihre Heimat erinnert. Kurz darauf begegnet mir ein junger Mann mit einem kleinen Rucksack, den er mit einer gelben Plastikplane abgedeckt hat. Ich frage ihn auf Englisch, ob er eine kurze Tour macht. „Eigentlich nicht, ich bin Russe und schon von Moskau an zu Fuß unterwegs.”
Eins haben alle gemein: Durchhaltewillen
In Coto pflegt ein Österreicher mit Hirschtalg die Wunden an seinem Oberschenkel. „Ich bin an einem Bauernhof von einem Hund gebissen worden, ist aber nicht so schlimm, weil die Zähne nicht ganz drin waren.”
Immer wieder stelle ich bei den Pilgern einen erstaunlichen Durchhaltewillen fest. Man gibt nicht auf, trotz wunder Füße, überdimensionaler Blasen, Zerrungen in den Waden, marschiert weiter mit bandagierten Fuß- oder Kniegelenken.
Kurz vor Santiago wird der Pilgerstrom zum Lindwurm, der Camino zur Pilgerautobahn mit „Stop-and-go-Verkehr”. Hunderte marschieren mit mir ein, die Pilgermesse um zwölf Uhr in der Kathedrale ist eine Massenveranstaltung. Störend ist auch, dass während der Messe die Besucher weiterhin umherlaufen, Blitzgewitter loslassen und den Gottesdienst kaum beachten. Enttäuscht bin ich, dass der berühmte Weihrauchkessel an diesem Tage nicht geschwenkt wird.
Eine stille Einkehr finde ich erst am späten Nachmittag, nachdem der Besucherstrom merklich verebbt ist. Ich kann in Ruhe das Apostelgrab besuchen. Als ich auf einer Bank in einer Ecke der Kathedrale sitze, fühle ich mich gleichzeitig glücklich und traurig. Ein richtig bewegender Moment ist es, als die Dame im Pilgerbüro mir die Compostella, die Urkunde, überreicht und mir auf Deutsch gratuliert.
Der Weiterweg zur Küste ist wirklich lohnend, er führt durch eine hügelige Heidelandschaft, durch duftende Eukalyptuswälder und an fast menschenleeren, weißen Stränden entlang. Die einzigen Geräusche kommen von den Wellen und den kreischenden Möwen. Traf ich vorher mehr als hundert Pilger am Tag, sind es jetzt kaum zwanzig.
Am letzten Tag passiert mir noch ein kleines Missgeschick. Ich muss einen Fluss ohne Brücke überqueren. Da es in der Nacht stark geregnet hat, muss ich Schuhe und Strümpfe ausziehen, um durchzukommen. Leider steigt das Wasser in der Flussmitte bis über die Oberschenkel, zwei Handys in meinen Hosentaschen werden unter Wasser gesetzt, und mein Geld im wahrsten Sinne des Wortes gewaschen. Das hindert mich aber nicht daran, am Kap nach Erreichen des Ziels einen lauten Jubelschrei auszustoßen.
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