Die Ewigkeit endete in der Pogromnacht
14.09.2009 | 17:21 Uhr 2009-09-14T17:21:00+0200
Einst wurde er für die Ewigkeit auf einem Sandhügel angelegt, doch heute erinnert nur noch eine Gedenkstätte an den jüdischen Friedhof an der Münsterstraße.
Zwanzig Gäste waren beim „Tag des offenen Denkmals” am Sonntag zu der Ruhestätte gekommen - der ehemalige Leiter des Stadtplanungsamtes, Wolfgang Balzer, vermittelte Wissenswertes über die Örtlichkeit.
1690 soll der Friedhof an dieser Stelle entstanden sein, auf Höhe der heutigen Goethestraße, „doch das Datum ist nicht ganz gesichert”, sagte er. Bäume und Wiesen umgaben den Friedhof damals, statt Häusern und Straßen. „Lediglich die Münsterstraße existierte”, berichtete er. Über diese Straße konnte die jüdische Gemeinde zur Ruhestätte gelangen, die weit außerhalb der Stadt lag.
Nichts Ungewöhnliches. Denn die Toten werden nicht auf Zeit, wie auf anderen Friedhöfen üblich, sondern für die Ewigkeit bestattet. „Die Totenruhe ist heilig”, sagte Balzer. Sie dürfe nicht gestört werden. Aufgrund dessen kauften jüdische Gemeinden auch meist die Friedhofsflächen auf und zäunten beziehungsweise ummauerten sie.
Wie jüdisches Eigentum und Leben so wurde auch der Friedhof in der Pogromnacht 1938 zerstört. „Ich weiß noch, wie ich hier hin kam. Alle Grabstein waren umgestoßen, Pflanzen zertreten, die ganze Erde aufgewühlt und überall lagen Gebeine herum”, erinnert sich eine Augenzeugin, damals ein kleines Kind. Sie habe auch registriert, dass in den umliegenden Geschäften die Scheiben zerbrochen waren. „Die Gebeine sammelte man ein und brachte sie auf einen alten Kommunalfriedhof in Brambauer, wo man sie in ein Sammelgrab schmiss”, so Balzer. Der Friedhof an der Münsterstraße wurde eingeebnet. Erst 1949 entstand an der Stelle eine kleine Grünfläche mit einem Gedenkstein und 1990 erhielt der Lüner Künstler Reinhold Schröder den Auftrag, den Friedhof neu zu gestalten. Gemeinsam mit jungen Erwachsenen gestaltete er aus Granitsteinen den jüdischen Stern, die Gedenktafel ist aus Basalt.
Ein Zeichen setzte der Künstler auch auf dem Gahmener Marktplatz, wohin der zweite Teil der Führung ging. Hier zeigte der Museumsleiter Wingolf Lehnemann die Veränderung Gahmens von der einstigen Bauernschaft zum Industriestandort, der im Wesentlichen durch den Bergbau geprägt war, bis heute.
Schröder sei es gelungen, „mit der Skulptur die Vergangenheit und Gegenwart zu verbinden”, so Lehnemann. Dem Künstler gelang dies, indem er eine Spirale anlegte, die biologisch-evolutionäre Entwicklungsstadien verkörpert. Sie beginnt bei einem Ei, zieht durch verschiedene Tierstadien hinweg bis zum Menschen. Dieser wiederum blickt zu den Sternen. „Es soll symbolisieren, dass der Mensch über die Erde hinausblickt.”
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